Sulzbach-Laufen / KLAUS MICHAEL OSSWALD  Uhr
Wer sich in die kaum erforschte Geschichte der einstigen Schlosskirche auf Schloss Schmiedelfeld vertieft, bekommt unweigerlich Gänsehaut. Bis heute machen dort Spukgeschichten die Runde.

Wenn einst bei Vollmond die Turmuhr der Sulzbacher Michaelskirche zu mitternächtlicher Stunde schlug, geschah rund ums Schmiedelfelder Schloss hoch über dem Kochertal Seltsames: Zeitzeugen wollen Kettengerassel, Stöhnen und Seufzen vernommen, aber nichts gesehen haben. Der Volksmund sagt, das seien "die Seelen der Verunglückten", die beim Bau des Schlosses starben.

Solches für bare Münze zu nehmen, wagte lange Zeit niemand. Bis vor etwa 20 Jahren der Heimat- und Kulturverein Sulzbach-Laufen um seinen Gründungsvorsitzenden Haucke Schmitt die alte Schlosskirche - die er aus Privatbesitz geschenkt bekommen hatte - zu sanieren begann. Das 1594/95 von den damaligen Regenten Johann IV. und Eleonora von Limpurg gestiftete Gotteshaus war seit 1830 nicht mehr als solches genutzt worden und arg heruntergekommen.

Bei Grabungen im Erdgeschoss entdeckten die Helfer Teile der während des Dreißigjährigen Krieges geplünderten Gruft - und darin die sterblichen Überreste zweier Menschen, die anhand ihres Schmucks Schenk Karl II. von Limpurg und dessen Gemahlin Maria zugeordnet werden konnten. Untersuchungen zufolge waren in der Kirche mindestens 13 Angehörige der Limpurger Schenkenfamilie bestattet worden. Fragmente von Grabplatten zeugen darüber hinaus von Familienmitgliedern, die in keinem Limpurg-Stammbaum verzeichnet sind.

Als die Sanierung des denkmalgeschützten Bauwerks auf Hochtouren lief, erinnerten sich viele der Beteiligten an die alten Sagen und Gespenstergeschichten. Bauhistoriker und Handwerker, die dort zugange waren, erzählten später von seltsamen Vorkommnissen. Niemand konnte beschreiben, was es war. Aber fast übereinstimmend hieß es, man habe sich - ob am helllichten Tag oder in düsteren Abendstunden - "beobachtet" gefühlt. Selbst der unerschrockene Haucke Schmitt wähnte sich beim Graben hin und wieder in merkwürdiger Gesellschaft. Erst als die Gebeine in die sanierte Gruft zurückkehrten, war es wieder ruhig in der alten Kirche.

Diese und andere Vorgänge hatten Heimatforscher dazu ermuntert, sich intensiv mit der Vergangenheit Schmiedelfelds zu beschäftigen. Sie stießen zurück bis ins Jahr 1172: Das älteste Dokument nennt einen "Sigfridus de Smidelfeld" im Gefolge Kaiser Friedrichs I., enthält aber nicht den kleinsten Hinweis auf eine Burg. Nach zwei weiteren Schmiedelfeldern, jeweils namens Conrad, verliert sich deren Spur ab 1242 im Dunkel des Mittelalters.

Seit 1437 ist das Haus Limpurg im Besitz des Schlosses, das 1557 Sitz einer eigenen Linie der Schenken wird. Ab 1739 wird ein Neubau errichtet, 1781 fällt Schmiedelfeld an Württemberg. Mysteriöse Akzente erfährt die Zeitlinie ab 1823: Der französische Gardeoberst Freiherr Ludwig Karl August Christoph von Plessen, einst in Diensten Napoleons, erwirbt das Anwesen.

Der Baron, erzählt man sich, habe Schloss und Kirche verlottern lassen, kostbare Gerätschaften der Kirche verscherbelt, um seine Schulden als gescheiterter Bierbrauer und Schnapsbrenner begleichen zu können. Bis heute hält sich die Mutmaßung, er sei, noch keine 44 Jahre alt, von seiner Gemahlin Christine vergiftet worden. In einem Eichenwäldchen bei der Roßhalde verscharrt, soll er heute noch mit seinem schwarzen Hund "umgehen".

Das Grab im Eichenwäldchen ist gefunden. Ebenso ein Hinweis, wonach Ludwig von Plessen selber unter ständigem Spuk im Schloss gelitten haben soll. Der Mediziner und Poet Justinus Kerner beschreibt 1836 in seinem Buch "Eine Erscheinung aus dem Nachtgebiete der Natur" nicht nur von Plessen als liebenswürdigen Zeitgenossen. Er schildert auch ausführlich die seltsamsten nächtlichen Vorkommnisse, die dem armen Baron arg zusetzten. Etwa dieses: Eines seiner Pferde, das täglich um Mitternacht zu toben anfing, soll daran verendet sein. Beim Ausgraben des Pferdestalls sei man schließlich, so Kerner weiter, auf menschliche Gerippe gestoßen, "die schon sehr alt zu seyn schienen, und auf das Fundament eines noch ältern verbrannten Schlosses".

Mit Spuk hat ein weiteres Kapitel der Geschichte Schmiedelfelds nichts zu tun - aber mit einer atemberaubenden Erfolgsgeschichte: 1837 kauften die aus Aufhausen bei Bopfingen stammenden Brüder Samuel und Heinrich Liebmann Schloss und Kirche, um eine Brauerei einzurichten. Das Bier war gut, die Geschäfte waren es auch. Doch bald schon gaben Liebmanns auf. Heinrich zog nach Ellwangen, Samuel mit Familie nach Ludwigsburg, wo er sich für seine Kinder bessere Bildungschancen erhoffte.

Nach anhaltendem Ärger mit der Obrigkeit wanderte die Familie nach Amerika aus. Ende 1854 landeten Liebmanns in Brooklyn. Samuel richtete sich dort eine Brauerei ein, um die in Schmiedelfeld begründete Brau-Tradition fortzusetzen. 20 Jahre später gab er dem Unternehmen den Namen "Rheingold Brewery" und datierte in der Familienchronik die Gründung auf die Schmiedelfelder Zeit, das Jahr 1837.

Rheingold entwickelte sich bis in die 1950er-Jahre zur größten Brauerei in den USA. Inzwischen nicht mehr in Familienbesitz, wird heute noch - allerdings in wesentlich kleinerem Umfang - in New York Rheingold-Bier gebraut. Schmiedelfeld indes ist Biergenießern jenseits des großen Teichs kein Begriff.

Info Ansprechpartner für Führungen in der Schlosskirche ist der Vorsitzende des Heimat- und Kulturvereins Sulzbach-Laufen, Peter Kraft: Telefon 07976 / 8245.