Limpurger Land / Klaus Michael Oßwald  Uhr
Die Michelfelder Spedition Kübler transportiert eine riesige Kamag-Maschine von Ulm zum Heilbronner Hafen.

Wie ein schlafender Riese in der Abendsonne liegt an diesem Donnerstag der 71 Meter lange Zug auf dem Parkplatz an der Bundesstraße 19 zwischen Untergröningen und Laufen. Eigentlich hätte die nun bevorstehende dritte Etappe des nicht alltäglichen Schwertransports bereits am Vortag in Ammertsweiler abgeschlossen sein sollen. Doch es gab noch einige bürokratische Hürden. Und entlang der Strecke ab Ulm waren weitere Umbauten nötig.

Ein 72 Meter langer Schwertransporter ist auf seiner Fahrt von Ulm zum Heilbronner Hafen am Pfingstmontag auch durch Ehingen gekommen. Eine zusätzliche Herausforderung für das ohnehin schwierige Projekt.

Für Stahlwerk in Belgien

Die Vorbereitungen haben bereits vor Monaten begonnen, wie Volker Seitz, Marketingleiter der Pfedelbacher Transporter Industry International GmbH (TII), berichtet. Also zu einer Zeit, als das, was nun zum Heilbronner Schwerguthafen unterwegs ist, noch im Bau war: ein sogenannter Brammen-Transporter, der für eine Gießerei des in Belgien
beheimateten Branchenführers Arcelor-Mittal bestimmt ist.

Verkehr Großer Schwertransport rollt durchs Limpurger Land

Nun, nach Einbruch der Dunkelheit, herrscht Aufbruchstimmung im Kochertal. Das Team der Michelfelder Spedition Kübler und eine halbe Hundertschaft Helferinnen und Helfer machen sich nach eingehendem Briefing auf den abenteuerlichen Weg. Entspannt sitzt der erfahrene Lenker der 548 PS starken Zugmaschine, Frieder Saam, in der Kabine. Doch er weiß, dass diese Tour kein Spaziergang werden wird. Denn es geht in dieser Nacht nicht wie üblich direkt durch Gaildorf. Weil die marode Kocherbrücke bei Münster für solche Transporte inzwischen tabu ist, geht es nach Bröckingen links weg in Richtung Schönberg und Unterrot, über die Schönberger Straße, dann die enge Rechtskurve in die Hauptstraße.

Auf der B300 bei Aichach verlor ein Schwertransporter einen 70 Tonnen schweren Brückenpfeiler. Die Straße wird wohl bis zum Vormittag gesperrt bleiben.

Ein für Laien kaum vorstellbares Unterfangen. Hier wird sich Frieder Saams Routine bezahlt machen. Der Trucker kennt jeden Meter der Strecke. Mit spektakulären Transporten ist er vertraut. So saß er etwa im Mai 2015 am Lenkrad, als ein neues Passagierschiff, die „MS Seegold“, auf dem Weg an den Bodensee in Gaildorf kurz „vor Anker“ ging.

Zurück zum Ausgangspunkt. Gegen 22.30 Uhr machen Polizeistreifen und Begleitfahrzeuge mit ihren Signallichtern die Nacht zum Tag. Die Einsatzkräfte sperren die Wegstrecke abschnittsweise für den öffentlichen Verkehr. Denn der sechs Meter breite und fast ebenso hohe Transport kann nicht überholt werden. Wie eine Monsterschlange quält sich der Zug über den Heerberg bei Laufen, um etwa eine halbe Stunde später Sulzbach zu erreichen.

Wie eine Diva thront die teure Last über allem. Das orangefarbene Spezialfahrzeug stammt aus der Produktion der Ulmer TII-­Tochter Kamag Transporttechnik. Es ist mutmaßlich das weltweit größte seiner Art, bringt 132 Tonnen auf die Waage und wird an seinem künftigen Einsatzort glühende, bis zu 150 Tonnen schwere Rohstahlteile, Brammen genannt, transportieren. Mit dem Spezialtieflader, der von einer weiteren TII-Tochter, dem Pfedelbacher Unternehmen Scheuerle, entwickelt wurde, bringt der Konvoi samt Vorausfahrzeugen und Nachhut auf einer Länge von über 100 Metern 367 Tonnen Gewicht auf die Straße.

Härtetest für 176 Reifen

In der S-Kurve der Sulzbacher Hauptstraße benötigt der Konvoi beide Gehwege. Randsteine und Schachtdeckel sind mit Balken und Dielen geschützt. In den Lärm der starken Dieselmotoren mischt sich das Ächzen der Transport-Konstruktion und der 22 separat lenkbaren Achsen der Tieflader. Für die robusten Reifen der 176 Räder ein Härtetest.

Schon nach knapp 20 Minuten ist diese Hürde genommen. Mit Tempo 30 geht es auf der B 19 weiter bis und durch Bröckingen – und danach im rechten Winkel weiter bis zur früheren Bahnhofsgaststätte in Schönberg. Die Blinkleuchten der vielen Begleitfahrzeuge erinnern an ein Feuerwerk brennender Wunderkerzen. Deren Lichter bringen die Warnwesten der durch die Nacht huschenden Frauen und Männer zum Leuchten. Sie montieren mit wenigen Handgriffen Hindernisse wie Ampelbogen, Verkehrszeichen und Warntafeln ab und platzieren sie wieder, wenn der Konvoi durch ist.

Der passiert nun die Schönberger Straße. Auf Höhe der Tankstelle Dalacker gibt es gegen Mitternacht einen kurzen Stopp. Wenige Passanten schauen zu. „Wahnsinn“, meint eine Frau. Ihr Mann ergänzt: „Das packen die nie!“ Die beiden meinen die Einmündung in die Hauptstraße, mit der gelegentlich sogar die Fahrer erheblich kleinerer Brummis Probleme haben.

Frieder Saam schwingt sich wieder in die Fahrerkabine, von der aus er in Funkkontakt zu den Lenkern der Tieflader steht. „Nein“, ruft plötzlich entsetzt ein jüngerer Mann, als das Zugfahrzeug Kurs auf die Spielhalle nimmt und erst wenige Zentimeter vor dem Gebäude einen Rechtsschwenk macht. Etwa zehn Minuten dauert das Ziehen und Schieben, bis der Monstertransport ohne Kratzer auf der Geraden am Ortsausgang steht.

Nach einem Check der ermittelten Maße und einer Kontrolle per Meterstab geht es weiter, nach links in die Landesstraße 1066. Eine vergleichsweise leichte Übung. Dann verabschiedet sich der seit Langem spektakulärste Konvoi von Unterrot und entschwindet in Richtung Rottal.

Die Bilanz: „Sensationell“

Volker Seitz ist am nächsten Morgen nach Rücksprache mit der Spedition Kübler erleichtert. Der Schwertransport stehe planmäßig in Ammertsweiler und soll dort am späten Freitagabend zur letzten Etappe aufbrechen, die zwischen 4 und 5 Uhr in der Frühe am Heilbronner Schwergutkai enden wird. Dort werden dann die Riesenräder mit einem Durchmesser von drei Metern wieder ans Fahrzeug montiert, das Monstrum auf ein Schiff verladen und auf die weitere Reise geschickt.

Kamag-Projektleiter Berthold Schmidberger bringt die Bilanz dieses vermutlich imposantesten Schwertransports auf den Punkt: „Sensationell!“

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