Es ist der 26. Juni dieses Jahres, ein Dienstag, die Nacht ist noch lang. In einem ruhigen Wohngebiet in Satteldorf steht ein hochwertiger BMW im Hof. Das Ehepaar, dem das 45 000-Euro-Fahrzeug gehört, ist vor Kurzem erst aus dem Urlaub zurückgekommen. Gegen 2.40 Uhr wird die Frau plötzlich wach, weil sie ein Geräusch hört. Sie hat einen unruhigen Schlaf, weil ihr Kind zahnt. Das erzählt sie nicht vor Gericht, sondern das erzählt ihr Mann gegenüber unserer Zeitung am Telefon.

Den Rest muss man sich ungefähr so vorstellen: „Das ist doch unser Auto“, denkt sich die Frau und sieht nach. Und siehe da: Das Auto ist weg. Dann ruft sie die Polizei. Eine sofort eingeleitete Fahndung bringt allerdings nichts ein. „Im Normalfall sind die weg“, eröffnet ein Beamter dem Ehepaar. So wie zwei Wochen zuvor, als ein paar Straßen weiter ein Auto geklaut wurde. Normalerweise ist die Geschichte hier zu Ende.

Die Polizei versucht noch, das Fahrzeug über den Hersteller zu orten: negativ. Im Kofferraum hat jemand die Innenverkleidung entfernt, der genau wusste, dass sich dahinter der Stecker für die Datenübermittlung befindet. Den Störsender, der später noch gefunden wird, hätte es nicht gebraucht.

Aber die Geschichte ist an dieser Stelle nicht zu Ende. Eine Zivilstreife der bayerischen Polizei legt sich an der A 6 auf die Lauer. Erfahrungswerte zeigen, dass viele gestohlene Fahrzeuge in den Osten wandern. Dann hilft der Zufall.

Es dauert „maximal vier Minuten“, bis der Satteldorfer BMW mit CR-Kennzeichen vorbeifährt. Ganz gemütlich, Tempo 130. So sagt es ein Polizeibeamter vor dem Amtsgericht Crailsheim aus. Am Steuer des gestohlenen Fahrzeugs sitzt der Pole Adrian S., 32, Dachdecker, geschieden, ein Sohn, wohnhaft bei den Eltern, zuletzt arbeitslos.

Baumstamm stoppt BMW

Bevor Adrian S. sich auf den Weg nach Deutschland macht, um ein Auto über Tschechien nach Polen zu fahren, wie er sagt, habe er Amphetamin zu sich genommen. 0,2 Gramm. Überhaupt würde er regelmäßig Drogen konsumieren. Bei dem Mann, der ihn nach Deutschland begleitete, aber den er nur flüchtig kenne, habe er 300 Euro Schulden gehabt. Die sollten ihm nach der erfolgreichen Fahrt erlassen werden. Den Namen will Adrian S. nicht nennen, weil der Mann zu ihm gesagt habe, dass er wisse, wo seine Familie wohne.

Crailsheim/Hall

Auf der Autobahn merkt Adrian S., dass er verfolgt wird – knapp 200 Kilometer von Satteldorf entfernt, ein paar Kilometer vor der tschechischen Grenze. Er nimmt die nächste Ausfahrt Leuchtenberg. Weiter geht es auf der B 22. Als er die Bundesstraße verlässt, gibt er ordentlich Gas. Die Straßen werden dafür immer enger, ein Überholen ist für die Zivilstreife nicht möglich. „Wir haben versucht, dranzubleiben, aber das ist zu halsbrecherisch“, sagt ein Polizist. „Das ist ein Wahnsinn, wie der fährt.“ Dann hätten sie irgendwann den Sichtkontakt verloren.

Die Flucht von Adrian S. endet vorerst in einem Waldstück. Später stellt sich heraus, dass er mit dem BMW an einem Baumstamm hängenbleibt. Dabei verursacht er einen Schaden von rund 14 000 Euro. Für Adrian S. geht die Flucht zu Fuß weiter. Neben dem Auto liegt eine leere Dose Red Bull, darauf ein Fingerabdruck von ihm.

Im Gebüsch und Stroh versteckt

Die Polizei leitet weitere Suchmaßnahmen ein. Es gibt immer wieder Hinweise aus der Bevölkerung auf eine verdächtige Person. Im Einsatz sind Hubschrauber und Hunde. Im nahen Weiden an der Oberpfalz läuft gerade eine Großübung mit acht Hundeführern. Aber die Fahndung verläuft negativ.

