Es gibt Zeiten, da versteckt sich die Sonne hinter einer dunklen Wolkendecke. Was im Herbst häufiger der Fall ist, gilt im übertragenen Sinne auch für triste Lebensphasen. Momentan wirft Corona noch ein paar Extra-Schatten. Um aus dem Dunkel he­rauszufinden, brauchen Menschen jemanden zum Reden, zum Sorgenteilen. Aber wenn es da keinen gibt? Einen Ausweg bietet der Griff zum Telefonhörer. Unter den Nummern 0800/1110111 und 0800/1110222 sind Mitarbeiter der Telefonseelsorge kostenfrei rund um die Uhr erreichbar – bundesweit. Anrufer aus dem Landkreis Schwäbisch Hall landen am Standort Heilbronn, der für ganz Nordwürttemberg zuständig ist.

7000 Euro gespendet

Der Verein Hundertprozent mit Sitz in Heufelwinden (Gemeinde Blaufelden) unterstützt die Einrichtung seit drei Jahren. 7000 Euro an Spendengeldern sind in dieser Zeit geflossen. „Wir möchten die Gesellschaft positiv mitgestalten“, schildert Oliver Kalb das Ansinnen des Vereins. Der Polizeihauptkommissar ist einer von 14 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Hundertprozent sammelt Spenden für verschiedene, sorgfältig ausgewählte Projekte. Oliver Kalb verspricht: „Wir leiten jeden Cent weiter“ – 100 Prozent eben. Was die Telefonseelsorge Heilbronn betrifft, leistet Hundertprozent einen wichtigen Beitrag zum Ausbau der Chatberatung.
Das Geld fließt in die zusätzliche Ausbildung der Mitarbeiter und in die technische Ausstattung. Überwiegend 15- bis 29-Jährige nehmen über das moderne Kommunikationsmittel Kontakt auf, sogar schon zehnjährige Kinder. „Sie ziehen es dem Telefon vor“, sagt Christiana Fellenstein, die stellvertretende Leiterin der Telefonseelsorge Heilbronn. Die Themen im Chat sind meist härter, schambesetzter als am Telefon. Neben sexualisierter Gewalt und psychischen Erkrankungen wie Borderline geht es in 36 Prozent der Fälle um Suizid. Zum Vergleich: Am Hörer sind es zwei Prozent, da kommt es jeden zweiten Tag vor.
Ratsuchende, die chatten möchten, können sich online auf www.telefonseelsorge.de anmelden. Die zur Verfügung stehenden Termine sind in der Regel schon nach zwei Minuten belegt. Ziel ist es, jedem Hilfesuchenden einen Termin anzubieten.
„Davon sind wir leider noch weit entfernt“, sagt Fellenstein. Die Diplom-Theologin und Psychodramatikerin bildet die ehrenamtlichen Mitarbeiter für die Chatberatung aus. Eine von ihnen ist Tina (Name geändert), die im Alltag einem Vollzeitjob nachgeht. Ihre Kollegen wissen nicht, dass sie nach Feierabend regelmäßig für die Telefonseelsorge in die Tasten tippt oder den Hörer abhebt. Die Stimme der 50-Jährigen klingt angenehm sanft. Sie hört ihrem Gesprächspartner aufmerksam zu, egal wo der Schuh drückt.
Am Telefonapparat dauert eine Schicht fünf Stunden, im konzentrationsintensiveren Chat maximal drei. „Wir können Licht bringen in das allzu Düstere“, sagt Tina. Seit zehn Jahren begleitet sie die Menschen auf einem Stück ihres Weges und leiht ihnen ihr Ohr. Auf Ratschläge verzichtet sie, denn „Ratschläge sind auch Schläge“. Sie helfe den Leuten, neue Horizonte zu öffnen und Ressourcen zu mobilisieren. „Ich hatte gezielt nach einem Ehrenamt gesucht, bei dem ich meine Gaben einsetzen kann“, verrät sie. Dass die Arbeit unbezahlt bleibt, stört sie nicht. „Ich bekomme soviel Immaterielles zurück.“ Allein die Ausbildung empfand sie als sehr hochkarätig. Diese dauert ein knappes Jahr und orientiert sich an der personenzentrierten Gesprächsführung nach Carl Rogers.

