Eher dem eines Menschen, der zu leben weiß. Sieht aus wie ein Skilehrer, hat die „taz“ einmal geschrieben, mit braunem Teint und langem Haar. Einnehmendes Wesen, eloquentes Auftreten, absolut small-talk-tauglich: So gibt sich der Universitätsprofessor, der es als Kapitalismus-Kritiker zu einiger Berühmtheit gebracht hat.

Am Montagabend führte ihn einer seiner Termine nach Hohenlohe. Ausgerechnet die Heilbronner Arbeitgeberverbände hatten ihn als Redner zu ihrem Sommertreff ins Freilandmuseum in Wackershofen gebeten. Auf die Frage, warum Professor Dr. Harald Welzer eingeladen wurde, antwortete Rolf Blaettner, Geschäftsführer der Bezirksgruppe Heilbronn/Franken von Südwestmetall, mit der Gegenfrage: „Warum denn nicht?“

„Das war das Beste seit Langem“

Richtig: Warum eigentlich nicht! Schließlich soll das Zusammenkommen der Arbeitgeber aus der Region auch Plattform für anregende Gespräche sein und die gab’s dann zu Wochenbeginn auch reichlich. So zeigte sich Andreas Wild aus Langenburg nach dem Vortrag beeindruckt: „Das war das Beste seit Langem.“ Und beim Abendessen im Museumsgasthof kamen die Gäste immer wieder auf die Thesen des Soziologen und Sozialpsychologen, der insbesondere in linksintellektuellen Kreisen hohes Ansehen genießt, zu sprechen. Aber eben nicht nur dort. Seine Bücher landen regelmäßig auf Bestsellerlisten, seine Vorträge sind bestens besucht.

Seine Grundthese, die er landauf, landab verkündet: „Damit kommen wir nicht durch.“ Wobei er mit ‚damit’ die derzeitige Form unseres Wirtschaftens meint. Mit der sei das 21. Jahrhundert nicht zu meistern. Wenn die Wirtschaftsbosse weiterhin auf zügelloses Wachstum setzten, sei der Crash unvermeidlich, sagt er im sonoren Vorlesungsmodus. In der Museumsscheune ist es still, die Leute hören aufmerksam bis gebannt zu.

Da berichtet kein Revoluzzer von seinen Umsturzplänen und beschwört das Ende der Welt, da doziert vielmehr ein Wissenschaftler über das, was kommen wird, wenn wir so weitermachen wie bisher. Der Intellektuelle stellt einfache Fragen: Wie denn in einer endlichen Welt unendliches Wachstum stattfinden könne. Eine Frage sicherlich, die sich auch der eine oder andere der Zuhörenden in stiller Stunde schon gestellt hat.

Welzer lehrt auch in St. Gallen. Also an der Universität mit der größten wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät im deutschsprachigen Raum. Dort also, wo zumindest bis vor Kurzem der Glaube ans Wachstum ungebrochen war. Auch in seinen Vorlesungen bemängelt er, dass sich viele Wirtschaftsbosse immer noch „der totalen Fiktion der Grenzenlosigkeit“ hingeben, dass gerade für ihre Produkte immer ein Markt und dazu noch ein wachsender vorhanden sei.

Aber viele wichtige Ressourcen unsere Erde gehen zu Ende, warnt Welzer in Wackershofen. Zudem habe auch die Konsumfähigkeit der Menschen ihre Grenzen. Die Konsequenz daraus sei ganz einfach: „Wir müssen von einem expansiven auf ein reduktives Wirtschaftsmodell wechseln.“ Schon Ludwig Erhard, der Erfinder der sozialen Marktwirtschaft, habe gewusst, dass es kein unendliches Wachstum geben kann.

Für Welzer ist der Paradigmenwechsel unausweichlich. Kein System der Welt sei für die Ewigkeit, auch der Kapitalismus in seiner heutigen Form nicht. Dem nachhaltigen Wirtschaften gehöre die Zukunft, jetzt sei nur noch die Frage, ob die Menschen diese Transformation selbst gestalten wollen, oder die Veränderung in Form einer Krise über sie kommt. Die Zeichen stünden schon auf Veränderung, sagt er und verweist auf unsere Gesellschaft, deren Stresslevel ständig steige. Eines nicht mehr allzu fernen Tages sei das Fass halt voll, und dann. . .

Noch hofft Welzer, dass die Menschen die Notwendigkeit der Veränderung selbst erkennen und es rechtzeitig eine politische Mehrheit für neues Denken und Handeln gibt. „Nur so kommen wir durchs 21. Jahrhundert“, ist er sich sicher. In eine Zukunft, in der die Menschen wissen, dass ihre Art des Lebens das Leben ihrer Kinder und Enkelkinder prägen wird. Die wissen, dass ihr Überfluss die Not ihrer Nachfahren begründet. Eine Gesellschaft, die immer alles haben will, die lasse nicht viel übrig für kommende Generationen. Auch deshalb schreibt und redet Harald Welzer gegen dieses Schreckensszenario an – gerne auch bei Menschen, von denen er weiß, dass sie Einfluss auf den Lauf der Dinge haben, etwa bei Arbeitgebern.

Experte für Nachhaltigkeit

Professor Dr. Harald Welzer ist Soziologe und Sozialpsychologe. Der 57-Jährige ist Mitbegründer und Direktor von „FuturZwei Stiftung Zukunftsfähigkeit“. Er ist Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg und lehrt an der Universität St. Gallen in der Schweiz. Er ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Beiräte, etwa im Rat für nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung .ah