Wallhausen Über Luthers Vorurteile und erfundene Geschichten

Josef Hartl vom Synagogen-Förderverein.
Josef Hartl vom Synagogen-Förderverein. © Foto: Ralf Snurawa
Wallhausen / Ralf Snurawa 16.06.2018

„Niemals zuvor hat ein Hochgelehrter solch grob unmenschlich Buch mit Scheltworten und Laster uns armen Juden auferlegt, von dem sich, Gott weiß es, in unserem Glauben und in unserer Jüdischkeit in der Tat auch nicht das Geringste finden lässt.“ So klagte der als Vertreter der Juden im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation anerkannte Rabbiner Josel von Rosheim über Martin Luthers Schrift „Wider die Juden und ihre Lügen“ von 1543.

Darüber, aber auch vom Leben Luthers, seinen theologischen Ansichten, seinen Kirchenliedern und seinen Kehrseiten, von der antisemitischen Polemik der Kirchenväter, von der Geschichte der Juden im deutschsprachigen Raum informiert die Wanderausstellung „Ertragen können wir sie nicht. Martin Luther und die Juden“. Angefertigt hat sie die Beauftragte für den Christlich-Jüdischen Dialog der Evangelisch-Lutherischen Kirche Norddeutschlands, Hanna Lehming, anlässlich des Reformationsjubiläums im vergangenen Jahr.

Nun sind die 17 Informationstafeln mit ausführlichen Texten in der ehemaligen Synagoge von Michelbach an der Lücke zu sehen. Von der Existenz der Ausstellung habe der Synagogen-Förderverein erst im Sommer letzten Jahres erfahren, als Pfarrer Dr. Michael Volkmann aus Bad Boll über das Thema „Luther und die Juden“ in der Synagoge einen Vortrag hielt.

Interessant sind an dieser Ausstellung nicht nur Luthers antijüdische Auffassungen, sondern auch ihre historischen wie theologischen Einordnungen. Der Betrachter erfährt etwa von den Kirchenvätern und deren Äußerungen über die Juden.

So heißt es schon um 100 nach Christus im so genannten Barnabasbrief: „Jetzt aber haben die Juden ihr Sündenmaß endgültig vollgemacht, indem sie Jesus Christus töteten.“ Luther bezieht sich in seinen Schriften gegen die Juden nicht nur darauf, sondern auch auf Vorurteile und erfundene Geschichten über die Juden: Sie seien blutdürstig, rachsüchtig, das geldgierigste Volk, leibhaftige Teufel, verstockt oder eine Bedrohung des Christentums.

Luthers sieben Empfehlungen

Luther gibt in „Wider die Juden und ihre Lügen“ sieben Empfehlungen für den Umgang mit Juden: Ihre Synagogen, Schulen und Häuser anzünden und sie in Ställe pferchen; Gebetbücher und Talmud abnehmen, die Rabbiner zum Schweigen bringen, „Geleit und Straße“ verweigern, „dass man ihnen den Wucher verbiete und ihnen alle Barschaft und Kleinod an Silber und Gold nehme“ und sie schließlich mit „Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel“ arbeiten lasse.

Allerdings war Luther den Juden gegenüber – das erfährt man ebenso in dieser Ausstellung – nicht immer so feindselig eingestellt. Und sie weiß auch von den ersten jüdischen Gemeinden zu erzählen und von der Blütezeit des Judentums, angefangen von der Zeit Karls des Großen bis zu den ersten Kreuzzügen.

Es begann die Judenverfolgung: Sie mussten einen gelben Stoffring tragen oder einen Judenhut oder wurden zur Taufe gezwungen. In vielen Städten kam es zum Pogrom. Juden wurde vorgeworfen, christliche Kinder zum Pessachfest zu entführen und zu martern wie Jesus am Kreuz, Ritualmorde und Hostienschändung zu begehen und Brunnen zu vergiften. Es kam neben den Pogromen auch zu zahlreichen Vertreibungen aus größeren Städten.

Und schließlich erfährt der Betrachter etwas darüber, wie Luthers Judenhass später gesehen wurde. So meinte 1941 der hamburgische Bischof Franz Tügel: „Mein politischer Standpunkt war zu allen Lebzeiten der gleiche: national, sozial, antisemitisch und christlich im Sinne des deutschen Reformators Luther.“ In Zeiten eines wieder aufkommenden Antisemitismus ist es wichtig, sich mit dieser Ausstellung auseinanderzusetzen.

Info Die Ausstellung ist in der ehemaligen Michelbacher Synagoge morgen sowie am 24. Juni und 1. Juli jeweils von 14 bis 17 Uhr zu sehen.

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