An Andreas Straßer liege es nicht, betonte ein Schrozberger Stadtrat nach dem anderen. Der neue Leiter der Musikschule Hohenlohe hat bei seinem Auftritt in der jüngsten Gemeinderatssitzung offensichtlich einen guten, engagierten Eindruck hinterlassen. Und dennoch wirkte er einigermaßen konsterniert, als er seinen Rucksack packte und den Heimweg antrat.

In Bayern etabliert

Straßer hatte das Projekt „WIM – wir musizieren“ vorgestellt. Die öffentliche Musikschule will dieses in Kooperation mit der Grundschule und dem Musikverein in Schrozberg einführen. Es geht um Singen, Sprache, Bewegung, um Rhythmusgefühl und darum, Erst- und Zweitklässler in Berührung mit verschiedenen Instrumenten und theoretischen Grundlagen der Musik zu bringen – einmal in der Woche eine Stunde im Regelunterricht, durchgeführt jeweils von einem Lehrer der Grund- und der Musikschule. Straßer hat „WIM“ aus seiner unterfränkischen Heimat mitgebracht. In Bayern wird es vielfach erfolgreich praktiziert. Mittlerweile läuft es auch als Pilotprojekt in Gerabronn und Niederstetten. Die Kommune muss rund 6500 Euro im Jahr zuschießen. Straßer sprach von einem „fertig evaluierten Programm“, das eine „Angebotslücke“ schließe und an dem bereits mehrere Nachbarmusikschulen „großes Interesse“ bekundet hätten.

Schwäbisch Hall

Schreiben von Harald Beibl

Alles klar also, und die Zustimmung des Gemeinderats reine Formsache? Nein, denn die Stadträte hatten im Vorfeld der Sitzung vom Leiter des privaten Schrozberger Musik-Studios Beibl, Harald Beibl, ein zweieinhalbseitiges Schreiben bekommen. Darin hinterfragt Beibl den Wert des Programms „WIM“: Wenn es wirklich so wertvoll für Erst- und Zweitklässler sei, „warum wurde es dann nicht längst vom Kultusministerium des Landes Baden-­Württemberg in den regulären Lehrplan für Grundschulen aufgenommen“? Sollte dennoch Interesse an dem Projekt bestehen, heißt es weiter, „würden wir uns als ortsansässige Musikschule freuen, bei der Entscheidung für die Vergabe berücksichtigt zu werden“. Beibl gibt außerdem an, Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann präferiere die Zusammenarbeit von Kommunen mit privaten und freien Musikschulen, „da diese die finanziellen Belastungen der öffentlichen Hand verringern würde“.

Straßer nannte dies in der Sitzung eine „haltlose Behauptung“. Er kritisierte auch die von Beibl „suggerierte Gleichstellung von öffentlichen und privaten Musikschulen“. Dabei seien die jeweiligen Aufgabengebiete verschieden. Privater Musikunterricht habe eine ergänzende musikpä­dagogische Funktion. Straßer lobte das Engagement des Musik-Studios Beibl: „Ich wünsche mir weiterhin eine so gute ergänzende Koexistenz wie bisher.“

Beibl wiederum zählte auf, wie er und seine Musikschule sich seit Jahrzehnten in der Stadt einbringen – sei es beim Weihnachtsmarkt, beim Jacobi-Festzug, als BDS-Mitglied oder als Anbieter im Ferienprogramm. Er bat den Gemeinderat, dies und den qualitativ hochwertigen Unterricht, der vom Musik-Studio geboten werde, bei seiner Entscheidung zu berücksichtigen.

Musikschule Hohenlohe Menschen Kultur vermitteln

Niederstetten

Mehrheit stimmt für Vertagung der Angelegenheit

Und er fand damit Gehör: Es gab keine Mehrheit für die Einführung von „WIM“, sondern für eine Vertagung des Themas (12:9 Stimmen). Bürgermeisterin Jacqueline Förderer war dagegen und stellte klar, dass sie die Bedenken Beibls zwar nachvollziehen könne, aber: „Entweder wir machen ,WIM‘ mit der Musikschule Hohenlohe oder wir machen es nicht – das ist die Alternative.“

Hans-Joachim Feuchter sagte, das Konzept sei sicherlich gut. Aber man habe in Schrozberg nun einmal zwei private Musikschulen. Die Angst der Privaten sei, dass die Musikschule Hohenlohe die Kinder in den ersten Klassen erfasse und damit ihr Schülerpotenzial steigere. Es dürfe keine Konkurrenzveranstaltung geben, sondern man müsse Beibl einbinden: „Wieso haben Sie zwei Züge aufeinander zulaufen lassen?“

„Gewisse Verpflichtung“

Lothar Mühlenstedt, Frank Klöpfer und Erich Wollmershäuser sahen es ähnlich. Man habe eine „gewisse Verpflichtung und Verantwortung gegenüber der privaten Musikschule, ihr gleiche Chancen zu geben“, sagte etwa Mühlenstedt.

Christel Waldmann sah eine andere Pflicht der Räte: die auf den Weg gebrachte Kooperation zwischen Musikschule, Schule und Musikverein zu unterstützen nämlich. Aus dem Musikverein kämen positive Signale, die Zusammenarbeit fände sie toll, so Waldmann. Auch Ute Weigel plädierte für das Projekt: Es gehe in erster Linie um Bewegung, um Klatschen, um Rhythmus, nicht um Instrumentalunterricht: „Das hat mit dem, was Harald Beibl macht, nicht so viel zu tun.“

Ulrich Herrschner ist der Meinung, dass beide Seiten nicht klug agiert hätten: „Es wäre gut gewesen, wenn beide mal untereinander gesprochen hätten.“ Dazu besteht nach der Vertagung Gelegenheit. Ausgang: offen.

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