Stuttgart/Crailsheim Susanne Dieterich beschäftigt sich in Stuttgart mit Hohenlohischem und Heimat ihrer Eltern

Susanne Dieterich sagt, die Hohenloher seien ähnlich wie Bewohner der Provence - "erdverbunden und stolz auf ihre Heimat".
Susanne Dieterich sagt, die Hohenloher seien ähnlich wie Bewohner der Provence - "erdverbunden und stolz auf ihre Heimat". © Foto: Silberburg-Verlag
Stuttgart/Crailsheim / ANDREAS SCHOLZ 13.02.2016
Rund um die schwäbische Landeshauptstadt halten Menschen wie Susanne Dieterich ihre hohenlohischen Wurzeln aufrecht. Sie hat sich auch schon literarisch mit der Gegend befasst.

"Aa Dooch im Jahr, mer kennt grod maane, es dät ka and're Deech mehr gee, bringt alde Cralsemer nou zamme, des is a Fraad, und des is schää." So lautet der Einstieg eines Gedichts von Friedrich Rieck in Hohenloher Mundart. An das Gedicht ihres Vaters kann sich Susanne Dieterich noch gut erinnern. Die 60-Jährige war in den vergangenen Jahrzehnten schon oft dabei, wenn in Stuttgart und Umgebung einmal im Jahr Menschen mit Hohenloher Wurzeln zusammenkommen, um ihren eigenen "Schdadtfeierdooch" zu feiern.

"Man trifft sich immer am Mittwoch vor Estomihi, dem letzten Sonntag vor der Passionszeit. Wir tragen dann Gedichte in Hohenloher Mundart vor, essen Horaffen und trinken den guten Hohenloher Wein", sagt Susanne Dieterich. Zuletzt seien die fröhlichen Runden leider kleiner und seltener geworden, da viele Hohenloher im "Stuttgarter Exil" inzwischen in die Jahre gekommen oder bereits verstorben seien.

Ein Gedicht im Dialekt ist Dieterich besonders stark im Gedächtnis geblieben: Darin ging es um die Idee, Horaffen mit Wurstfüllung herzustellen. "Aber der Metzger hat dann klargestellt, dass die Produktion einer großen Menge zu aufwendig und zu teuer wird, und so essen wir auch weiterhin nur gebackene Horaffen", sagt sie lachend. Der Hohenloher Dialekt rutscht Dieterich in der schwäbischen Metropole in bestimmten Situationen auch im Alltag heraus. "Das passiert immer, wenn ich mich über etwas ärgere."

Die Eltern von Susanne Dieterich stammen ursprünglich aus Crailsheim und zogen dann wegen der Arbeit in den 1950er-Jahren nach Stuttgart. Ihre Eltern leben seit der Pensionierung ihres Vaters wieder in der Heimatstadt. "Meine Mutter hat stets betont, dass sie später einmal wieder zurück ins Hohenlohische will", erklärt Susanne Dieterich.

"Ich fühle mich mit dem Jagsttal heute noch verwurzelt", sagt sie. Wenn es ihre Arbeit als Geschäftsführerin des Initiativkreises Stuttgarter Stiftungen zulässt, fährt sie allein oder mit Mann und Kindern von Stuttgart ins Hohenlohische, um ihre Eltern zu besuchen. "Ich liebe es, mit dem Fahrrad an der idyllischen Jagst entlangzuradeln", sagt Dieterich.

Als passionierte Stadt- und Fremdenführerin hat sie bereits Kulturfahrten ins Hohenloher Land organisiert. So hat sie die Teilnehmer ihrer Reisegruppen auf die landschaftlichen Schönheiten im Jagst- und Kochertal aufmerksam gemacht oder ihnen das Wirken der Schriftstellerin Agnes Günther in Langenburg erklärt. Susanne Dieterich war auch schon literarisch tätig. In mehreren Büchern hat sie sich vor allem der württembergischen Landesgeschichte gewidmet. Im vergangenen Herbst erschien im Silberburg-Verlag ihr Buch "Württemberg und Frankreich - Geschichte einer wechselvollen Beziehung". "Da beschäftige ich mich unter anderem mit dem historischen Ochsentransport vom Hohenloher Land nach Frankreich im 18. Jahrhundert", erklärt sie. Auch mit der französischen Fremdenlegion und dem Regiment Hohenlohe um den Fürsten Ludwig Aloys zu Hohenlohe-Bartenstein befasst sie sich.

Für Kultur hat sich die promovierte Slawistin, die in Tübingen, Kiew und Wien studierte, schon immer interessiert. Nach dem Sprachenstudium begleitete sie als Dolmetscherin ausländische Politik- und Wirtschaftsdelegationen. Vor ihrer Stiftungsarbeit in Stuttgart wirkte sie unter anderem als Direktorin der Ludwigsburger Schlossfestspiele. Bei Toto-Lotto leitete sie mehrere Jahre lang die Stabsstelle für Kultur und Denkmalpflege.

Gefreut hat sich Susanne Dieterich auch über die Ausstellung "Kunstschätze aus Hohenlohe", die im vergangenen Jahr im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart gezeigt wurde. Beim Besuch der Ausstellung traf sie auch Stuttgarter mit Hohenloher Wurzeln. "Da konnte ich mal wieder meinen Hohenloher Dialekt auspacken."

Ihre dritte Heimat neben Stuttgart und Crailsheim ist seit Jahren die Provence. "Die zurückhaltenden Provencalen erinnern mich oft an die Hohenloher. Sie sind erdverbunden, mit der wohlhabenden Landwirtschaft verwurzelt und stolz auf ihre Heimat", erklärt Dieterich. "Und auch sie pflegen wie die Hohenloher einen ausgeprägten Dialekt."

Im schwäbischen Exil

Susanne Dieterich ist 60 Jahre alt und arbeitet in Stuttgart. Ihre Eltern zogen in den 1950er-Jahren von Crailsheim nach Stuttgart. Im schwäbischen Exil knüpften sie bald Kontakte zu anderen Hohenlohern. Seit vielen Jahrzehnten wird in Stuttgart oder Umgebung ein "Schdadtfeierdooch" im kleinen Kreis zelebriert. Dann werden beispielsweise Gedichte in Hohenloher Mundart vorgetragen oder Hohenloher Spezialitäten wie Horaffen gegessen. Susanne Dieterich fand erst vor Kurzem heraus, dass ihre Eltern in den 1980er-Jahren abends häufiger beim Verein "Hohenloher in der Diaspora" in Bietigheim waren, um dort andere Vereinsmitglieder mit Crailsheimer Wurzeln zu treffen. Auch beim früheren Bürgermeister Hermann Krauß in Erdmannhausen wurden Hohenloher Bräuche hochgehalten. So wurde dort auch das Gedicht "Schdadtfeierdooch" vorgetragen, das sich im Hohenloher Dialekt mit der Crailsheimer Stadtgeschichte befasst. asc

SWP

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