Das Verbrechen, das sich am 24. Januar 2020 im Gasthaus „Deutscher Kaiser“ in Rot am See abgespielt hat, hat in der Gemeinde Entsetzen ausgelöst und bundesweit Aufsehen erregt. Mord in sechs Fällen und versuchten Mord in zwei Fällen – das wirft die Staatsanwaltschaft Ellwangen einem 26-jährigen Mann vor. Adrian S. soll mit einer Pistole vom Kaliber neun Millimeter ein regelrechtes Blutbad angerichtet haben. Bei den Opfern handelt es sich um den 65-jährigen Vater des Angeklagten, mit dem dieser im „Deutschen Kaiser“ in der Bahnhofstraße wohnte, um seine 56-jährige Mutter, die von seinem Vater getrennt in Lahr im Ortenaukreis lebte, um einen 69-jährigen Onkel und eine 62-jährige Tante aus Rot am See sowie einen Halbbruder und eine Halbschwester, beide 36 Jahre alt und ebenfalls aus Lahr.

Bei der Bluttat kamen sechs Menschen ums Leben

Der Angeklagte soll seit längerer Zeit geplant haben, seine Mutter und seine Halbschwester zu töten, gibt die Staatsanwaltschaft an. Um legal eine Pistole erwerben zu können, sei er in einen Schützenverein eingetreten.

Am 24. Januar war die Familie in Rot am See zusammengekommen, um zu einer Beerdigung am folgenden Tag nach Sachsen weiterzufahren. Was sich gegen Mittag im „Deutschen Kaiser“ abgespielt hat, fasst die Staatsanwaltschaft so zusammen: Im Treppenhaus gibt Adrian S. mehrere Schüsse auf seine Mutter und seinen Vater ab; der Vater stirbt. Im Erdgeschoss schießt er mehrfach auf seinen Halbbruder, der ebenfalls stirbt. Weitere tödliche Schüsse treffen einen Onkel und eine Tante, ein weiterer Onkel und eine weitere Tante überleben verletzt.
Auf der Gebäuderückseite erschießt der Angeklagte seine Halbschwester, die sich gerade um ihren lebensgefährlich verletzten Bruder kümmert. In der Küche schließlich gibt er einen gezielten Kopfschuss auf seine verletzte Mutter ab und tötet sie damit. Zeugen des Geschehens werden zwei Söhne der Halbschwester im Alter von 12 und 14 Jahren, die unverletzt bleiben.

Rot am See

Laut Anklage hatte der Mann drei Magazine mit Munition bei sich. Er soll 30 Schüsse abgegeben haben. In zwei Vernehmungen hat der Angeklagte der Staatsanwaltschaft zufolge die Taten gestanden. Er sei überzeugt gewesen, dass seine Mutter ihn in seiner Jugend habe vergiften wollen, und habe ihr vorgeworfen, ihn physisch und psychisch misshandelt zu haben. Seine Halbschwester habe der Angeklagte als Komplizin seiner Mutter angesehen.
Nach den Schüssen hat Adrian S. bei der Polizei angerufen und angegeben, er habe soeben mehrere Menschen erschossen. Als die Polizei eintraf, ließ er sich widerstandslos festnehmen.
In der Hauptverhandlung vor der Schwurgerichtskammer geht es ab Montag auch um die Frage, ob bei dem Angeklagten eine krankhafte seelische Störung vorliegt. Ein psychiatrischer Gutachter soll klären, ob der Mann an einer paranoiden Schizophrenie leidet, also an Verfolgungswahn. In diesem Fall könnte das Gericht zu dem Ergebnis kommen, dass der Angeklagte nicht oder vermindert schuldfähig ist. Dann könnte er statt einer Freiheitsstrafe in der Psychia­trie untergebracht werden. Wenn der Angeklagte dagegen als schuldfähig eingestuft wird, dann droht ihm eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Mordprozess weckt großes Medieninteresse

Der Prozess ist auf sieben Verhandlungstage angesetzt, an denen 41 Zeugen vernommen und vier Sachverständige gehört werden sollen. Das Urteil wird für den 10. Juli erwartet. Das Landgericht rechnet mit einem großen Interesse von Medien und Zuschauern. Allerdings dürfen sich im Sitzungssaal nicht mehr als 40 Personen aufhalten. Das ergibt sich zum einen aus feuerpolizeilichen Vorschriften, zum anderen aus dem wegen der Corona-Pandemie erforderlichen Infektionsschutz. Für Journalisten lässt Vorsitzender Gerhard Ilg zehn Plätze reservieren, weitere zehn stehen für Zuschauer zur Verfügung.

Die Verhandlung findet im Schwurgerichtssaal statt, dem größten Saal des Landgerichts. Als „nicht angemessen“ hat es Gerhard Ilg bezeichnet, in eine andere Halle auszuweichen, zum Beispiel in die Stadthalle – mit Hinweis auf die „Wahrung schutzwürdiger Belange des Angeklagten“ und auf Sicherheitsgründe.

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Zeugen hat das Landgericht Ellwangen im Prozess um den sechsfachen Mord von Rot am See geladen. Außerdem will die Schwurgerichtskammer vier Sachverständige hören.