Schwäbisch Hall Verschmutzte Jagst-Zuflüsse: Umweltzentrum alarmiert

Schwäbisch Hall / Sebastian Unbehauen 12.07.2018
Knapp drei Jahre nach der Jagstkatastrophe schlägt das Umweltzentrum Schwäbisch Hall Alarm: Die Gesundung des Flusses werde durch verschmutzte Seitenbäche verhindert.

Manfred Mächnich, der Vorsitzende des Umweltzentrums Schwäbisch Hall, hat eine simple Botschaft: „Ein Fluss kann nur so gut sein wie das Wasser seiner Zuflüsse“, sagt er. Für die Jagst bedeutet das nichts Gutes, denn eine breit angelegte Untersuchung der Seitenbäche durch das Umweltzentrum, eine Dachorganisation verschiedener Naturschutzverbände im Kreis Hall, hat teils gravierende Missstände zutage gefördert – von illegalen Mist-Ablagerungen direkt am Gewässer über Verbauungen des Ufers, die Nutzung der Bäche als Viehweide und unerlaubte Wasserentnahmen bis hin zur direkten Einleitung von Abwässern. Martin Zorzi, Geschäftsstellenleiter des Umweltzentrums, kritisiert die Gemeinden, die für den Gewässerschutz zuständig sind: „Anscheinend ist es den meisten Kommunen ziemlich egal, wie es da aussieht.“

130 Kilometer abgelaufen

Die Biologin Sabine Hirsch (29) aus Vellberg, die am Umweltzentrum einen Bundesfreiwilligendienst absolviert, ist von Anfang März bis Ende April 130 Fließkilometer zwischen Crailsheim-­Jagstheim und der Grenze zum Hohenlohekreis abgegangen, immer auf der Suche nach Umweltfreveln. Sie stieß auf sage und schreibe 500 Verstöße gegen geltende Bestimmungen beziehungsweise auf Verdachtsfälle solcher Verstöße. In elf Fällen schaltete sie sofort Landratsamt und Umweltpolizei ein – etwa weil in einem Satteldorfer Teilort Silage­sickersäfte in einen Jagst-Zufluss geleitet wurden. „Der Bach war an dieser Stelle tot“, sagt sie. „Das einzige, was da noch gelebt hat, war der Abwasserpilz.“ Ähnlich sah es zum Beispiel im Crailsheimer Stadtteil Onolzheim aus, wo häusliches Abwasser direkt in die Maulach floss.

Seit im August 2015 die Lobenhausener Mühle gebrannt und kontaminiertes Löschwasser das Leben in der Jagst weitestgehend ausgelöscht hatte, ist der Zustand des Flusses in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt. Im Zuge des „Aktionsprogramms Jagst“ wurden seitens des Landes verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die Gesundung des Flusses zu unterstützen – so wurden Altarme wiederhergestellt, Wehre geschleift, Inseln und Eisvogelsteilwände angelegt, Ufergelände wurde zum Rückzugs- und Laichgebiet für viele Tierarten umgestaltet.

Trotz all dieser Anstrengungen präsentiere sich die Jagst nicht wieder in einem ökologisch guten Zustand, stellten die örtlichen Naturschützer zuletzt fest, und vermuteten den Grund in den jetzt untersuchten Seitenbächen. So kam es zur Untersuchung mit dem alarmierenden Ergebnis.

Ortstermin am Gipsbruch bei Satteldorf: Dort floss bei Hirschs und Zorzis erstem Besuch eine milchige Gipsbrühe Richtung Jagst. „Das hat übel-faulig gestunken“, sagt Zorzi und greift dabei in auch heute noch zu sehenden Faulschlamm. Insgesamt hat sich die Situation hier aber verbessert. Der Bachlauf wurde in der Zwischenzeit offensichtlich ausgebaggert und mit Steinen bestückt. Es handelte sich um einen der elf gemeldeten Fälle – bei denen die zuständigen Stellen schnell reagierten, wie Zorzi betont: „Das ist erfreulich.“ Auch in Onolzheim und dem Satteldorfer Teilort wurden die Missstände behoben, die Bäche erholen sich. Gleichwohl wünscht sich Zorzi auch vom Landratsamt eine weniger lasche Kontrolle der Kommunen. „Die Daumenschrauben müssen hier angezogen werden.“

Peter Dietrich vom Fachbereich Wasserwirtschaft und Bodenschutz am Haller Landratsamt zeigt sich „sehr dankbar für die Unterstützung des Umweltzentrums“. Über die Vielzahl der Fälle sei er überrascht gewesen, schließlich kämen solche Missstände bei kommunalen Gewässerbegehungen nur selten ans Licht. „Da muss ich mich schon fragen“, so Dietrich, „wie die Qualität dieser Gewässerbegehungen ist.“

Von dieser Frage unabhängig ist die rechtliche Situation. Seit dem 1. Januar 2014 ist eine Begehung aller Bäche in einem Fünfjahreszeitraum Pflicht. Will heißen: Bis Ende dieses Jahres muss jede Kommune eine solche gemacht haben. Dietrich kündigt an, das Landratsamt werde nach Ablauf dieser Frist nachhaken und gegebenenfalls Zeitpläne vereinbaren: „Auf freiwilliger Basis läuft es dann nicht mehr.“

„Fehlendes Bewusstsein“

Zorzi kritisiert unterdessen das „vielfach geringe bis fehlende Umweltbewusstsein bei den Bachangrenzern“ – und das Umweltzentrum fordert, hier müsse umfangreiche Aufklärungsarbeit geleistet werden, schon im Kindergarten und in der Schule. Die Ergebnisse von Hirschs Untersuchung fließen in einen Abschlussbericht, der den Behörden und der Öffentlichkeit im September vorgelegt werden soll.

Bei allem Ärger, ein durchaus erfreuliches Ergebnis hatte die Untersuchung des Umweltzentrums übrigens auch: Die meisten Landwirte hielten sich beim Ausbringen der Gülle an die Abstandsregeln.

500

Verstöße gegen geltende Bestimmungen und Verdachtsfälle hat Biologin Hirsch registriert – darunter 164 illegale beziehungsweise verdächtige Einleitungen in die Jagst-Zuflüsse.

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