Neubronn Urlaub mit Familienanschluss

Neubronn / KATHARINA GABEL 03.11.2014
Vom Leben auf einem Bauernhof: Kinder aus der Stadt fühlen sich auf Anhieb wohl auf Gudrun Schammanns Bauernhof in der kleinen Weikersheimer Teilgemeinde Neubronn. Kein Wunder, vermittelt der Urlaub auf dem Bauernhof doch sofort das, was in großen Häuserschluchten der Großstadt nicht selten fehlt: ein Stück bodenständige Heimat.

Es ist der süßliche Geruch der Silage, der dem Besucher in die Nase steigt, sobald er die Autotür öffnet. Landluft. Manches Stadtkind rümpfe da erst einmal die Nase, erzählt Gudrun Schammann. "Hier stinks", beschweren sich die Kinder bei ihren Eltern. Doch die Vorbehalte seien schnell vergessen, sagt die 76-jährige Hofinhaberin. Es dauere einige Stunden, vielleicht einen Tag - schon ist der Georgshof im Weikersheimer Teilort Neubronn für die Kinder eine Art zweite Heimat. "Dann sitzen sie mitten in den Kühen", sagt die Gastgeberin und schmunzelt.

Keine Ausnahme sind die Kinder der Familien Klatt und Krebser. Als hätten sie nie etwas anderes getan, packen die Kleinen im Stall mit an. Mit der Schaufel bringen sie das Futter zu den Milchkühen, fein säuberlich wird die Stallgasse gekehrt. Zufrieden beobachten die Eltern das Tun ihrer Kinder. Susanne Klatt sowie Grit und Tobias Krebser stehen am Tor des Stalls. Beide Familien kommen aus der Stadt - Susanne Klatt und ihre drei Kinder sind aus Berlin angereist, die Krebsers und ihre beiden Kinder leben in der Nähe von Frankfurt. "Die Natur, die Tiere - mehr brauchen die Kinder nicht", stellt Tobias Krebser fest. Beide Familien haben sich bewusst für Ferien auf dem Bauernhof entschieden. Wichtig sei ihnen bei der Wahl des Urlaubsortes gewesen, dass es ein "echter" Hof ist, auf dem etwas "passiert", erklären die Erwachsenen. "Auf vielen anderen Ferienhöfen gibt es nur noch einen Stall mit Hasen", so Tobias Krebser. Hasen leben auch auf dem Georgshof, doch es gibt noch viel mehr zu entdecken: Rund 45 Milchkühe stehen in den Ställen, und ein betagter Wallach freut sich über Streicheleinheiten. Im Stall direkt neben dem Wohnhaus ist in der Nacht ein Kälbchen zur Welt gekommen. Noch etwas erschöpft liegt es in seinem Pferch auf einem dicken Strohbett. Einen Namen hat das Tier noch nicht, den dürfen die Kinder in den nächsten Tagen aussuchen. "Kalbt eine Kuh tagsüber, können die Kinder auch bei der Geburt mit dabei sein", beschreibt Gudrun Schammann und fügt hinzu: "Ein unvergessliches Urlaubserlebnis - oder?" Ihr ist wichtig, ihren Gästen während des Aufenthalts zu vermitteln, was es bedeutet, auf dem Land zu leben und Nahrungsmittel zu erzeugen. "Wir hören unseren Gästen zu und sie uns. So lernen sie unsere und wir ihre Probleme zu verstehen", verdeutlicht sie. Die 76-Jährige ist eine erfahrene Gastgeberin, in der 46. Saison nehmen sie und ihre Familie Gäste in ihrem Haus in Neubronn auf. Für die mag das offene Leben im Bauernhaus zunächst etwas ungewohnt sein: Im ersten Stock befinden sich die Zimmer der Gäste, wer durch die Haustür tritt, wird zunächst von der Border-Collie-Hündin begrüßt. Durch ein Spielzimmer für die Gästekinder gelangt man links herum ins Wohnzimmer oder geradeaus in die Küche der Gastgeber. Dort haben schon Generationen von Gästekindern am Küchentisch gesessen und einen Kakao getrunken. "Familienanschluss gehört bei uns dazu", erklärt Gudrun Schammann. Und so werden aus manchen Urlaubern Stammgäste und aus manchem Stammgast ein Freund. Gudrun Schammann erzählt von einer Familie aus Dormagen, die seit 30 Jahren immer zur Maissilage nach Neubronn kommt, oder von ehemaligen Gästekindern, die mittlerweile mit ihren eigenen Kindern anreisen. Von den Besuchergruppen aus Japan, deren Reiseleiter sich bei jedem Aufenthalt wünscht, dass sie Maultaschen mit Ei kocht. Von E-Mails, in denen sich ehemalige Gäste für den besonderen Urlaub bedanken und den bunten Einträgen ins Gästebuch. Sie empfinde die Gesellschaft ihrer Gäste als unglaublich bereichernd, sagt die 76-Jährige, die in Neubronn übrigens ihre zweite Heimat gefunden hat. Der Liebe wegen kam sie vor Jahren von Mannheim ins Taubertal, heute blickt sie auf 51 Jahre als Leiterin des örtlichen Chors zurück. Genauso lange sitzt sie Sonntag für Sonntag an der Orgel der Dorfkirche. Sie schwärmt von der "prima" Dorfgemeinschaft. "Neubronn ist ein schönes Dorf. Klein, aber fein."