German Langsamkeit“ ist ein Begriff, der Professor Bernd Nolte Sorgen bereitet. Der Gastredner beim Empfang der Wirtschaft und Verleihung der Medienpreise der Kreiszeitungen Haller Tagblatt, Hohenloher Tagblatt und Rundschau spricht am Donnerstagabend in der mit rund 500 Gästen voll besetzten Gaildorfer Limpurg­halle über eine Welt im Umbruch.

Der Ruf Deutschlands als Technologienation und Land der Perfektionisten hat gelitten. In Berlin wird der neue Großflughafen nicht fertig, beim Bahnprojekt Stuttgart 21 laufen die Kosten aus dem Ruder und der Autobauer Volkswagen sorgt mit dem Dieselskandal weltweit für negative Schlagzeilen. In den vergangenen zehn Jahren ist beim Exportweltmeister einiges schiefgelaufen. Deutschland und Europa, so Nolte, haben wichtige Entwicklungsschritte verschlafen und sich zu sehr auf nationaler Ebene mit sich selbst beschäftigt und dabei das große Ganze aus den Augen verloren. Das hat China nicht gemacht. Das Reich der Mitte ist ein Global Player geworden und bietet jetzt auch der Supermacht USA die Stirn. Bernd Nolte hofft, dass das neue China in den nächsten zwölf Monaten nicht die aus chinesischer Sicht abtrünnige Provinz Taiwan nach russischem Muster annektieren wird. Aber die Gefahr bleibt.

Greife China nach Taiwan, müsse die internationale Staatengemeinschaft unverzüglich reagieren und den Aggressor in die Schranken weisen, so Nolte. Im Fall der Annexion der Krim von der Ukraine durch Russland habe Europa viel zu spät reagiert. Generell sieht Nolte das Rohstoffland Russland zwar als bisherigen Verlierer im globalen Spiel, doch das Imperium Putins rüste sich massiv mit neuer Technik und Material für künftige Konflikte, während der Nationalismus blüht und Europa debattiert, anstatt sich als Einheit in das Weltgeschehen einzubringen. In Deutschland müssten Politik und Wirtschaft die globale Entwicklung offen analysieren und schnellstmöglich die entsprechenden Kurskorrekturen einleiten. Sonst werde man vom Wandel vollends überholt.

Deutschland soll zu alten Tugenden zurückkehren

Was Deutschland speziell betrifft, empfiehlt Nolte die Rückkehr zur bewährten Erfolgsformel. Diese kombiniere sich aus einem ausgezeichneten Bildungssystem in Kombination mit Akkuratesse wie Pünktlichkeit und Ordnungsliebe, gepaart mit starken Marken in hervorragender Qualität und enormer Exportstärke. Das sei der Schlüssel zum Erfolg, denn „wenn du was Gscheites machst, geht es bis in den dunkelsten Winkel der Erde“, sagt Nolte und berichtet dem gespannt lauschenden Publikum im Schenk-Albrecht-Saal von einer persönlichen Erfahrung in Afrika. Seine Gastgeber präsentierten stolz einen qualitativ hochwertigen Kaffeeautomaten des Geislinger Herstellers WMF.

Die Welt und die deutsche Wirtschaft stehen vor neuen He­rausforderungen, ist der Wissenschaftler von der Steinbeis University Berlin überzeugt. Eine davon ist die fortschreitende Digitalisierung.

Von Bayern abgehängt

Das sieht auch Gerhard Bauer so. Der Landrat des Landkreises Schwäbisch Hall freut sich mit Blick auf die anwesenden Vertreter von Verwaltung und Politik, dass das Land Baden-Württemberg 400 Millionen Euro in den Ausbau des schnellen Internets steckt. Aber, so Bauer, das Nachbarland Bayern investiere sechs Milliarden Euro in das Vorhaben. „Die Politik sollte ihre Schwerpunkte überdenken“, rät Bauer an die Adresse der Landesregierung, deren Exekutive am Donnerstag unter anderem durch den aus Gaildorf stammenden Regierungspräsidenten Wolfgang Reimer vertreten war.

Für den Landrat sind Digitalisierung und Breitband die „Lebensader der Zukunft“. Es warten aber noch andere Herausforderungen. Klimaschutz sei eine davon und der öffentliche Nahverkehr. Gaildorf sei vor 140 Jahren an das Eisenbahnnetz angeschlossen worden, sagt Bauer. Die Leidenszeit bis zum zweigleisigen Ausbau der Trasse fühle sich „mindestens genauso lang an“.

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