Mistlau Utopia Toolbox am Quellhof in Mistlau bietet Platz für Träume und Visionen

Die Aktionskünstlerin Juliane Stiegele will gemeinsam mit Markus Stettner-Ruff vom Quellhof das kreative Potenzial der Menschen herauslocken. Dafür hat sie einen Werkzeugkasten entwickelt: die Utopia Toolbox.
Die Aktionskünstlerin Juliane Stiegele will gemeinsam mit Markus Stettner-Ruff vom Quellhof das kreative Potenzial der Menschen herauslocken. Dafür hat sie einen Werkzeugkasten entwickelt: die Utopia Toolbox. © Foto: Hartmut Volk
HARTMUT VOLK 23.07.2015
Zur "radikalen Kreativität" will Juliane Stiegele anstiften. Die Werkzeuge dafür liefert ihr kollektives Kunstprojekt Utopia Toolbox, mit dem sie noch bis Anfang August am Quellhof Station macht.

Was von Weitem wie eine kleine Baustelle am Jagst-Radwanderweg aussieht, sei de facto so etwas wie ein "temporäres Zukunftsministerium". Das ist eine der Bezeichnungen der Augsburger Künstlerin Juliane Stiegele für den grauen Metallcontainer mit der großen roten Aufschrift Utopia Toolbox, der sonst im öffentlichen Raum großer Städte wie Augsburg, Helsinki und Taipeh steht und seit Freitag am Rande der Wiese vor dem Quellhof aufgebaut ist.

Für alle Anliegen der Bürger gebe es "Ämter ohne Ende". Aber für die in ihren Augen wichtigste Ressource des Menschen, nämlich seine Träume und Visionen, finde sich nirgendwo eine Anlaufstelle. Hier setzt Juliane Stiegele mit ihrem Aktionskunstprojekt ein. In der Utopia Toolbox sind Menschen jeden Alters und jedes Arbeitsbereichs eingeladen, frei und unzensiert ihre auch unrealistischsten Träume zu äußern. "Was willst du wirklich?" steht groß auf den Fragebogen, die Stiegele zusammen mit Markus Stettner-Ruff vom Seminarhaus Quellhof den interessierten Passanten und Besuchern aushändigen.

Viele seien mit dieser scheinbar schlichten Frage zunächst komplett überfordert, berichtet Stettner-Ruff von den Begegnungen in der Anlaufphase des Projektes. Einer der vielen Radtouristen, die am Container vorbeikommen und vom Projektteam angesprochen werden, stellten gar bestürzt fest: "Das hat mich bisher noch nie jemand gefragt!"

Beeindruckt zeigte sich Stettner-Ruff von der Selbstverständlichkeit, mit der die behinderten jungen Menschen aus Weckelweiler, die am Freitagabend auf der Jagstwiese campten, mit der Frage umgingen. Unbefangen äußerten sie ihre Träume und Wünsche. "Mein Traum ist es, einmal ein normales Leben führen zu können und eine Familie zu gründen" schreibt eine junge Frau. Auch die Schritte, die dort hinführen sollen, kann sie schon konkret benennen.

Die zentrale Frage "Was will ich?" wird von den Veranstaltern auf drei Ebenen gestellt: Was wünsche ich mir für mein persönliches Leben, was sind meine Zukunftsträume auf der gesellschaftlichen Ebene, für meine Kommune und mein Land, und was sind meine globalen Utopien für die Erde, die Menschheit und die Welt von morgen? Die wichtigste Frage allerdings ist für Juliane Stiegele Frage Nummer 4: "Was kann ich am heutigen Tag schon dafür tun, um meinen Träumen ein Stück näher zu kommen?"

Alle Beiträge werden schriftlich oder per Tonaufnahme dokumentiert. Nach Ende der Aktion sollen sie in CD- und Printform veröffentlicht werden und zudem an Ortsvorsteher Gerhard Stahl, den Kirchberger Bürgermeister Stefan Ohr sowie an Landrat Gerhard Bauer übergeben werden. Über das Projekt soll auch ein Filmtrailer erstellt werden.

Während der zwei Projektwochen auf der Quellhofwiese findet ein allabendliches öffentliches Kulturprogramm statt, mit Vorträgen, Musik, Filmen, Bewegung, Literatur und Gesprächsrunden. Die Utopia Toolbox University ist ein weiteres Element des kollektiven Kunstprojekts, in dem offen und interdisziplinär Kontakte und Austausch zwischen allen Feldern der Gesellschaft stattfindet und eine Sammlung kreativer Potenziale entstehen soll. Juliane Stiegele betont, was ihr dabei wichtig ist: "Die Utopia Toolbox soll keine Jammerkiste sein, sondern ein Ort, wo kreative Ideen entwickelt und gebündelt werden."

Info Die Utopia Toolbox ist noch bis 2. August täglich von 12 bis 20 Uhr geöffnet. Ab 20 Uhr findet die Utopia Toolbox University statt. Das ausführliche Programm gibt es unter www.quellhof.de, "Aktuelles".

Ausstellung über Beuys wird am Sonntag eröffnet

Die Ausstellung "Beuys. Platanen und Basalte" wird am Sonntag, 26. Juli, um 18 Uhr in den Räumen des Quellhofs in Mistlau eröffnet. Für seine künstlerische Aktion "7000 Eichen" anlässlich der Documenta 7 in Kassel pflanzte Joseph Beuys am 16. März 1982 den ersten Baum vor dem Portal des Fridericianums. Bis zum letzten Exemplar und somit bis zum Abschluss des Projektes dauerte es fünf Jahre. Beuys selbst erlebte dies nicht mehr. Der Philosoph Albert Vinzens (Idee/Texte), Bernhard Rüffert (Fotografien) und Joachim J. Kühmstedt (Konzept/Gestaltung) spüren dem Zustand der Stadtskulptur nach.

Der Quellhof in Mistlau präsentiert zwischen dem 26. Juli und 22. Dezember die Projekttafeln des 2013 erschienenen Buches "Beuys. Platanen und Basalte" und öffnet das Bewusstsein über die Kasseler Stadtlandschaft hinaus für Baum und Stein in der unmittelbaren Umgebung.

Am Sonntag führen Albert Vinzens und Bernhard Rüffert durch die Ausstellungseröffnung, begleitet von der Künstlerin Jeanette Dietrich, die ausgewählte Passagen aus dem Buch liest, und von der Bratschistin Johanna Lamprecht. Auch Dokumentarfilmaufnahmen des einzigartigen Kunstwerks aus Kassel von und mit Joseph Beuys werden gezeigt.

PM