An Neujahr sprechen die unzähligen Raketen- und Böllerrest in den Gassen der Altstadt eine deutliche Sprache: An das von der Stadtverwaltung vollmundig verkündete Böllerverbot haben sich viele nicht gehalten. Das ist schon am Silvesterabend unüberseh- und -hörbar gewesen. Auf dem Marktplatz fliegen kurz vor Mitternacht schon die ersten Raketen in die Luft und explodieren über den Dächern der historischen Bauten. Das ganze Treiben potenziert sich nach 12 Uhr. Der Rauch beißt in den Augen, immer wieder steigen Raketen auf. Von Polizei oder Ordnungsamt ist allerdings weit und breit keine Spur zu finden.

Das selbe Bild bietet sich an der Henkersbrücke. Auch dort wird aus allen Rohren geballert. Als Beobachter muss man da schon aufpassen, denn schnell landet ein kleinerer Böller vor den Füßen und explodiert. Auch an anderen Plätzen in der Haller Innenstadt rasen die Raketen gen Himmel, um über den Dächer der Stadt zu zerbersten – die Reste fallen dann eben nach unten. Der Rauch, der durch die Gassen zieht, vermischt sich immer mehr mit einem diffusen Nebel, der vom Kocher aufsteigt. Bis etwas 0.30 Uhr geht das Spektakel so weiter, dann gehen die Arsenale langsam zu Ende.

Massiv geböllert

Die Abwesenheit von Polizeikräften zur Durchsetzung des Böllerverbots in der Haller Innenstadt erklärt auf Nachfrage David Ebert von der Pressestelle des für den Landkreis Hall zuständigen Polizeipräsidiums Aalen. „Die Kollegen aus Hall haben mir mitgeteilt, das ein Einschreiten mit den zur Verfügung stehenden Kräften in der Silvesternacht nicht möglich war“, so der Polizeisprecher. „Es muss sehr massiv geböllert worden sein.“ Diese Aussage führt natürlich zu der Frage, warum die Polizeikräfte an Silvester nicht im Vorfeld verstärkt werden konnten. „Wenn es schon in Hall so schlimm ist, was meinen Sie, wie es in größeren Städten aussieht?“, fragt Ebert zurück. „Wir müssen eben mit dem Personal auskommen, das wir haben. Und die Kollegen hatten in der Silvesternacht ja auch ganz andere Einsätze.“ Insgesamt sei es aber in der Stadt Hall und im gesamten Landkreis zum Jahreswechsel ruhig geblieben.

Mitarbeiter des Ordnungsamts der Stadt hat man in der Silvesternacht auch vermisst. Eine schon am Montag versandte Anfrage des Haller Tagblatts an die städtische Pressestelle, wie man denn das Böllerverbot durchsetzen wolle, ist nicht beantwortet worden. Mit einer Pressemitteilung hatte die Verwaltung erst in der vergangenen Woche noch einmal auf das Verbot hingewiesen. Unter anderem ist dies mit dem „Schutz der historischen Altstadt“ begründet worden. Außerdem ist darauf aufmerksam gemacht worden, dass „Raketen und Knaller niemals aus der Hand“ gezündet werden dürften. Auch dieser Hinweis ist verpufft. In der Silvesternacht konnten viele Menschen dabei beobachtet werden, wie sie genau dies gemacht haben. Mit den Hinterlassenschaften der Nacht wird sich dann die Stadtreinigung auseinandersetzen müssen.

Im Diakoneo spricht man von einer verhältnismäßig ruhigen Silvesternacht. „Wir hatten einige Frakturen. Vor allem Betrunkene, die hingefallen sind“, sagt Prof. Stefan Huber-Wagner, Chefarzt der Unfallchirurgie. „So richtig zugerannt worden sind wir aber nicht.“ Seine Kollegen hätten ihm bestätigt, dass es schon wesentlich wildere Silvesternächte im Krankenhaus gegeben habe. „Ich bin ja erst seit dem 1. Juli in Hall. Mir fehlt da also der Vergleich“, so der Mediziner. In punkto Böllerei sei es um das Klinikgelände glücklicherweise auch recht zurückhaltend gewesen, „aber irgendwelche Leute meinen ja trotzdem, bei einem Krankenhaus Raketen abschießen zu müssen“. Insgesamt gesehen sei man aber froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist.

Friedliche Zuschauer

Viele Haller haben das Feuerwerk aber auch einfach nur friedlich genossen, ohne selber mitzuböllern. Mit Sektgläsern in der Hand stehen beispielsweise nach 12 Uhr viele auf den Straßen, am Kocher oder auf dem Steinernen Steg und schauen in den Himmel. „Das wird ein gutes Jahr“, sagt eine Frau zu ihrem Mann, während der Reporter an den beiden vorbeigeht. Der Mann lächelt sie an, nickt und gibt ihr einen Kuss. Die 20er-Jahre sind da.