Advent Selbst zwei Kühe schauen zu

Das Zusammenspiel von Jungen und Älteren macht ebenfalls einen Reiz der Aufführung aus.
Das Zusammenspiel von Jungen und Älteren macht ebenfalls einen Reiz der Aufführung aus. © Foto: ssdf
Frankenhardt / Sigrid Bauer 22.12.2018

Das hat schon eine ganz besondere Atmosphäre“, meint eine Frau, die sich das Singspiel dick eingepackt in eine Wolldecke angesehen hat. Zum dritten Mal ist der Demeter-Hof der Familie Klopfer in Honhardt die Spielstätte. „Vorher hatten wir dazu immer einen Saal in Tiefenbach angemietet. Aber vor drei Jahren ging etwas schief und dann hat sich das hier auf dem Hof der Klopfers ergeben“, berichtet einer der Lehrer aus der Schauspieltruppe.

Deborah Klopfer, früher selbst Waldorfschülerin, hatte die Idee, die Bühne auf dem Hof der Eltern aufzubauen. Ganz einfach ist sie: ein paar Holzpaletten aneinandergelegt, eine Futterkrippe mit Stroh in der Mitte und die Holzbalken mit Tannenreisig und Efeu geschmückt – das reicht vollkommen. Umso bunter sind die Kostüme. Auch sie haben wie das Stück selbst lange Tradition, nicht nur in der Crailsheimer Waldorfschule. Immer trägt etwa die Maria, dieses Jahr gespielt von Julia Rupp, ein rotes Kleid mit blauem Umhang. Ihr Partner Julian Klopfer, ein ehemaliger Waldorfschüler, hat die Rolle des Josef übernommen.

Teil einer Trilogie

Das sogenannte Oberuferer Weihnachtsspiel geht auf einen Textfund nahe dem heutigen Bratislava, in dem Dorf Oberufer, zurück. Dort lebten mehrheitlich Donauschwaben, in deren Dialekt das Mysterienspiel, das aus dem 16. Jahrhundert stammen soll, abgefasst ist. Auch durch die etwas derbe Sprache wirkt es einfach und volkstümlich. Rudolf Steiner, der Begründer der Waldorfpäda­gogik, überarbeitete die Fassung leicht. Das Christgeburtsspiel etablierte sich als Teil einer Trilogie im jährlichen Programm vieler Waldorfschulen.

„Wir haben erst Ende November mit den Proben begonnen. Es sind immer einige unter uns, die das Spiel schon einmal oder mehrmals aufgeführt haben, wir haben aber auch neue Mitspieler“, erklärt ein Mitglied der Truppe, die sich in der Sprache der Waldorfschulen Kumpanei nennt. Aber alle haben das Stück schon mehrmals gesehen, wie etwa eine junge Frau, die vor zwei Jahren den Engel gespielt hat und nach der Aufführung die Laienschauspieler in ihrer Garderobe besucht. „Kannst du deinen Text noch?“, fragt sie ein Lehrer. „Den vergisst man nicht, wenn man ihn zwölf Jahre lang gehört hat“, meint sie in Erinnerung an ihre Zeit an der Waldorfschule.

Zusammenspiel gelingt

Neu dabei ist Carla Lührs in der Rolle des Hirten „Stichel“, eine der tragenden Figuren mit viel Text. Die 13-Jährige meistert diese Aufgabe neben einiger ihrer Lehrer mit Bravour. Das Zusammenspiel von Jungen und Älteren macht ebenfalls einen Reiz der Aufführung aus.

Das Ambiente im Kuhstall kommt auch bei den Schauspielern gut an. „Wir finden das total schön hier“, fasst einer zusammen. Das dürfte auch die einhellige Meinung der rund 70 Besucher sein, unter ihnen alle Altersklassen vom Kleinkind bis zum Senior. Mancher singt leise bei den Soli oder von allen Mitspielern angestimmten Liedern mit. Begleitet werden sie nur von einer Gitarre und einer Geige, auch das ein in seiner Schlichtheit willkommener Kontrast zu unserer technisierten Alltagswelt.

Was sich wohl die Stalltiere angesichts dieses ungewohnten Treibens denken? Einem Kalb scheint die Situation nicht ganz geheuer. Es versteckt sich lieber so gut wie möglich in einer dunklen Ecke des Stalls. Neugieriger sind dagegen die älteren Kühe. Zunächst traut sich nur eines der hier Hörner tragenden Tiere ins Licht, später gesellen sich zwei weitere Artgenossinnen dazu und schnuppern in Richtung der Hirten. Vielleicht riechen die Schaffelle, die sie tragen, besonders interessant.

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