Menschen Segeltörns auf allen Meeren

Matthias Grawe trainiert für Segeltouren in südlichere Gewässer.
Matthias Grawe trainiert für Segeltouren in südlichere Gewässer. © Foto: sd
Crailsheim / Von Birgit Trinkle 21.07.2018

Vor drei Jahren hat Matthias Grawe die Leitung des Voith-Standorts Crailsheim mit 1100 Mitarbeitern abgegeben. Das Ende seiner bemerkenswerten Karriere, an der er nach seinem Studium in Stuttgart und im französischen Grenoble so zielstrebig gearbeitet hatte? Mitnichten. Aber es war ein Atemholen. Vor allem ein Gefühl hat ihn bewogen, noch einmal entscheidende Weichen zu stellen: die Freude daran, Neues zu entdecken. „Das war der Abenteurer und Weltenbummler in mir“, sinniert der 58-Jährige. Und überhaupt: „Man lebt nur einmal.“

2015 hat die Familie ihren Ellrichshäuser Bahnhof verkauft, und zog in ein Apartment nach Berlin, nahe am Charlottenburger Schloss und an der Spree. 2016 erlaubte sich der Manager ein Sabbatical, eine fast einjährige Auszeit, um mit Frau und Sohn auf Weltreise zu gehen, nach Neuseeland, Australien und Indonesien. Sohn Alexander ging einige Wochen in Neuseeland zur Schule, später dann ein Vierteljahr in New York: Eine bessere Vorbereitung auf ein Leben in der Welt lässt sich kaum denken.

Erneut Personalverantwortung

2017 führte Grawe als Vorsitzender der Geschäftsführung ein Unternehmen in Stettin/Polen mit 900 Mitarbeitern zur Produktion von riesigen Stahlfundamenten für Windkraftanlagen, die offshore, also im Meer, aufgestellt werden. In diesem Jahr nun hat er sich als Berater selbstständig gemacht. Er arbeitet noch immer viel und gern, aber er hat jetzt andere Prioritäten, sagt er. „Ich bin froh, aus dem täglichem Hamsterrad raus zu sein.“

Inzwischen hat er die Sportbootführerscheine „See“ und „Binnen“ gemacht und Segelkurse belegt. Momentan macht er seine UKW-Funkscheine. Und er hat sich eine kleine, modernisierte Segelyacht aus den 1970ern gekauft. Die Schöne liegt am Stettiner Haff/Ostsee. Dort arbeitet er an seinen praktischen Segelkenntnissen, um vorbereitet zu sein für längere Segeltörns auf allen Meeren, auch auf der Südhalbkugel. Wenn er was macht, macht er’s richtig. Das gilt nicht zuletzt für die Wunschtraumerfüllung. Im vergangenen Winter ist er mit einem befreundeten Skipper auf einem 18-Meter-Zweimaster drei Wochen in die südlich von Martinique gelegene Inselwelt gesegelt: Traumhafte Welten mit Dutzenden Delphinen, die das Boot begleiteten, Meeresschildkröten beim Tauchen, frischer Fisch, Rum-Sundowner am Strand und viele Abenteuer, von denen er spannend zu erzählen weiß.

Rückblick und Ausblick

Der neue Alltag bringt ihm ebenfalls Freude. „Mir geht’s wunderbar. Ich bin zeitlich viel flexibler und treibe Sport, jogge jeden Morgen im Schlosspark.“ Neulich hat er einige Tage mit alten Freunden in einem Kloster im Schwarzwald verbracht, um auf sein Leben zurückzuschauen und Pläne für die Zukunft zu schmieden.

Einige Leidenschaften hat Grawe bereits in Crailsheim gelebt, die Liebe zur Fotografie etwa. Auch da gab es einen Wendepunkt. Er hat all seine analogen Fotos einscannen lassen und sortiert. Übrig geblieben sind 60 000 digitale Fotos, die sein Leben dokumentieren. Gelegentlich stellt er Fotobücher zusammen, etwa zum 18. Geburtstag seines Sohns. „Da gibt es dann viele Bilder aus Ellrichshausen, Satteldorf und Crailsheim, schöne Erinnerungen an 15 Jahre in Hohenlohe.“ Die hatte er auch, als er den Fotoband „Familienbande“ von Katharina Mayer zur Hand nahm, die 2012 im Bahnhof Ellrichshausen fotografiert und zwei Bilder in ihr Buch aufgenommen hat. Er hat sich in Hohenlohe wohlgefühlt: „Hier ist es sicher, hier ist es schön, hier arbeiten gute Leute.“ Die Lebensqualität insgesamt sei in Süddeutschland sehr hoch.

Auch zu alten Weggefährten aus seiner Theaterzeit hat er Kontakt aufgenommen – ebenfalls eine Lebensstation, die ihn geprägt und weitergebracht hat. Er zählt auf, wer aus dem „Jugendclub Kritisches Theater“ JKT in Stuttgart heute wo welches Theater leitet, an welcher Bühne Erfolg hat. Karoline Eichhorn ist eine Filmgröße geworden. „Ich spiele die Hauptrolle in meinem Leben“, sagt Grawe und lacht. Er ist genau da, wo er sein will.

Wenn der Vater mit dem Sohne

Im September steht eine große Tansania-Reise mit seinem Sohn an, Anerkennung für ein sehr gelungenes Abitur und einfach so, aus Freude – „natürlich mit Foto-­Safari“ und mit einem Besuch des Partnerdorfs der Kirchengemeinde Ellrichshausen, um nach den Entwicklungshilfeprojekten zu schauen. Quer durchs Land soll’s gehen, fast durchweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln, „um die lokale Kultur ungefiltert kennenzulernen“.

In zwei, drei Jahren steht dann eine große Segeltour in ferne Gewässer an. Dazu muss er noch viel üben, sagt er, und irgendwann auch ein größeres Boot kaufen. „Where you go, there you are“ ist ein Lieblingswort geworden. Jeder ist seines Glückes Schmied, hieße das wohl im Deutschen. Oder: Wie man sich bettet so liegt man. „Eigenverantwortung für sein Leben übernehmen. Mut haben. Auch den Mut haben, die Perspektive zu wechseln“, das ist ein Gedanke, der ihn umtreibt, seit er seinem Leben eine neue Richtung gegeben hat, um mit dem Wind zu segeln.

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