Tierschutz Rettungsinsel für Tiere in Not

Schrozberg / Sabine Franz 21.07.2018

Wuff, wuff, wuff“, bellt die schwarze Hündin aufgeregt und lugt vorsichtig durch den Metallzaun rund um den Hof. „Das ist Hexe“, sagt Susanne Koglin von der Tierhilfe Hechelein. Hexes Schicksal lässt einem das Blut in den Adern gefrieren: Ihr Vorbesitzer misshandelte sie brutal. Wenn er wütend war, zog er sie am Fell in die Höhe, ließ sie fallen, kniete sich auf die Hündin und traktierte sie mit Fäusten oder gar Stöcken. So lange, bis sie nicht mehr aufstehen konnte.

Susanne Koglin schüttelt mit ernster Miene den Kopf. Die 62-Jährige hat Hexe bei sich aufgenommen und baut sie wieder auf – körperlich wie seelisch. Schwanzwedelnd rennt sie auf ihre Pflegemutter zu und lässt sich streicheln. Ihre dunklen Stunden sind vorbei. Hexe ist nicht die einzige Hofbewohnerin mit schlechten Erfahrungen. „Jedes Tier hier hat seine Geschichte“, seufzt Susanne Koglin. Insgesamt sind es circa 250 Tiere ganz unterschiedlicher Art: Katzen, Flaschenlämmer und Esel sind darunter. Aber auch Wüstenrennmäuse, Gänse und Schweine.

Energisch, zupackend, freundlich

Susanne Koglin ist eine energische Frau mit freundlichem Lächeln und zupackenden Händen. Mit der Tierhilfe Hechelein leitet sie eine Auffangstation für gequälte, vernachlässigte oder anderweitig hilfsbedürftige Tiere. Zusammen mit ihnen lebt sie auf einem gepachteten bäuerlichen Anwesen in Hechelein, einem Weiler in der Schrozberger Teilgemeinde Leuzendorf. „Ich kümmere mich um jedes Tier, das ohne mein Zutun nicht überleben würde oder unter schrecklichen Bedingungen weiterleben müsste“, erklärt Susanne Koglin. Sie sieht sich als „Rettungsinsel“.

Ein großer Teil der Tiere lebt in lichtdurchfluteten Offenställen. Sie haben jederzeit Zugang zur Weide, auch im Winter. Vor einem Stallgebäude hoppeln Kaninchen. Neben einer geöffneten Holztür gähnt ein gittergeschützter Eingang. Dahinter blickt Susanne Koglin in 47 neugierige Augenpaare. Ihre Meerschweinchen kann die erfahrene Tierfreundin schlecht nach draußen lassen, sonst würden die Katzen sie jagen. Immerhin haben die Nagetiere viel Platz und können sich in einem Häuschen und einem ausgehöhlten Baumstamm vergnügen. Susanne Koglin erhielt sie aus dem Bestand eines sogenannten „Animal Hoarders“, der krankhaft Tiere sammelte, ohne sie ausreichend versorgen zu können. Einige hat sie bereits erfolgreich vermittelt. Ihr Grundsatz: „Die Tiere müssen es nachher noch besser haben als bei mir.“ Manche sind nach zwei Wochen weg, andere bleiben für immer – wie Gerion. Den Esel bekam sie als aufmüpfigen Zweijährigen. Heute hat er stolze 37 Jahre auf dem Buckel.

Oft kommen Interessenten durch Mundpropaganda auf sie zu. Sie erzählt von einem Ehepaar, das bei ihr einen Hund entdeckte und rief: „Auf den haben wir unser Leben lang gewartet.“ Die Chemie habe sofort gestimmt, und der Vierbeiner bekam ein neues Zuhause.

Leute, die sie nicht kennt, besucht sie zur Vorkontrolle. Susanne Koglin verspricht: „Ich red‘ kein Tier schön und mach‘ keins jünger.“ Alle seien tierärztlich untersucht und bei Bedarf behandelt. Sollten sie gesundheitliche Probleme, eine Behinderung oder ein spezielles Charaktermerkmal haben, teile sie das mit. Eines ist ihr ganz wichtig: „Sie kommen niemals unkastriert oder unsterilisiert vom Hof“, betont sie. „Die Tiere, die durch meine Hand gehen, vermehren sich auf dieser Erde nicht weiter.“ Es gebe eine zu große Tierflut und damit verbundenes Leid.“ Laut einer repräsentativen Erhebung leben in Deutschland rund 34 Millionen Haustiere. Zwei Drittel sind Katzen oder Hunde. Viele haben Glück mit ihren Besitzern. Andere nicht. Wenn sie dann bei Susanne Koglin auf dem Hof landen, endet ihre Pein.

Wo die Tierliebe der gebürtigen Schorndorferin herrührt? „Das kann kein Mensch verstehen“, lacht sie. Schon als Kind war Susanne Koglin verrückt nach Tieren, bekam aber nie eins. So begnügte sie sich damit, in der Nachbarschaft Gänse zu hüten und Hunde Gassi zu führen. Sobald sie den Führerschein in der Tasche hatte, folgte sie ihrem Herzen und engagierte sich für den Tierschutzverein in ihrer Heimat.

