Sie leiten das Projekt Sprachalltag in Nord-Baden-Württemberg. Da geht’s um uns. Warum wir und warum ausgerechnet jetzt?

Hubert Klausmann: Es handelt sich um eine seit Jahrzehnten bestehende Forschungslücke. In Baden-Württemberg hat die Universität Freiburg seinerzeit angefangen, den Sprachalltag im Südwesten zu erforschen. Es war ein Riesenprojekt, und deswegen hat man sich den Norden erst einmal aufgehoben in der Hoffnung, dass das irgendwann mal jemand übernimmt. Das Thema blieb allerdings liegen, weil es zu dem Zeitpunkt, als Dialektforschung betrieben wurde, keine Uni gab, die das hätte übernehmen können.

Über welchen geografischen Raum sprechen wir konkret?

Den kompletten Raum nördlich der Linie Karlsruhe, Pforzheim, Stuttgart und Ulm bis hinauf zur bayerischen Landesgrenze. Alles andere ist erforscht. Wir sind umgeben von Sprachatlanten, die schon seit zehn, zwanzig Jahren fertig sind. Wir sind nun eine Generation später dran.

Wie sind Sie vorgegangen?

Die Erstellung solcher Atlanten dauert in der Regel 20 bis 40 Jahre. Für uns war klar, dass wir das nicht beantragen können. Wir haben uns daher zunächst auf einen Drei-Jahres-Vertrag eingelassen. In dieser Zeit wurden etwa 160 Ortschaften aufgenommen. Die Namen geeigneter Interviewpartner haben wir von den Ortsvorstehern und Bürgermeistern erhalten. Wir haben auch dieselben Fragebücher wie unsere Nachbarforscher benutzt, allerdings haben wir etliche Fragen gestrichen, die für die Erstellung von Sprach­atlanten eher zweitrangig sind. Normalerweise dauert die Aufnahme eines Ortes eine Woche, wir hatten lediglich einen Tag.

Und was haben Sie rausgekriegt über uns? Wo verlaufen denn die wichtigsten Dialektgrenzen hier im Landkreis Schwäbisch Hall?

Hier verläuft eine der stärksten Grenzen überhaupt. Zwischen Crailsheim und Stimpfach prallen Welten aufeinander. Stimpfach ist die nördlichste Bastion des Schwäbischen – und liegt so gesehen auch noch im falschen Landkreis. Der nördlich gelegene Ort Steinbach an der Jagst ist dann schon fränkisch. Weiter nach Westen teilt die gleiche Grenze das schwäbische Bühlerzell und seinen ­fränkischen Teilort Geifertshofen. Ab Gaildorf wird’s dann diffuser. In Richtung Heilbronn haben manche Ortschaften schon schwäbische und fränkische Eigenschaften, wir nennen es das schwäbisch-fränkische Übergangsgebiet.

Die Sprachgrenze zwischen Crailsheim und Stimpfach scheint ja sehr stabil zu sein? Hat Sie das überrascht?

Eher nicht. Es ist eine sehr, sehr alte Grenze, die bis auf die ursprüngliche Besiedlung durch Alemannen im Süden und Franken im Norden zurückgeht und eben bis heute im Bewusstsein der Bevölkerung präsent ist. Die Jugendlichen sind sehr ortsloyal, finden es also positiv, in Stimpfach oder in Jagstzell zu wohnen, und auch das Vorhandensein der Sprachgrenze ist ihnen sehr bewusst. Umgekehrt, also für die andere Seite der Sprachgrenze, gilt das natürlich auch.

Gibt es keine sprachlichen Übernahme-Tendenzen?

Mit einer Ausnahme: Nein. Das Hohenlohische ist der einzige regionale Dialekt, der’s mit dem Schwäbischen aufnehmen kann – dabei gibt es gar keinen Hohenloher Dialekt, es gibt nur das Ostfränkische und seine Spielarten. Einen größeren einheitlichen Raum, der gekennzeichnet ist durch das Sprachbewusstsein seiner Bewohner, findet man außer im Schwäbischen nur hier. Und diese beiden positiv aufgeladenen Räume prallen eben hier bei Crailsheim, Stimpfach und Bühlerzell aufeinander. Da passiert an der Grenze einfach nichts.

