Die Ursprünge von Klezmer und der Musik der Sinti und Roma sind schon rein örtlich im gleichen Teil Europas zu finden, und zwar vor allem im Osten des Kontinents. Von dort verbreiteten sie sich in die Welt, teilweise mithilfe des Jazz. Denn während Django Reinhardt die Musik der Sinti und den Swing in Frankreich zusammenbrachte, fanden Klezmer und Swing in etwa derselben Zeit in den USA Gefallen aneinander. Das 1923 von Nellie Casman geschriebene Lied „Yossel, Yossel“ wurde so 1938 durch die „Andrew Sisters“ zum swingenden „Joseph, Joseph“.

Schnelle Skalen improvisiert

Helmut Eisel und Joscho Stephan griffen es im ersten Set ihres Konzerts auf, wobei Eisel noch erklärte, dass das im Nazi-Deutschland verbotene Lied mittels eines deutschen Textes mit dem Titel „Sie will nicht Blumen und nicht Schokolade“ dann doch aufführbar wurde. Stephan verzog in seinem Chorus die Saiten seiner Gitarre zu wunderbarer „Hot intonation“. Erneut schälten sich als bestimmende Elemente seiner Improvisation schnelle Skalen und schnell in sich drehende Figurationen heraus.

Crailsheim

Eisel, einer der bekanntesten Klezmermusiker Deutschlands, antwortete mit dem für Klezmermusik typischen Klarinettenlachen und -kreischen und nutzte auch Triller als virtuoses Element seines Chorus. Mal erklangen sie beiläufig, mal legte er sie scharf tönend und lang gehalten über das federnde und mit Drive von Günther Stephan auf der Rhythmusgitarre und von Volker Kamp auf dem Kontrabass vorgetragene rhythmische Gerüst.

Sholom Secundas „Bei mir bist du schön“, den die „Andrew Sisters“ noch vor „Joseph, Joseph“ in swingender Form bekannt machten, beschloss das zweite Set. Eisel lotete in der langsamen Einleitung juchzende Töne wie Seufzer aus, ehe der Beat an Fahrt aufnahm, erst zurückhaltend, dann zum Gitarrenchorus in schnellem Tempo. Danach kam es – nicht zum ersten Mal an diesem Abend zur musikalischen „Plauderei“ zwischen Eisel und Stephan ohne Rhythmusgerüst. Und beim Improvisieren wurde auch schon mal lustvoll Henry Mancinis „Peter Gunn Theme“ angespielt.

Zwischen diesen beiden „Klezmer Swing“-Titeln breiteten die vier Musiker einen Klangteppich mit vorwiegend eigenen Stücken aus. Das Jazzmoment war dabei besonders zu Joscho Stephans Stücken stärker präsent.

Da begegneten die Zuhörer etwa dem „Createur immonilié“, der sich in Stephans Moderation als Warteschleifenkomposition für ein Immobilienunternehmen herausstellte. Eher entspannt und cool erwies sich „Sunflower“, während der „Funky Waltz“ wie ein Piazzolla-Stück begann, aber Gitarreneleganz und einen leicht aufgerauten, bisweilen ansatzweise ekstatischen Klarinettenton mit sich brachte. Eisels Stücke erwiesen sich als alte Klassiker aus seiner Feder. „Ursula‘s Freilach“ brachte erstmals ein verdichtetes Wechselspiel zwischen Klarinettist und Gitarrist vor mehr klezmerartigen, bisweilen arabisch anmutenden Klängen. Zu „Antonia‘s Theme“ zeigte Eisel, wie weich und ausgesprochen sanft sein Klarinettenspiel sein kann, ehe Joscho Stephan zu „Sammy‘s Freilach“ kleine Saitentornados folgen ließ.

Brettheim

Spielerische Ausgelassenheit

Theo Mackebens „Bei dir war es immer so schön“ knüpfte in der gesanglichen Spielweise an „Antonia‘s Theme“ an. Es führte dann zur spielerischen Ausgelassenheit von Eisels, für seine Frau geschriebenes „Babsi‘s Freilach“ mit wundervollem Duettieren von Klarinette und Gitarre. Noch inniger wie Mackebens Song vertiefte sich Eisel in sein für Giora Feidman geschriebenes „The Ballad of A Lonesome Maestro“. Das wirkte umso stärker und noch viel mehr nach seufzender Klezmermusik, weil zuvor Django Reinhardts „Minor Blues“ gespielt wurde, zu dem sich Joscho Stephan nicht nur zitatenfreudig von „Pink Panther“ über Mozart-Motive bis hin zum „James Bond Theme“ zeigte, sondern sich auch virtuoser Spielfreude bis knapp hinters Schallloch hingab. Das Publikum spendete teilweise stehenden Applaus im Rittersaal.

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