Landkreis Hall / Andreas Scholz  Uhr
Schadstoffe beeinträchtigen das Ökosystem der Jagst. Sie ist auch drei Jahre nach dem Brand der Mühle Lobenhausen und den Folgen nicht genesen.

Gut gefüllt ist der Saal am Freitagabend im „Ochsen“ in Braunsbach-­Geislingen, als Martin Zorzi und Manfred Mächnich die Mitglieder des Umweltzentrums Kreis Schwäbisch Hall begrüßen. Es ist die Dachorganisation eines Großteils der Naturschutzgruppen und -vereine im Kreis Hall. Manfred Mächnich betont zum Auftakt, dass Entscheidendes besprochen wird. „Es geht darum, die Zukunft des Umweltzentrums langfristig und personell abzusichern“, erklärt der Vorsitzende, der sich über die stabile Mitgliederzahl von 270 freut. Die Umweltwissenschaftlerin Sabine Hirsch aus Vellberg hält das Hauptreferat.

In ihrem Vortrag stellt sie die Ergebnisse einer ökologischen Untersuchung der Jagst-Seiten­bäche vor. Unter Anleitung von Geschäftsstellenleiter Martin Zorzi hat die Umweltwissenschaftlerin im März und April vergangenen Jahres zahlreiche Nebenflüsse der Jagst inspiziert. „Wir haben uns gefragt, warum sich die Jagst auch drei Jahre nach dem Chemieunglück in Lobenhausen immer noch nicht so richtig erholt hat. Wir haben überlegt, ob das eventuell auch an dem schlechten Zustand der Seitenbäche liegen könnte“, erläutert sie.

Gefahr noch nicht gebannt

Bei ihren Bachtouren deckte Sabine Hirsch zahlreiche und zum Teil gravierende Umweltsünden auf, die unter anderem die Gewerbe- und Umweltpolizei sowie Wasserwirtschaftsexperten des Haller Landratsamts auf den Plan riefen. Obwohl einige Missstände behoben werden konnten, sei die Gefahr an vielen anderen Stellen noch nicht gebannt.

„Es gelangen immer noch zu viele Schad- und Schmutzstoffe in die Jagst, die so das Ökosystem und die Artenvielfalt beeinträchtigen“, so Sabine Hirsch. Ein Problem sieht die Umweltexpertin auch in geringen Abständen von Ackerflächen zu Bachläufen. „Seit Januar sind mindestens fünf Meter verpflichtend und wir hoffen, dass sich die Landwirte an diese Vorgabe halten.“

Auch Renate Ziegler aus Langenburg-­Bächlingen bewegt die aus ihrer Sicht nach wie vor ökologisch angespannte Situation an der Jagst und den Seitenbächen. In ihrem Vortrag schildert sie, was die Folgen nach dem Brand der Mühle Lobenhausen im August 2015 an der Jagst ausgelöst haben, als giftige Düngemittel in den Fluss gelangt waren.

Es ist gegen 21.30 Uhr an diesem 22. August, einem Samstag, als in Lobenhausen bei Kirchberg das Ereignis seinen Lauf nimmt, das als größte Umweltkatastrophe im Landkreis Schwäbisch Hall seit Jahrzehnten in die Geschichte eingehen wird.

Der Anblick von toten Fischen hat sich bei Renate Ziegler tief ins Gedächtnis eingebrannt. Es wühlt sie auf, dass sie immer noch regelmäßig Gülleschaum im Fluss treiben sieht. Tatenlos will sie aber nicht zusehen, wenn ökologisch bedenkliche Einträge aus Landwirtschaft oder Privathaushalten in die Jagst gelangen.

Nach dem „Jagstdrama“ beschäftigt sie sich immer stärker mit biologisch-chemischen Vorgängen und macht sich mithilfe aktueller Studien zur Gewässerforschung kundig. Bei ihrem Vortrag in Geislingen erklärt Renate Ziegler, wie sich Nährstoffeinträge, Ammoniak und antibiotika­resistente Keime nachteilig auf die Artenvielfalt in einem Flussökosystem auswirken können.

Manfred Mächnich würdigt das Engagement von Privatpersonen wie Renate Ziegler. „Sie lässt nicht locker, legt den Finger in die Wunde und scheut sich nicht davor, auch den baden-württembergischen Umweltminister Franz Untersteller mit Fragen einzudecken“, sagt er schmunzelnd.

Für Martin Zorzi ist klar, dass die Wasserqualität der Seitenbäche an der Jagst auch künftig kontrolliert werden muss. „Wir werden es nicht akzeptieren, dass aus einer ständig steigenden Zahl von Mastanlagen zusehends mehr Schadstoffe in die Umwelt und unsere Gewässer gelangen“, gibt er als Marschrichtung aus.

Zorzi erläutert das abgelaufene Geschäftsjahr und nennt weitere Herausforderungen. „Mit den geplanten Windkraftanlagen im Schönbronner Holz bei Bühlerzell werden wir uns noch intensiv auseinandersetzen müssen. Schließlich ist dort ein Brutvorkommen des seltenen Schwarzstorchs nachgewiesen.“

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Wettbach-Renaturierung in Hall ist gelungen

Vielfältige Aufgaben hat Martin Zorzi als Geschäftsführer des Umweltzentrums zu erledigen. Neben Diskussionen um Windkraftanlagen in naturnahen Wäldern oder Konflikten um Bauprojekte auf ökologisch wertvollen Magerwiesen brachte 2018 auch Positives. „Wir konnten die eine oder andere Eiche oder Linde vor dem Fällen bewahren.“ Auch den Erhalt eines insektenreichen Magerrasens am Hessentaler Schießstand (dort sollte eine Fotovoltaikanlage gebaut werden) verbucht er als Erfolg. Weiteres Plus: die Renaturierung des Wettbachs, die das Umweltzentrum im Auftrag der Haller Stadtwerke vorantrieb.