Das ist jetzt 44 Jahre her. Sie zog zu Hause aus und fand eine Dreizimmerwohnung mit Garten, in der Haustiere erlaubt waren. Ihr erstes eigenes Tier war Hund Benno, den sie 1977 einem Schäfer abschwatzte. „Ich war so glücklich.“ Susanne Koglin bekommt feuchte Augen. Sie lief mit ihm 15 Kilometer nach Hause, um jeden Schritt zu genießen. Zu Benno gesellte sich eine Katze, und in Nullkommanix kamen weitere Tiere hinzu. „Manche kannst du nicht mehr in ihr Elend zurückschicken“, sagt sie.

Wenn Susanne Koglin damals ein verletztes Tier vom Straßenrand aufsammelte, überlegte sie nicht lange, ob die Stelle noch zum Einzugsgebiet ihres Tierschutzvereins gehörte. So bekam sie gelegentlich Schwierigkeiten wegen der Kostenübernahme. „Irgendwann war mir das zu doof. Die Tiere können ja nix dafür, wo sie in Not geraten.“ So beschloss sie, die Lebewesen auf eigene Faust zu retten und durch ihren Beruf als Erzieherin zu finanzieren. Zusätzlich jobbte sie am Wochenende in einem Lokal.

Alle zwei Jahre umgezogen

Zeitweise musste sie alle zwei Jahre umziehen, um ihre tierischen Freunde artgerecht unterbringen zu können. Pferde und Rinder kamen hinzu. Susanne Koglin mietete Ställe nebst Wiesen und kaufte sich einen Wohnwagen. Darin lebte sie 13 Jahre. Heizung gab es lange keine, deshalb nahm sie die Katzenfutterdosen mit ins Bett. Sonst wäre der Inhalt am nächsten Morgen gefroren gewesen. „Ich war schon immer ’ne Kämpferin“, sagt sie. „Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal nur noch für Tiere leb‘.“ Was ihr Antrieb ist, vermag die Tierfreundin nicht zu sagen. „Das ist halt in mir drin. Vielleicht ist es meine Bestimmung.“

Über ihren heutigen Standort auf dem Hof in Hechelein ist sie froh. Das Verpächter-Ehepaar kennt sie seit Jahrzehnten. Fast ein Hektar Land steht ihr zur Verfügung. Beim Nachbarn kann sie zusätzliche Ställe und eine Wiese nutzen. Susanne Koglin wagte den Sprung ins kalte Wasser und gab ihre Stelle im Seniorenpflegeheim auf. „Wegen der vielen Tiere, dem Hof und der Arbeit ging es irgendwann nicht mehr“, schildert sie. „Ich werde ja auch nicht jünger.“ Jetzt konzentriert sie sich ganz auf ihre Schützlinge. Ihr Alltag hängt von den Bedürfnissen der Tiere ab. In der Regel steht sie um sechs Uhr auf und kommt meist weit nach Mitternacht ins Bett.

Auf dem Weg zur Weide springen ihr Zicklein entgegen. Eins davon schnappt mit dem Mäulchen nach dem erstbesten Schnürsenkel und zieht ihn vollständig auf. Die Kleinen stammen von Jungziegen ab, die ihr Besitzer zu früh zum Bock ließ. Als die Jungen zur Welt kamen, waren ihre Mütter gerade zehn Monate alt. Keine überlebte die Geburt.

Um Kosten wie Futter, Einstreu und Tierarzt zu finanzieren, gründete Susanne Koglin vor zehn Jahren den Förderverein Tierhilfe Hechelein. Wenn das Spendenkonto einmal nicht mehr ausreichend gedeckt wäre, müsste sie in ihre Privatschatulle greifen. Bisher reichte es stets gerade so. Besonders schwer sei es, gutes Heu zu beschaffen. „Ich brauch‘ Wahnsinns-Mengen.“ Susanne Koglin selbst lebt sehr genügsam und ernährt sich vegan. „Wegen mir darf kein Tier leiden“, sagt sie.

Wenn bei ihr das Telefon klingelt, sind oftmals Tiere in Not. Dann braust sie mit ihrem gelben VW-Bus los. Leute melden ihr Missstände oder bringen ein Tier vorbei, etwa nach einer unüberlegten Anschaffung. Einmal übergab ihr jemand ein total abgemagertes Kaninchen, das er aus Mitgefühl dem Besitzer abgekauft hatte. „Das ist schon getorkelt, so schwach war es.“ Susanne Koglin päppelte den Mümmelmann erfolgreich auf. Wenn sie einen neuen Besitzer für ihn findet, zahlt er einen kleinen Obolus, der dann den anderen Tieren zugutekommt. Um die Kosten zu decken, müsste sie über 100 Euro verlangen. „Aber das würde niemand zahlen. Tierschutz ist immer ein Draufleg-Geschäft“, erklärt sie und streichelt dabei den dreibeinigen Kater Frodo, der in ein Mähwerk geraten ist.

Ähnliche Auffangstationen mit solch umfangreicher Artenvielfalt und nur einer Arbeitskraft kennt sie keine. „So Verrückte wie mich gibt’s nicht viele“, schmunzelt sie. Ab und zu helfen ihr Freunde und Bekannte beim Ausmisten. Im Sinne der Tiere wünscht sich Susanne Koglin regelmäßige tatkräftige Unterstützung auf dem Hof oder eine Spende an den Förderverein Tierhilfe Hechelein. Erreichbar ist sie unter Telefon 0 79 39 / 99 08 57.

Info Kontodaten der Tierhilfe Hechelein:
DE17 6009 0100 0382 5120 06; BIC: VOBADESS

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel