Unter all den Begegnungen ist ihr eine in Erinnerung geblieben: Da kam ein Mann mit etwa zehnjährigem Sohn in ihre Ausstellung, und als er sah, dass der Bub abgelenkt war und niemand sonst zuhörte, fasst er sich ein Herz: „Was ich immer schon wissen wollte – wofür steht eigentlich das INRI auf den Kreuzen?“ Das Staunen der früheren Bächlinger Pfarrerin Marion Schwarze hatte nichts mit fehlenden Lateinkenntnissen zu tun, sondern mit der Erkenntnis, dass sich bekennende Christen oftmals zentraler Glaubensinhalte nicht bewusst sind. Auch deshalb eröffnet sie morgen eine ihrer temporären Ausstellungen.

Ostereier und Osterhasen gibt es keine in diesem bunten Sammelsurium, dafür war kein Platz mehr. Marion Schwarze, Sammlerin vor dem Herrn, wie sie lächelnd zugibt, hat so viele andere Stücke zum Thema Passion und Ostern, die sie vorzeigen möchte. „Vor allem weil Ostereier derzeit überall zu sehen sind.“ Stattdessen spannt sie mit ihren Exponaten einen Bogen vom Einzug Jesu in Jerusalem bis hin zur Auferstehung. Leonardo da Vincis Abendmahl – als Druck natürlich – ist mehrfach aufgegriffen, etwa in Dalis traumhaft schöner Version oder in einer Interpretation aus Äthiopien. Ein Teil des Isenheimer Altars ist zu sehen, zwei von Expertenhand geschriebene Ikonen etwa zur Fußwaschung, außerdem Darstellungen koptischer Christen aus Ägypten. Christentum und Kunstgeschichte sind untrennbar verbunden.

Ostern In Gedenken an Jesus Christus

Sehr Altes, sehr Junges

Bemerkenswert ist das Nebenei­nander von Kunst und Krempel, von Meister- und Laienarbeit. Gedanken zum Tod, die Schüler des Crailsheimer Albert-Schweitzer-­Gymnasiums greifbar gemacht haben, finden sich neben der Replik eines über 800 Jahre alten romanischen Christus mit Königskrone. Ein heftig verfremdetes Kreuz wird durch ein traditionelles Kruzifix aufgefangen, auf dem das INRI in der Sprache der alten Römer verkündet, dass es Jesus von Nazareth, König der Juden, ist, der hier sein Leben lässt. Sogar Symbole für Auferstehung und neues Leben haben in dieser ungewöhnlichen Sammlung ihren Platz: Die zu Schmetterlingen gewordenen Raupen etwa, oder die Pfauenfedern.

Tücher und ihre Geschichten

Im Mittelpunkt der Sammlung stehen 25 Passions- oder Hungertücher. Mehr noch als die Krippen, denen Marion Schwarze in Amlishagen ein ganzes Museum gewidmet hat, sind die Hungertücher vor allem in katholischen Kirchen zu finden, in Württemberg sowieso, wo Luthers Einschätzung dieser Sakralkunst als Gaukelwerk uneingeschränkt übernommen wurde. Wie kommt nun eine evangelische Theologin zu einer solchen Sammlung? Marion Schwarze verweist auf ihre Zusammenarbeit mit dem Hilfswerk Misereor, das den tausend Jahre alten Kirchenbrauch in den 70er-Jahren aufgegriffen hat.

Ursprünglich ging es darum, das Geschehen am Altar zu verdecken, auf dass zum körperlichen ein spirituelles Fasten kam. Mehr und mehr fanden sich dann aber Bilder aus dem alten und neuen Testament auf den Tüchern, weshalb sie auch als „Bibel der Armen“ bezeichnet wurden. Heute gibt es alle zwei Jahre ein neues Tuch, das Leben und Glauben fremder Völker zeigt, zudem immer neue Betrachtungen zum Leiden Christi. Das von Hunger und Armut spricht, aber auch von kulturellem und spirituellem Reichtum. Mit den Jahren sind diese Tücher immer abstrakter geworden; ohne Begleitmaterial oder eben ohne die Ausführungen einer 89-jährigen Herzblut-Theologin erschließen sie sich kaum.

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Metzingen

Info


Die Ausstellung in der Bahnhofstraße 6 in Gerabronn ist am morgigen Palmsonntag, am Karsamstag sowie Ostersonntag und Ostermontag jeweils von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Eintritt frei.

Am Karfreitag gibt es mit der früheren Bächlinger Pfarrerin Dr. Marion Schwarze eine Meditation zum Hungertuch 2019 zum Thema „Mensch, wo bist du?“