Vanessa Kohr saß im Publikum, als die besten Tanzteams Deutschlands um den Meistertitel tanzten, und sie war überwältigt. Unvorstellbar war es, selbst da unten auf dem Parkett zu stehen und so zu tanzen. Bestimmendes Gefühl: „Was für ein Privileg das ist, was für eine Ehre.“ Das ist Jahre her. Mittlerweile hat sie selbst zweimal auf der Deutschen Meisterschaft getanzt und sie fühlt sich tatsächlich geehrt, ja beschenkt. Dabei hat sie sich ihren Platz in der ersten Bundesliga mit ungezählten Tanz- und Trainingsstunden in Wallhausen redlich verdient.

Hinter jedem Hüftschwung der 24-jährigen Sportstudentin aus Weipertshofen, die Gesundheitsförderung zum Beruf machen will, steckt nicht nur unbändige Freude am Leben und an der Musik, sondern auch richtig viel Arbeit. Am Körper, aber auch an der Psyche.

Sie erinnert sich noch gut an die schier überwältigende Nervosität vor dem ersten Wettkampf. Heute weiß sie, dass all das Adrenalin noch mehr Leistung zu Tage fördert und sie über sich hinauswachsen lässt. Gute Nerven sind Voraussetzung für diesen Team-Spitzensport – wie sonst ließe sich ein gerissener Träger, ein verlorener Schuh überspielen, ein spiegelglatt poliertes Parkett oder stumpfer Tanzboden, der sich anfühlt, wie mit Klebstoff eingestrichen. Krisenfest zu sein, hilft ihr heute in allen Lebenssituationen.

Wenn die Lateintänzerin am 16. März in Bremen zum nächsten Turnier antritt – Tanzsport ist noch immer nicht so etabliert, dass sich das im Fernsehen verfolgen ließe – wird eine Choreografie getanzt, die Cha-Cha-Cha, Rumba, Paso Doble, Jive und Samba verbindet und jede Menge Highlights zeigt. Da ist die „Lankenau-Pirouette“, bei der sie auf einem Bein steht und von ihrem Partner gedreht wird, oder die „Kaffeemühle“, in der sie sich in der Hocke dreht, und da ist vor allem anderen Ausdruck und Ausstrahlung gefragt.

Der Kindheitstraum von Vanessa Kohr war Ballerina

Die Körperhaltung verdankt sie dem Kindheitstraum Primaballerina und dem Balletttraining im Grundschulalter. Dass sie den lateinamerikanischen Tänzen verfallen ist, liegt an der Musik, die sie, wie sie sagt, längst verinnerlicht hat. Ganz gleich, wo sie ist: Bei diesem Rhythmus kann sie nur mit allergrößter Mühe stillsitzen. Tanz ist pure Freude. Für all diejenigen aber, die sich fragen, ob Tanz denn auch wirklich Sport ist, hat sie nur ein Lächeln: Sie tanzt über sechs Minuten auf einem Niveau, das dem Körper eine dem Sprint vergleichbare Leistung abverlangt. Dass sie es mit einem Strahlen im Gesicht tut und im silberfarbenen, mit Fransen und Glitzersteinen geschmückten Kleid – das Thema heuer ist „Las Vegas“ – tut der Höchstleistung keinen Abbruch.

Wallhausen

Der silberfarbene Stoff führt sie zurück an die Anfänge ihrer Tanzkarriere, als sie sich in ihrem ebenfalls silbernen Kleid mit ihrem Cousin beim Abschlussball des Schultanzkurses drehte und die beiden gemeinsam beschlossen, weiterzumachen. Nach einiger Zeit in der Tanzschule Hiller, wo sie Teil der Showformation waren, wechselten sie nach Wallhausen. Ihre und seine Eltern waren damals bereits seit langem beim Tanzsportclub (TSC) aktiv – Edgar Kohr ist Vorsitzender. Als der Cousin, der enger Freund und Vertrauter war, tödlich verunglückte, war Vanessa Kohr wie so viele andere in dessen Umfeld, am Boden zerstört. Damals hätte sie den Tanz beinahe aufgegeben.Heute ist sie froh, dass die ganze Familie sie im Weitermachen bestärkt hat, dass sie noch immer tanzt. In der Wallhäuser Formation tanzte sie den ersten Wettkampf in der Landesliga. Mit ihrem Verlobten Patryk Stosik ist sie mittlerweile auch im Einzeltanzsport in der B-Klasse erfolgreich. Nach der sechsten Saison in der Lateinformation Wallhausen wechselte sie nach Backnang in die erste Bundesliga.

Mit Freunden tanzen

Noch immer aber fühlt sie sich dem TSC Wallhausen zutiefst verbunden. Dass dort der Sprung in die Regionalliga erreicht wurde, macht sie stolz, als wäre sie selbst dabei gewesen: „Formationstanz funktioniert nur, wenn sich alle verstehen und blind aufeinander verlassen.“ Die so entstehende Verbundenheit strahlt in alle Bereiche aus. Auch das macht für Vanessa Kohr die Leidenschaft Lateinformation aus.

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