Melik Scheuerer steht mit erhobenem Daumen auf der Gaugshausener Straße. Er will nach Oberaspach. Er geht zu Fuß. 15 bis 30 Kilometer schafft er am Tag. Aber er trampt auch. „Mitfahren, das haben die Wandergesellen früher auch schon gemacht.“

Dieses „Früher“ ist von zentraler Bedeutung, denn der 23-Jährige bewegt sich mit seiner Walz in einer altehrwürdigen Tradition. Er ist Steinbildhauer. Der Schweizer aus Wattwil im Tal Toggenburg hat eine vierjährige Lehre absolviert. In seinem Heimatland ist die Steinbildhauerei getrennt von der Steinmetzerei. Auf der Wanderschaft allerdings spielt das weniger eine Rolle. Auch bei Thomas Hildenbrand in Oberaspach wird er in den nächsten Wochen nicht im strengen Sinn in seinem Metier arbeiten. Denn der Einheimische (und ehemalige Wandergeselle) hat eine Holzbildhauerei.

Melik Scheurer arbeitet gerne in Holz: „Das Material ist nicht so teuer. Es ist weicher als Stein und es dauert nicht so lange.“ Thomas Hildenbrand kennt den Schweizer Gesellen, er war schon einmal bei ihm. Eigentlich hätte er schon einen Tag früher da sein sollen, aber das sehen beide aus Erfahrung gelassen. „Ich bin gestern nicht weitergekommen.“ Was hat er dann gemacht? „Ich habe unter einem Baum geschlafen.“

In seinem Wandergepäck befindet sich neben der Arbeitskluft etwas Wäsche, ein Buch, Kleinkram und ein Schlafsack – mit sieben Kilo ein relativ leichtes Gepäck. Ein Handy oder Smartphone darf er nicht mit sich führen. Die Rolandsbrüder haben das nicht.

Melik Scheuerer hat während seiner Lehre Wandergesellen kennengelernt, hat sich mit dem Brauch befasst und ist dann nach seiner Gesellenprüfung von Romanshorn aus losgezogen. Sein Eigentum hat er vorher verkauft oder verschenkt, Wichtiges bei der Familie deponiert.

Ein sogenannter Exportgeselle hat ihn abgeholt, sie sind mit einer Fähre über den Bodensee. Geld wird beim Reisen nur für Schiffe oder Flugzeuge ausgegeben. Nach Deutschland wollte er, weil er das Land nicht kannte. Er musste zunächst aus dem Bannkreis heraus: Um den Heimatort wird mit dem Zirkel auf einer Landkarte ein Kreis von 60 Kilometern im Durchmesser gezogen, dessen Grenze er in drei Jahren und einem Tag nicht überschreiten darf.

Dann ging es weiter nach Hessen. Warum Hessen? „Ich war noch nie in Deutschland und das ist in der Mitte.“ Er brauchte noch einen Stenz, den er selbst finden musste, was ihm in einem Wald in Niedersachsen auch gelang. Drei Tage lang hat er nach dem Wanderstock gesucht.

Das Zeitgefühl ist etwas, was sich ändert bei dieser Lebensweise. Er sagt dazu einen Satz, den die meisten Menschen in den Industriegesellschaften so nicht aussprechen könnten: „Ich habe Zeit.“ Ganz einfach. „Ich habe keine Verpflichtungen, keinen Handyvertrag. Wir können machen, was wir wollen. Wenn es kalt wird, gehen wir in den Süden, im Sommer in den Norden.“ Er war viel in Ostdeutschland, hat für das Humboldtforum in Berlin Engelsflügel und Hände und Arme gemacht, in Dresden für den Zwinger gearbeitet. Er war in Norwegen, wo der Lohn sehr gut ist: „Aber ein Bier kostet dort umgerechnet 10 Euro“ Dänemark hat er gesehen, England, Rumänien und sogar Neuseeland und Sri Lanka.

Alles ist in dem Kostbarsten dokumentiert, das er, wieder in ein Tuch geschlagen, mit sich führt: sein Wanderbuch, in dem mit Stempeln und sonstigen Nachweisen alle Stationen aufgelistet sind.

„Am Anfang der Walz habe ich mich viel aufgeregt, war kritisch gegenüber Menschen. Ich habe gelernt, keine Vergleiche zu ziehen, die Unterschiede hinzunehmen. Man muss andere Arbeitsweisen, Kulturen, Denkweisen gelten lassen.“

Das klingt schon sehr weise und abgeklärt. Vier Jahre ist er jetzt unterwegs. „Ich würde gerne wieder sesshaft werden. Ich sehne mich nach einem Platz, wo ich bleiben kann. Ich hätte gerne feste Freunde, eine eigene Werkstatt.“ In zwei bis drei Monaten geht es zurück in die Schweiz. Nach Hause.

Die Walz im „Schacht“

Walz ist die Wanderschaft eines Handwerkers nach seiner Gesellenprüfung. Sie geht auf das 12. Jahrhundert zurück. Vom Spätmittelalter bis Mitte des 18. Jahrhunderts war sie Voraussetzung für den Gesellen, die Meisterprüfung zu beginnen. Mit der Einführung der Gewerbefreiheit ab 1810 wurde der Zunftzwang und damit die vorgeschriebene Walz aufgehoben. Gesellen wandern heute als Freireisende oder „schachtgebunden“ in einer Vereinigung. Die größten Schächte in Deutschland sind die Rechtschaffenden Fremden, die Rolandsbrüder, der Fremde Freiheitsschacht, der Freie Begegnungsschacht, der auch Frauen aufnimmt, und die Freien Voigtländer. urs