Türkei Türkei ohne Türken: Wie der Crailsheimer Stadtteil zu seinem Namen kam

Türkei / KERSTIN SCHELLHORN 02.10.2013
Die Türkei heißt so, weil dort Ende des 19. Jahrhunderts türkische Gastarbeiter gewohnt und beim Bau der Bahnlinie durch Crailsheim geholfen haben. Das hört man oft, klingt logisch, ist aber falsch!

Folker Förtsch, seines Zeichens Archivar der Stadt Crailsheim, besitzt eine Liste, auf der die Arbeiter von damals verzeichnet sind. Und wer hätte das gedacht? Genau: Türkische Männer sind darauf nicht zu finden. "Die meisten Personen auf der Liste waren Wanderarbeiter aus dem Bayerischen Wald", erklärt Förtsch. Und weiter: "Dem Stadtteil ist nie offiziell der Name ,Türkei verliehen worden."

Der Stadtarchivar hat eine andere Erklärung in petto, die ebenso viel Sinn macht wie die erste und aller Wahrscheinlichkeit nach auch zutrifft: Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Crailsheim das Schienennetz ausgebaut. Die dafür angeworbenen Wanderarbeiter lebten in einem Barackenlager in der Nähe der Baustelle. Unter den Männern ging es heftig zu, Händel und Glücksspiel waren an der Tagesordnung. Fast wie in einem Goldgräberlager im Wilden Westen. . .

"Es gibt Hinweise", erzählt Förtsch, "dass Crailsheimer Bürger sich darüber aufgeregt und sich beim damaligen Schulz Leonhard Sachs beschwert haben." - "Da gehts ja zu wie in der Türkei", rief die aufgebrachte Menge. Ein geflügeltes Wort, das den Menschen im Gedächtnis geblieben ist. "Jahrzehntelang nannte man die Gegend ,Türkei", sagt Förtsch - und offensichtlich ist es dabei geblieben.

Wie aber kamen die Bürger Crailsheims darauf, die unsittlichen Verhältnisse in der Barackensiedlung mit den Zuständen in der Türkei gleichzusetzen? Auch dafür hat Förtsch eine schlüssige Erklärung: "Während des Bahnlinienbaus gab es Unruhen auf dem Balkan - das Osmanische Reich war dabei, sich aufzulösen."

Annahme hält sich hartnäckig

Nichtsdestotrotz hält sich die Annahme, die "Türkei" sei nach türkischen Gastarbeitern benannt, hartnäckig in den Köpfen. In einem 2008 veröffentlichten Buch von Latif Celik mit dem Titel "Türkische Spuren in Deutschland" heißt es etwa: "Als die ersten Gastarbeiter 1964 auch in die kleine Stadt Crailsheim kamen und eine ,Türkei erblickten, waren diese sicherlich nicht weniger überrascht. Dabei kommt der Name des heutigen Stadtteils aus dem Jahr 1894, als türkische Arbeiter und Mechaniker für den Bau einer Eisenbahnverbindung gekommen waren."

Die Stuttgarter Forscherin Astrid Firla spricht in diesem Zusammenhang von einem Mythos, der benutzt werde, um eine enge deutsch-türkische Freundschaft auch historisch zu verankern. In einem Vortrag, den sie im April vergangenen Jahres in Crailsheim hielt, mahnte sie zur "allergrößten Vorsicht" im Umgang mit solchen Behauptungen. Stadtarchivar Förtsch beurteilt das weniger streng: "Ich glaube nicht, dass es da ein politisches Kalkül gibt."

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