In der Nähe der Main-Stage des Taubertal-Festivals sitzen am Sonntag Jonas und Jens am Wegesrand. Die beiden 21- und 25-Jährigen aus Meinheim und Polsingen werden den ganzen Tag über nicht in die Nähe der Stages gehen. Stattdessen werden sie die ganze Zeit an verschiedenen Stellen stehen oder sitzen und mit ihren Pappschildern „Free Hugs“ - Gratis-Umarmungen - anbieten. Während unseres Gesprächs kommen immer wieder Menschen vorbei und nehmen das Angebot der beiden in Anspruch.

Jens und Jonas wollen, dass die Festivalbesucher häufiger lächeln

Warum man so was macht? „Ich habe vor zehn Jahren damit angefangen“, sagt Initiator Jens. Als gerade mal 15-Jähriger begann er auf Festivals und anderen Veranstaltungen damit, offen auf andere Menschen zuzugehen und ihnen eine Umarmung anzubieten. Dieses Ritual hat er sich bis heute erhalten - mit der kleinen Veränderung, dass er nun nicht mehr aktiv auf die Leute zugeht, sondern ihnen lediglich das Angebot unterbreitet - und es ihnen überlässt, auf ihn zuzugehen. Mittlerweile hat sich ihm in seinem Ritual auch sein Kumpel Jonas angeschlossen.

Dabei geht es den beiden letztendlich nicht mal um die Umarmung an sich, sondern um das, was sie damit auslösen wollen. „Eigentlich geht man doch auf ein Festival, um gute Laune zu haben“, meint Jonas und wirft einen Blick in die Runde. „Aber wie viele Menschen siehst du hier auf dem Gelände, die lächeln?“ Der Beobachtung der beiden zufolge können sich die meisten erst zu längerem Grinsen durchringen, wenn sie an den Stages feiern. Jens und Jonas wollen diese Freude durch ihr ungewohntes Angebot an körperlicher Nähe und Freundschaft verlängern - und das nicht aus angetrunkener Übermut, sondern aus einfacher Empathie. Die beiden bleiben während ihrer Einsätze stets nüchtern.

Sowohl Frauen als auch Männer nehmen ihre Gratis-Umarmung gerne an

„Das Taubertal ist in dieser Hinsicht viel besser als viele andere Festivals, auf denen ich bislang war“, resümiert Jens und zeigt seinen mit vielen Festival-Bändern verzierten Arm. Seit die beiden am Samstag angekommen sind, haben sie bereits um die 500 Umarmungen verteilt - sowohl das weibliche als auch das männliche Geschlecht kommt gerne auf sie zu. Klar gibt es auch unschöne Erfahrungen - vorbeiziehende Festivalgänger, die ihnen den Stinkefinger zeigen oder Rowdys, die versuchen, ihnen ihre Pappschilder zu klauen - aber wenn ihr Gesamteindruck nicht positiv wäre, würden sie nicht damit weitermachen. Lediglich eines wollen sie bei ihrem nächsten Einsatz vielleicht ändern - der Glitter in ihrem Bart schreckt manche ab.

„Das schönste Gefühl ist es, wenn einer mit grimmigem Gesicht ankommt, dem man es nicht zutrauen würde und der einen dann herzlich umarmt“, schwärmt Jens. Dass sie durch ihr Ritual das Geschehen auf der Main-Stage nur aus der Entfernung mitverfolgen können, juckt die beiden nicht weiter: „Der Blick von hier ist gut genug.“ Wichtiger ist es ihnen, dabei mitzuhelfen, gute Laune zu verbreiten. „Und jetzt bitte weiter lächeln“, ruft Jens einem Mann hinterher, den er eben umarmt hat.

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