Helfer gesucht

Wer Interesse an einer Tätigkeit als ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Telefonseelsorge hat, kann sich melden unter der Nummer 07131/86566 oder per E-Mail an ts.heilbronn@t-online.de. Ein Auswahlverfahren bringt ans Licht, welche Personen sich eignen. Die Telefonseelsorger arbeiten niemals von zu Hause aus, sondern sitzen in einem eigenen Büro. Dort haben sie Zugriff auf Infomaterial, um etwa spezielle Beratungsstellen zu empfehlen. Schwierige Themen lassen sie sozusagen in dem Raum zurück. Die Psyche der 83 ehrenamtlichen Helfer ist Christiana Fellenstein sehr wichtig. Die Fachfrau trifft ihre Mitarbeiter regelmäßig zur Supervision.
Die Idee der Telefonseelsorge ist in den USA und in England entstanden. Als einer der Begründer gilt der britische Geistliche Chad Varah. Er musste eine 13-Jährige beerdigen, die sich das Leben genommen hatte. Das beschäftigte Varah so sehr, dass er 1953 eine Notrufnummer einrichtete. Er schaltete ein Inserat, das sinngemäß so lautete: „Bevor Sie sich umbringen, rufen Sie mich an.“ Das Konzept verbreitete sich rasch in ganz Europa. 1956 hielt es in Berlin Einzug. Heute tragen die katholische und die evangelische Kirche die Telefonseelsorge in Deutschland gemeinsam. Es spielt jedoch keine Rolle, welcher Religion die Anrufer angehören, betont Christiana Fellenstein.
Die Mitarbeiter sind für alle Menschen und Probleme offen. Sie spenden menschliche Nähe und Zuwendung. „Wir leiden mit und halten mit aus“, sagt sie. Unter den Ratsuchenden sind Menschen, die vom Partner Schläge bekommen, den Kontakt zur Familie abgebrochen haben oder mit ganz wenig Geld auskommen müssen. Alles läuft streng anonym ab, es fallen keine Namen. Jeder Mitarbeiter muss eine Schweigepflichterklärung unterschreiben.
8400 Gespräche und 285 Chats führten die Freiwilligen der Telefonseelsorge Heilbronn im vergangenen Jahr. Die Themen reichten von Einsamkeit über Beziehungsprobleme bis hin zu Ängsten. Auch Depressionen zählten dazu: Wenn jemand morgens nicht aus dem Bett kommt, versuchen die Mitarbeiter den Anrufer dazu zu bewegen, dass er sich wenigstens einen Kaffee kocht.
„Die Zahl der Anrufer mit psychischen Erkrankungen steigt beständig“, beobachtet Fellenstein. In jüngster Vergangenheit verunsichert zudem Corona die Leute. Ein Viertel der Anrufe in den beiden Wochen um Ostern drehte sich um das Virus. Von Karfreitag bis Ostermontag war die Zahl der Gespräche um rund 30 Prozent höher als 2019. „Jetzt ist es abgeflaut, aber es sind immer noch mehr Kontakte als vor einem Jahr“, sagt Fellenstein. Rund 70 Prozent der Anrufer sind weiblich. Das liegt laut Fellenstein daran, dass Frauen eher Schwäche zeigen können. Männer glaubten oft, sie müssten stark sein und alles selbst hinkriegen.

Anonymität garantiert

Den Erfolg der Telefonseelsorge zu messen, ist schwierig. „Meistens erfahren wir nicht, wie es weitergeht“, sagt die stellvertretende Leiterin. Es kommt vor, dass jemand nochmals anruft, um sich zu bedanken, weiß Tina. Der diensthabende Mitarbeiter legt dann ein Zettelchen ins Büro, um die Kollegen daran teilhaben zu lassen. Wegen des Grundsatzes der Anonymität weiß niemand, mit wem der Anrufer gesprochen hatte.

Verein Hunderprozent ist dankbar für Spenden


Wer das Telefonseelsorge-Projekt des Vereins Hundertprozent unterstützen möchte, kann seine Spende auf folgendes Konto überweisen: Hundertprozent e.V., Volksbank Hohenlohe, IBAN DE98 6209 1800 0250 0000 08 BIC  GENODES1VHL Verwendungszweck: Telefonseelsorge.

Der Verein sucht neue Mitarbeiter sowie Firmen als Kooperationspartner. Nähere Informationen gibt es unter Telefon: 0 79 58 / 9 26 98 30 oder per E-Mail an: kontakt@hundertprozent.org. sab