Vor 14 Jahren war er der Überraschungskandidat in letzter Minute, der nicht nur in die Stichwahl kam, sondern auch gegen die meisten Erwartungen zum Oberbürgermeister gewählt wurde. Nun tritt Walter Hartl mit 63 Jahren am 15. März nicht mehr an und hinterlässt wohlgeordnete Verhältnisse.

Oberbürgermeister: „Man muss ständig am Ball bleiben“

Wer dem parteiunabhängigen OB nachfolgt, übernimmt eine weltberühmte Kleinstadt mit hervorragender Infrastruktur. „Aber man muss ständig am Ball bleiben!”, betont Hartl. Um das Amt bewerben sich die Tauberbischofsheimer Schulleiterin Martina Schlegl (CSU), Dr. Markus Naser (FRV) und Harry Scheuenstuhl (SPD).

Mit Walter Hartl zog nach langer Zeit wieder ein Verwaltungsfachmann (er kam von der Stadtverwaltung Heilbronn) ins Rothenburger Rathaus ein. Der gebürtige Allgäuer war zwar von den Grünen gefragt worden, trat aber über eine neue Wählervereinigung als unabhängiger Kandidat an. Die Skepsis, die ihm anfangs noch von den Wahlverlierern entgegenschlug, wechselte schnell in ein sehr gutes Miteinander, sodass es für die zweite Amtsperiode nicht mal mehr eine Gegenkandidatur gab. Fragt man ihn nach der Arbeitsbilanz, verweist Walter Hartl vor allem auf Grundlegendes. So signalisiere die Bevölkerungszunahme von 10.898 auf 11.300 Einwohner einen Umschwung. Der Wirtschaftsstandort sei gestärkt, große Firmen hätten expandiert und mit Teknor Apex habe ein neues Unternehmen 20 Millionen investiert und seinen Europasitz hier angesiedelt.

Rothenburg: die weltoffene Stadt

Hinzu komme die Stärkung des Bildungsstandortes mit der Montessorischule und dem Campus Rothenburg (300 Studierende) der Hochschule Ansbach. Im Tourismus sind die Übernachtungszahlen von 420.000 auf 560.000 gestiegen. Mit dem geplanten neuen Tagungs- und Wellnesshotel will man weitere Gäste gewinnen. Nicht umsonst gelte man als weltoffene Stadt mit der Auszeichnung „Stadt der Vielfalt”. Wichtig ist Walter Hartl die Kulturarbeit; das Toppler Theater habe sich als neue Profibühne etabliert, junge Initiativen wie „Grenzkunst” seien entstanden. Für Kultur und Soziales wurden erstmals feste Stellen geschaffen. Das kulturelle Flair der Stadt wirke anziehend.

Unter Walter Hartl wurde die Kernstadt gestärkt

Schon als OB-Bewerber hatte sich Hartl gegen eine Umgehungsstraße und lieber für „die Stärkung der Kernstadt” ausgesprochen, bei den neuen Verbrauchermärkten erscheint ihm die altstadtnahe Lage wichtig. Nicht mehr wegzudenken ist die von ihm eingeführte Außenbestuhlung in der Altstadt und ein veränderter Altstadt-Bebauungsplan lässt leichter Gastro-Nutzung zu.

Die „Große Kreisstadt” (eigene Bauhoheit) hat Millionen für die Erhaltung historischer Bauwerke aufzubringen, darunter oft größere Objekte wie das Schülerwohnheim im ehemaligen Spital. Aufwändig und teuer außerdem: die Kanalerneuerung der Innenstadt. Die unter OB Hartl geplante Dreifach-Turnhalle am Spitaltor sollte durch einen Bürgerentscheid verhindert werden – selbst ehemalige Kritiker erkennen heute den Bau als gelungen an. Mehr Verkehrsberuhigung und ein Parkkonzept seien auf den Weg gebracht worden, und das Kutschenproblem habe man im Griff.

Der Blick auf die Stadt veränderte sich durch Baugebiete, die neue Dominanten aufweisen. So durch hoch herausragende Penthaus-Flachdachbauten in der kleinteiligen Heckenacker-Siedlung. Von der Autobahn kommend prägt ein neu angesiedelter Betrieb in seiner Dimension das Bild links der Staatsstraße. Einige Bürger sehen nachteilige Stadtbildveränderungen. Es komme „doch ganz auf den Standpunkt an“, meint der Oberbürgermeister dazu, die Altstadtsilhouette sieht er keinesfalls beeinträchtigt. Der gestärkte Wirtschaftsstandort bringe mit acht Millionen an Gewerbesteuern rund doppelt so viele Einnahmen wie 2006.

Gegen das ausgewiesene altstadtnahe Wohnbaugebiet am Philosophenweg wird zurzeit geklagt, eine weitere Aufgabe für Nachfolger.

Hohenstein

Es gibt in Rothenburg nach wie vor viel zu tun

Große Sorgen bereitet die Zukunft des Krankenhauses. Der OB betont die herausragenden Leistungen der örtlichen Klinik und deren guten Ruf, während der ganze Anregiomed-Verbund unübersehbar große Probleme hat. Rothenburg stecke viel Geld in städtische Einrichtungen wie Museum, Musikschule oder Grundschule sowie Kinderbetreuung. Mittelschulsanierung und Grundschulerweiterung stünden an. Nur gemeinsam mit Stadtrat und Verwaltung habe so viel erreicht werden können, unterstreicht der Oberbürgermeister. Allerdings könne sich niemand zurücklehnen: „Wer nur verwalten will, wird erleben, dass andere Städte vorbeiziehen. Es gilt, Chancen zu erkennen und zu nutzen!”

Ab Mai möchte Hartl ein halbes Jahr pausieren und dann weitersehen, sich aber „aus der Kommunalpolitik heraushalten”. Er freut sich auf den neuen Lebensabschnitt mit der Familie und betont: „Die 14 bereichernden, aber auch anstrengenden Jahre möchte ich nicht missen!”