Wo ist Adrian S.? Er versteckt sich. Unter anderem in einem Gebüsch, wie eine Saftflasche zeigt, an dessen Mundstück sich seine DNA findet. Wenn er es sich aussuchen könnte, würde er gerne abgeholt werden. Und deshalb steht er per SMS in Kontakt mit anderen. „Wo bist du alter Kumpel?“, heißt es da. Adrian S. versucht seinen Standort durchzugeben. Gegen 15 Uhr erreicht ihn die Nachricht: „Wenn du einen Heuhaufen hast, dann leg dich schlafen.“ Einmal antwortet er: „Ich bin immer noch im Dorf und liege im Stroh.“

Nicht eins, nicht zwei, sondern drei Handys hat Adrian S. bei sich. Auf einem entdecken die Ermittler Bildschirmfotos. Diese zeigen mehrere Wohnadressen im Großraum Crailsheim, neben Satteldorf welche aus Crailsheim, Ilshofen, Schwäbisch Hall, Vellberg, Wallhausen und Kupferzell.

Zweieinhalb Stunden vor dem Diebstahl kommen die Täter in Satteldorf an, sie warten in ein paar Hundert Metern Entfernung. Gemeinsam überwinden sie das sogenannte Keyless-Go-System. „Er hat mir ein Gerät gegeben und gesagt, ich soll an die Haustür gehen. Mit einem zweiten Gerät am Auto hat er dann den Motor angemacht“, sagt Adrian S. Der BMW sei nach zehn Sekunden angesprungen. Nur: Auf der Fahrt durfte der Motor nicht ausgehen, selbst beim Tanken in Ansbach, sonst wäre es nicht weitergegangen.

Dass es zwei Täter gewesen sind, dokumentiert auch eine Dashcam, die das Ehepaar installierte. Sie nimmt von dem Moment an auf, als der Motor startet: 2.40 Uhr und 30 Sekunden. Zu sehen ist, dass das Auto sich bewegt und links eine Person vorbeiläuft. Als Nächstes verfährt sich Adrian S. in einer Sackgasse. Schließlich bemerkt er die Dashcam und reißt sie runter.

U-Haft statt Urlaub

Gegen 18.50 Uhr an diesem Dienstag endet eine verrückte Verfolgungsjagd. Eine ältere Frau meldet eine verdächtige Person in einem Ort namens Michldorf. Wenige Minuten später nimmt eine Streife Adrian S. fest. Er kommt ihnen entgegen. „Er war fertig, ziemlich kaputt, müde“, sagt einer der Polizisten. Adrian S. habe „nicht großartig gesprochen“, aber er habe was von „Holiday“ gefaselt, Urlaub. Seit 27. Juni sitzt er in U-Haft.

Seine Anwältin Christina Glück plädiert im Prozess am Dienstag vor dem Amtsgericht Crailsheim für eine Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung mit einer langen Bewährungszeit. Sie könne sich auch Auflagen vorstellen, zum Beispiel eine Drogentherapie. Adrian S. sei in Deutschland nicht vorbestraft und habe mit schwierigen Haftbedingungen zu kämpfen.

Nur ein „formales“ Geständnis

Richterin Uta Herrmann folgt in ihrem Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft, was das Strafmaß angeht. Sie verurteilt Adrian S. wegen gemeinschaftlichen Diebstahls zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten ohne Bewährung. Zur Verteidigung der Rechtsordnung sei eine Strafe zur Bewährung nicht angezeigt, betont Herrmann. „Wie verständlich wäre eine Bewährungsaussetzung nach dem allgemeinen Rechtsempfinden?“

Das Ganze sei für sie „hart an der Grenze zur Gewerbsmäßigkeit“, so die Richterin weiter, es fehle die Wiederholung. Das Geständnis des Angeklagten sei „nicht offen und ehrlich“ gewesen, sondern „formal“. Er habe lediglich das zugegeben, was die Beweisaufnahme ergeben habe.

Der Diebstahl sei „extrem professionell durchgeführt“ worden, habe „hohe kriminelle Energie“ und ein „enges Zusammenwirken vor Ort“ erfordert, findet Herrmann. Für sie seien die Männer „sehr eng miteinander verzahnt“ gewesen. „Der Angeklagte wusste, dass er sich in eine größere Täterstruktur begibt.“ Zudem würden die Bildschirmfotos zeigen: „Hier war noch mehr geplant.“