Manch ein Verkehrsteilnehmer auf der L 1066 zwischen Obersontheim und Winzenweiler wird sich Donnerstag gegen 10.30 Uhr gewundert haben, was die Herrschaften mit den orangenen Warnwesten auf der Fahrbahn zu suchen hatten. Dazu noch abgesichert durch Fahrzeuge des Straßenbauamts.

Ganz einfach: Landrat Gerhard Bauer hatte zu seiner jährlichen Besichtigungsfahrt über die Landesstraßen des Landkreises geladen, und Regierungspräsident Wolfgang Reimer, Experten aus seiner Behörde und dem Kreis, Kreisräte, die Landtagsabgeordneten Jutta Niemann (Grüne) und Arnulf von Eyb (CDU) sowie Ministerialdirektor Dr. Uwe Lahl vom Landesverkehrsministerium sind der Einladung gefolgt. Genauso wie einige Bürgermeister aus den Kreisgemeinden, die den Termin so wie Erwin Tiroke, Leiter vom Amt für Straßenbau und Nahverkehr des Landkreises, genutzt haben, auf den schlechten Zustand von Landesstraßen auf ihren Gemarkungen aufmerksam zu machen.

Schmiechen

Bewegung im Untergrund

Tiroke stellt mehrmals klar: „Es besteht dringender Handlungsbedarf.“ Sein Amt würde zwar regelmäßig kleinere Flickarbeiten an maroden Landestraßen vornehmen, die dafür zur Verfügung gestellten 350.000 Euro reichten dafür aber „nicht ansatzweise“ aus. An manchen Straßen, die zum Teil das letzte Mal in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gerichtet worden seien, gebe es „im Untergrund Bewegungen, die wir nicht beeinflussen können und die erhebliche Auswirkungen haben“, so der Amtsleiter. Als Beispiel nannte er die L 2218 von Crailsheim nach Schwäbisch Hall. Deren Belag sei letztmals 1983 erneuert worden. 10 977 Fahrzeuge müsse die Strecke täglich verkraften, darunter ein hoher Schwerverkehrsanteil von 8,5 Prozent. Zum Vergleich: Das tägliche Verkehrsaufkommen liegt im Landesdurchschnitt bei 4378 Fahrzeugen, davon 185 LKWs. „Die Fahrbahn zeigt erhebliche Quer- und Längsunebenheiten“, so Tiroke. „Es gibt eine Vielzahl von Flickstellen, der Untergrund ist schadhaft.“ Außerdem sei die „Achse zwischen Crailsheim und Schwäbisch Hall“ eine Umleitungsstrecke für die A 6, was zu weiteren Belastungen führe.

Ein weiteres krasses Beispiel zeigte sich auf der Fahrt von Langenburg nach Bächlingen. Der Belag der L 1036 ist letztmals 1990 erneuert worden. Die Federung des Kleinbusses, in dem die Reisegruppe unterwegs war, hatte gut zu tun. „Bereits 2008 ist der Warnstellenwert für die Strecke überschritten worden“, erklärte Tiroke. Sie werde touristisch genutzt und sei für die Stadt Langenburg eine wichtige Achse nach Gerabronn – zum Beispiel für Schüler auf der Fahrt ins dortige Gymnasium. Dass schlechte Straßen auch wirtschaftliche Auswirkungen und als Standortnachteil für Kommunen gelten, machte der mittlerweile dem Bus zugestiegene Langenburger Bürgermeister Wolfgang Class deutlich: „Bei uns werden viele Hochzeiten gefeiert. Ein Konditor aus Hall hat mitgeteilt, dass er Langenburg nicht mehr beliefern will, weil er nicht garantieren kann, dass seine Torten gut im bestellten Zustand ankommen.“

Bei einer Abschlussbesprechung im Bus appellierte Landrat Bauer an das Land, den Zustand der Landestraßen im Kreis nicht aus dem Blick zu verlieren. Ihm sei bewusst, dass mit Blick auf begrenzte Haushaltsmittel Prioritäten im Erhaltungsmanagement gesetzt werden müssten, es ginge aber nicht an, dass der hiesige Zustand der Landesstraßen im landesweiten Vergleich „wenn nicht der schlechteste, auf jeden Fall aber einer der schlechtesten“ sei. Es werde zu wenig saniert, auch wenn er hervorheben müsse, dass Minister Winfried Hermann die Mittel für den Straßenerhalt „deutlich aufgestockt“ habe. Trotzdem stellte er für den Kreis klar: „Das sind einfach unhaltbare Zustände.“

Eine klare Ansage

„Das war eine klare Ansage“, entgegenete Ministerialdirektor Lahl. Die Fahrt habe ihn beeindruckt. Zusätzliches Geld, das vom Bund zu erwarten sei, würde auch in den Landkreis Hall fließen, versprach er. Bei der Zusammenarbeit zwischen Land und Kreisen müsse es aber immer heißen „Kooperation statt Konfrontation“.

Objektiv betrachtet sei der Landkreis Hall nicht benachteiligt, sagte Regierungspräsident Reimer. Die ländlichen Kreise im Regierungspräsidium Stuttgart würden „besonders bedacht“. Es sei gut, dass Bauer immer wieder seine Anliegen zu den Landesstraßen vortragen würde. „Das kann ich Ihnen versprechen: Wir machen mehr“, so Reimer. Das hörte der Landrat gern, versprach aber seinerseits, dass er nicht aufhören werde, „zu nerven“.

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Sechs Teilstücke werden 2019 gerichtet


In diesem Jahr wird das Land sechs Erhaltungsmaßnahmen an Landesstraßen im Landkreis Schwäbisch Hall mit einem Gesamtvolumen von 5,85 Millionen Euro finanzieren. Das hat Regierungspräsident Wolfgang Reimer bei der Straßenbesichtigungsfahrt bekanntgegen. Er kündigte außerdem an, dass vom Bund zusätzliche Mittel für Erhaltungsmaßnahmen in Baden-Württemberg erwartet würden. Davon werde auch der Landkreis Hall profitieren. Man könne aber noch nicht über Summen sprechen oder bestimmte Maßnahmen nennen.

Konkret wird es für Teilabschnitte der L 1060 bei Obersontheim (Kosten rund 1,5 Millionen Euro), der L 1066 bei Gründelhardt (Kosten rund 1,7 Millionen Euro), der L 1040 bei Hilgartshausen (Kosten rund 1,4 Millionen Euro), der L 1036 bei Orlach (Kosten rund 650 000 Euro) und der L 1041 bei Dendelbach (Kosten noch unklar, ein Gutachten wegen einer dortigen Rutschung ist in Arbeit). Außerdem wird die Jagstbrücke bei Kirchberg-Eichenau im Verlauf der L 1041 für rund 600 000 Euro instandgesetzt.

Im Landkreis gibt es rund 450 Kilometer Landesstraßen. Im Erhaltungsmanagement 2017 bis 2020 des Verkehrsministeriums sind Teilstücke von rund 50 Landesstraßen im Kreis mit einer Länge von etwa 44 Kilometern auf Grundlage einer Zustandserfassung bewertet und aufgelistet worden. noa