Eines der populärsten Bücher des 18. Jahrhunderts war die "Vorbereitung zur Weltgeschichte für Kinder", die der aus Gaggstatt stammende Universalgelehrte August Ludwig von Schlözer im Jahr 1779 verfasst hatte. Sein Werk ist aus der Sicht von Marko Demantowsky, Professor für Neuere Geschichte und ihre Didaktik, ein Schlüsseltext der Aufklärung und der Geschichtsdidaktik.

2010 hat Demantowsky gemeinsam mit Professorin Susanne Popp von der Uni Augsburg eine überarbeitete und mit umfangreichem Kommentarteil versehene Neuauflage des Schlözer-Bestsellers herausgebracht, die er auf Einladung des Museums- und Kulturvereins, des Schulzentrums und der Volkshochschule in Kirchberg vorstellte.

Mit einem Zitat von Theodor Heuss charakterisierte Demantowsky Schlözer als "den Aufklärer aus dem Bilderbuch". Bildung war für den aus einfachsten Verhältnissen stammenden Dorfpfarrersohn Schlözer (1735 bis 1809), der sich an den Universitäten in Göttingen und St. Petersburg auf die höchsten akademischen Posten emporgearbeitet hatte, der entscheidende Hebel zur Emanzipation des Individuums und die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse. Als faktenorientierter Empiriker und begeisterter Anhänger des großen Systematikers Carl von Linné verfasste der Historiker, Staatswissenschaftler und Publizist auch etliche pädagogische Fachbücher zu allen Wissensgebieten. Seine "Vorbereitung zur Weltgeschichte für Kinder" ist dabei mit sechs Auflagen sein mit Abstand erfolgreichstes Buch geblieben.

Das Spannende und revolutionär Neue an seinem Werk war unter anderem, dass er es für seine zehnjährige Tochter Dorothea verfasst hatte. Schlözer hielt Mädchen für ebenso bildsam wie Jungen und versuchte, sein geliebtes "Dörtchen" in einem ehrgeizigen Erziehungsprojekt systematisch zur "gelehrten Dame" heran zu bilden. 1787 wurde sein Vorhaben insofern von Erfolg gekrönt, als die Universität Göttingen der 17-Jährigen die erste Doktorwürde verlieh, die jemals von einer deutschen philosophischen Fakultät an eine Frau vergeben wurde.

Mit seinem populärwissenschaftlich gehaltenen Werk, das für Hauslehrer bestimmt war, erreichte Schlözer ein breites nicht wissenschaftliches Publikum. Unter dem Titel "Weltgeschichte" präsentierte er ein neues Konzept der Universalgeschichte, das in einer großen Synopse eine vergleichende Geschichte der Erde und der Menschheit entwarf. Es wurden nicht mehr wie bis dahin in der Geschichtsschreibung üblich lange Listen von Daten aneinandergereiht. "Mit Schlözer konnte man keine Kriege führen", sagte dazu Demantowsky.

Darin liegt nach dessen Überzeugung auch der Grund, dass Schlözers Weltgeschichte für Kinder seit gut 200 Jahren zu Unrecht in Vergessenheit geraten sei. Mit dem Aufkommen des Nationalismus im Europa des frühen 19. Jahrhunderts endete das Interesse am kosmopolitischen Ansatz. Dabei sei das Buch heute, "in den Zeiten von Köln", aktueller denn je.