Wie lebt es sich hier für die Einwohner? Zumal im sehr kleinen Dorf? Was verbinden sie mit ihrem Wohnort? Was schätzen sie, was vermissen sie? Was ärgert sie, was hält sie?“ Solche Fragen haben den Schriftsteller Helmut Haberkamm umgetrieben, als er sich im vergangenen Jahr auf eine ganz besondere Reise durch seine fränkische Heimat begab. In 20 Weilern („keine Touristenorte und keine öden, abschreckenden Käffer“) hat er sich jeweils ein paar Tage ganz unvoreingenommen umgeschaut, hat mit Menschen gesprochen und die Atmosphäre aufgesogen. Heraus kam das Buch „Kleine Sammlung fränkischer Dörfer“ (siehe Info), das im September vom Börsenverein des deutschen Buchhandels und der Stiftung Buchkunst zu „Deutschlands schönstem Regionalbuch“ gekürt wurde.

Es ehrt Haberkamm sehr, dass er den württembergischen Teil Frankens nicht mit jener Ignoranz strafte, die jenseits der Landesgrenze oft anzutreffen ist. Kleine, feine Ortsporträts von Unterregenbach und Musdorf sind so entstanden. „Auf den ersten Blick war Musdorf unscheinbar und nicht allzu attraktiv“, erinnert sich Haberkamm. „Erst als ich die Geschichte der Muswiese erzählt bekam, mit allen Besonderheiten und Glanzpunkten, zappelte ich am Haken und wollte mehr darüber wissen und mir das Dorf genauer ansehen. Auf einmal erschien es mir außergewöhnlich und fürwahr einmalig.“

Haberkamm lernt einiges über die Muswiese

Erstmals war Haberkamm an einem Tag im Frühjahr in Musdorf, erkundete das Dorf, sprach mit zufällig auftauchenden Gesprächspartnern, verschaffte sich einen Eindruck. Später kam er wieder, recherchierte intensiver – und schließlich besuchte er die Muswiese. Verschiedenste Gesprächspartner hätten ihm im Vorfeld vom Jahrmarkt erzählt, sagt er. Etwas ganz Besonderes sei das Fest, so die einhellige Meinung, „das Familiäre, Vertraute einerseits, und das Große, die Menschenmassen und die heitere Stimmung andererseits“, das ergebe eine unvergleichliche Stimmung.

„Ich konnte mir so viele Besucher in diesem kleinen Ort nicht vorstellen“, erinnert sich der Autor. Aber: „Nun weiß ich Bescheid. Für einen Mittelfranken ist ja Hohenlohe meist ein weißer Fleck auf der Landkarte, aber dass es dort so lebendig und lebensfroh wie in einem Bienenstock zugeht, das hat mich begeistert.“

Nun, auch ein Mittelfranke kann auf der Muswiese eben noch etwas lernen – Haberkamm tat’s an einem herrlichen Herbsttag 2018, zusammen mit dem Fotografen Andreas Riedel und dem aus Wettringen stammenden Schriftsteller Manfred Kern. Vor allem die „Stimmung eines Familienfestes oder eines Klassentreffens“ ist im Gedächtnis haften geblieben, „heimelig und doch in einer Dimension, wie sie das Dorf eigentlich sprengen oder überfordern müsste“.

Autor spricht dem Jahrmarkt ein großes Lob aus

Haberkamms Urteil: „Man muss es erlebt haben, vor allem im Vergleich zu großen Volksfesten oder Kirchweihen, wo das Remmidemmi und der Trubel auch riesig sind, aber keine solche familiäre Nähe und Entspanntheit herrscht, ohne Alkoholleichen und Aggressivität.“ Im Buch schreibt er, das Fest wurzle ganz urwüchsig und bodenständig in einem winzigen Dorf: „Flair und Lebensfreude der Muswiese sind vom überdrehten Kommerz, Schickimicki-Getue und Großbrauereiengetöse in der bayerischen Landeshauptstadt meilenweit entfernt.“ Viel schöner kann man’s nicht formulieren. Chapeau, Mittelfranke Haberkamm!

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„Kleine Sammlung fränkischer Dörfer“


Auf 224 Seiten hat Helmut Haberkamm durch genaues Hinsehen und Hinhören ein kleines Sittenporträt seiner fränkischen Heimat vorgelegt. Zu jedem der 20 besuchten Dörfer gibt es einen Ortsplan, weitere Grafiken und allerhand Fakten wie etwa die Zahl alteingesessener und zugezogener Familien – gestalterisch wunderbar aufgearbeitet von Annalena Weber. Das Buch, das auch ein Kapitel über Unterregenbach enthält, ist bei „Ars Vivendi“ erschienen und für 25 Euro im Handel erhältlich. sebu