Sie haben auch eine Ausnahme erwähnt.

Richtig, und das hat mich auch ziemlich überrascht. Das fränkische Geifertshofen hat sich sehr stark dem Schwäbischen angepasst. Interessant ist diese Ausnahme deshalb, weil das Fränkische dem Hochdeutschen grammatisch näher steht als das Schwäbische. In den Verben wird das deutlich. Sie werden im Fränkischen zweigliedrig gebraucht. Die erste und die dritte Person Plural sind gleich, die zweite verschieden: Wir nemme, ihr nemmd, sie nemme. Und im Schwäbischen sind alle drei gleich. Wir nemmed, ihr nemmed, sie nemmed.

Sind Sprachgrenzen Mentalitätsgrenzen?

Ach, die Mentalität, das ist so eine Sache. Mentalitätsgrenzen finden sich vor allem in den Köpfen der Leute. Viel wichtiger ist, dass Dialektgrenzen mit Raumgrenzen zu tun haben. Es sind psychologische Grenzen, und sie sind sehr konkret und werden kaum überschritten. Um zurück zu diesem Raum Ellwangen- Crailsheim zu kommen: die Ellwanger sind Richtung Stuttgart und Ulm orientiert, mit dem Rücken sozusagen zu den Hohenlohern, und umgekehrt orientieren sich die Crailsheimer in Richtung Hall, Heilbronn und Ansbach. Die Crailsheimer und die Ellwanger treffen sich eher auf Mallorca als daheim.

Und wie sprechen die dann miteinander, wenn sie sich auf Mallorca treffen?

Die verstehen sich schon, obwohl sie sich sprachlich gewaltig unterscheiden. Hier behaupten die Leute ja nicht nur, dass sie anders sprechen, hier stimmt das auch. Aber die Leute kennen natürlich auch die lautlichen Besonderheiten der anderen, das heißt, sie wissen, dass der Woocha der Waage isch. Die müssen das nicht fragen.

Und sie passen sich auch nicht sprachlich an?

Nein, überhaupt nicht. Die sind ja stolz auf ihren Dialekt. Wenn zwei Sprachen aufeinanderkrachen, dann setzt sich die mit dem höheren Prestige durch. Das sieht man bei den Jugendsprachen, es gilt aber auch für Dialekte und Nationalsprachen. Und wenn beide das gleiche Prestige haben, bleiben beide erhalten.

„Sprechender Sprachatlas“ soll bis 2020 fertig sein


Prof. Dr. Hubert Klausmann, geboren in Freiburg, wohnhaft in Ellwangen, Romanist, Germanist und Kulturwissenschafler, leitete von 2009 bis 2014 das Projekt „Sprachalltag in Nord-Baden-Württemberg“ am Ludwig-Uhland-Institut der Universität Tübingen. Seit 2015 läuft die Fortsetzung „Sprachalltag II: Sprachatlas – Digitalisierung – Nachhaltigkeit“. Bis 2020 soll ein „sprechender Sprachatlas“ zur Verfügung stehen; einen Link zu einem ersten Modell findet man unter www.sprachalltag.de. In den Atlas sollen Erhebungen aus 40 Ortschaften einfließen, zudem wird das Arno-Ruoff-Archiv, das aus mehr als 2000 Tonaufnahmen aus den Jahren 1955 bis 2005 besteht, digitalisiert, transkribiert und durch hochsprachliche Versionen ergänzt.

Der Sprachatlas von Nord-Baden-Württemberg soll bis 2020 vollständig publiziert werden. Erschienen sind bisher die Bände 1 „Kurzvokalismus“ und 2 „Langvokalismus und Diphthonge. Konsonantimus und Vokalquantitäten“. Sie stehen auf der Homepage der Universtitätsbibliothek Tübingen zum Download bereit. Dort findet sich auch die Dissertation „Dialektgrenzen als soziokulturelle Konstrukte. Subjektive Sprachräume in Nord-Baden-Württemberg“ von Nina Kim Leonhardt, für die exemplarisch auch Stimpfach untersucht wurde. rif