Ja, ist denn heute schon Weihnachten?, fragen sich 40 000 Festival-Besucher beim Summer ­Breeze am 15. August dieses Jahres in Dinkelsbühl. Die Blaskapelle Illenschwang stimmt das berühmte Weihnachtslied „Ihr Kinderlein, kommet“ an – und alle singen mit. Mitten im Hochsommer, auf einem ausgedörrten Acker! Wie kann das sein?

Ganz einfach: Der 15. August ist der Geburtstag von Christoph von Schmid, er hatte an dem besagten Tag seinen 250. Der Priester und Schriftsteller kam 1768 in Dinkelsbühl zur Welt, er gilt als der erfolgreichste Jugendbuchautor seiner Zeit. Und dessen wohl bekanntestes Werk ist das Weihnachtslied „Ihr Kinderlein, kommet“.

Zu Ehren ihres berühmten Sohnes errichtete die Stadt Dinkelsbühl am Münster St. Georg bereits ein Denkmal. „Dem Erzähler der Jugend“ steht auf einer Gedenktafel. Auf einer anderen stehen die acht Strophen des Liedes, von denen meist nicht alle gesungen werden.

Flashmob in der Weihnachtszeit

Im Jubiläumsjahr musste etwas Besonderes her. „Die Grundidee war, einen Flashmob zu Ehren von Christoph von Schmid in der Weihnachtszeit 2018 zu machen“, sagt Eva Mayer-Eming, stellvertretende Leiterin vom Touristik Service Dinkelsbühl. Und so war die Aktion #SingHisSong geboren, Unterstützung kam von Studierenden der Hochschule Ansbach. Dabei wurde dazu aufgerufen, das Weihnachtslied zu singen, zu spielen, zu rappen oder zu rocken.

Den Auftakt machte die Blaskapelle Illenschwang beim Summer Breeze. Eine große Rolle spielten die sozialen Netzwerke, insbesondere Facebook und Instagram. Um maximale Aufmerksamkeit zu generieren, wurde beispielsweise das Denkmal in Dinkelsbühl christomäßig verhüllt. Auf Schildern war zu lesen: „Don’t watch him! #SingHisSong“.

Ein fast 99-Jähriger am Klavier

Mehr als 30 Videos gingen bis Anfang dieser Woche ein, darunter welche aus Frankreich, Italien, Rumänien, sogar aus Ägypten und den USA – für Eva Mayer-Eming ein Erfolg, mit dem sie nicht gerechnet hat. Da ist der Männerchor vom „Frankenmuth Gemütlichkeit Verein“ aus Michigan. Oder der Posaunenchor des Landratsamtes Ansbach. Oder der frühere Gymnasiallehrer Waldemar Kohlmeyer, der sich mit fast 99 Jahren ans Klavier setzt. Oder die Version aus der französischen Partnerstadt Guérande. Statt „Ihr Kinderlein, kommet“ heißt es „Venez les enfants“. Das Lied existiere übrigens in sechs verschiedenen europäischen Sprachen, sagt Eva Mayer-Eming.

Würde Christoph von Schmid heute leben, er wäre wohl ein Popstar. Aber woher rührt überhaupt seine Popularität? Eva Mayer-Eming erklärt sich das mit Pfennigheften, die der Bertelsmann-Verlag einst herausgab und die mit der großen Auswandererwelle in die große weite Welt gelangten.

Und siehe da, nach kurzer Recherche im Internet stößt man auf die Sammlung „Sechzig deutsche Lieder für dreißig Pfennige. Mit bewährten Sangweisen. Gütersloh, Verlag von C. Bertelsmann“ – so steht es auf der Aufschlagseite. Veröffentlicht hat die Sammlung der Gütersloher Volksschullehrer und Organist Friedrich Hermann Eickhoff, sie wurde ein Bestseller.

Ein Lied daraus ist „Ihr Kinderlein, kommet“ – und zwar mit der Melodie von Johann Abraham Peter Schulz, heute die allgemein gültige. Was bestimmt auch half: Anno 1869 wurde das Weihnachtslied in den Sammelband „Die Missionsharfe“ aufgenommen und in der Folge x-mal neu aufgelegt. Es gelangte so an alle Missionsstationen auf der Welt.

Ausstellung in Augsburg

Christoph von Schmid wirkte die längste Zeit seines Lebens in Schwaben. Er studierte in Dillingen, war Pfarrvikar in Mindelheim und Schuldirektor in Thannhausen. Später war er als Domkapitular für das Schulwesen der Diözese Augsburg zuständig. 1854 starb er hochbetagt in Augsburg an der Cholera.

In Augsburg widmet sich noch bis zum 21. Dezember eine Ausstellung in der Staats- und Stadtbibliothek dem Mythos, der Geschichte und dem Welterfolg des bekannten Weihnachtsliedes. Zu hören sind auch mehrere Vertonungen. Zudem präsentiert die Bibliothek das einzige heute nachweisbare handschriftliche Textdokument zu „Ihr Kinderlein, kommet“, das Christoph von Schmid geschrieben hat.

Zum Abschluss singen alle gemeinsam

In Dinkelsbühl steht der Höhepunkt der Feierlichkeiten erst noch bevor. Am morgigen Sonntag steigt die große Abschlussveranstaltung zu #SingHisSong: Themenführungen, Lesungen, Malwettbewerb. Alles im Haus der Geschichte. Von 15 Uhr an geht das Programm auf dem Marktplatz weiter. Zu sehen sind ein Film über Christoph von Schmid und alle eingeschickten Videos. Spätestens jetzt wird es weihnachtlich.

Dann zieht das Dinkelsbühler Christkind, begleitet von Bischof Nikolaus und den Engeln, die Gewinner aus dem Malwettbewerb, einem Selfiewettbewerb und natürlich dem Videowettbewerb. Um 16.40 Uhr folgt ein Sternmarsch von Kapelle Eigner, Stadtkapelle und Knabenkapelle Dinkelsbühl zum Marktplatz. Schließlich spielen und singen dort um 17 Uhr alle gemeinsam „Ihr Kinderlein, kommet“, und zwar alle acht Strophen.