Sicherheit Retter wappnen sich für Anschläge

Zwei Haller Ärzte bei der Arbeit am OP-Tisch. Im Falle eines Anschlags gilt es, binnen kürzester Zeit viele Leben zu retten.
Zwei Haller Ärzte bei der Arbeit am OP-Tisch. Im Falle eines Anschlags gilt es, binnen kürzester Zeit viele Leben zu retten. © Foto: Diak
Landkreis / Gottfried Mahling 05.01.2018
Notärzte, Sanitäter, Polizisten und Brand- und Katastrophenschützer erarbeiten demnächst gemeinsam Notfallpläne für Bedrohungs- und Terrrorlagen im Landkreis Schwäbisch Hall.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Terroristen ausgerechnet im Landkreis Schwäbisch Hall einen Anschlag verüben, scheint gering. Dennoch werden sich im neuen Jahr Mitglieder von Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS-Stab) im Landratsamt zusammen mit Rettungskräften aus der Region für den Ernstfall rüsten. Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie & Intensivmedizin (DGAI), wie auch die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) haben hierfür in Zusammenarbeit mit Polizei, Bundeswehr und Hilfsorganisationen wissenschaftliche Arbeitskreise gebildet, um vorhandene Notfallpläne speziell für Bedrohungs- und Terrorlagen anzupassen. An der Umsetzung wird derzeit bundesweit gearbeitet. Für den Landkreis Hall wird das Polizeipräsidium Aalen demnächst eine Planungs-Arbeitsgruppe einberufen.

Orientierungsphase verkürzen

Während in den Landkreisen Ostalb und Rems-Murr bereits erste Arbeitsgruppentreffen stattfanden, werde für den Landkreis Hall noch ein Termin gesucht, teilt Polizeisprecher Bernhard Kohn mit.  „Es soll sichergestellt werden, dass klare Entscheidungskompetenzen sowie ein gemeinsames und koordiniertes Vorgehen gewährleistet sind,  um die Zusammenarbeit auch in einer komplexen Einsatzlage zu optimieren“, schreibt Kohn. Das könne beispielsweise schon durch abgestimmte und gleiche Begrifflichkeiten verbessert  werden. Das Ziel: „Jeder weiß nicht nur selbst, was er wie zu tun und zu verantworten hat, sondern alle wissen das voneinander. Das mindert Reibungsverluste und verkürzt die Orientierungsphase.“

Zwei Anästhesisten des Haller Diakonie-Klinikums haben sich bereits im Vorfeld mit diversen Schreckensszenarien auseinandergesetzt. Die Oberärzte Dr. Nils Wagner und Dr. Daniel Hermann, beide auch Leitende Notärzte (LNA) im Landkreis, nahmen Anfang Dezember in Ludwigsburg an der Fortbildungsveranstaltung „Notfallmedizinische Taktik und Strategie bei Massenanfall von Verletzten in Terrorlagen“ teil. Dort berichtete die französische Notfallmedizinerin Emmanuelle Dolla über ihre Erlebnisse nach den Anschlägen von Paris am 13. November 2015. 53 Opfer der Terrorakte in der Konzerthalle Bataclan und an fünf anderen Orten in Paris mussten im Hospital Pitié-Salpêtrière versorgt werden. Die Menschen wiesen Schuss- und Sprengverletzungen auf, wie man sie im Europa des 21. Jahrhunderts kaum noch kennt. Oft waren Gliedmaßen abgetrennt.

Vorgehen wie beim Militär

Eine solche Ausnahmesituation erfordere von Chirurgen und Anästhesisten eine ganz andere Herangehensweise, als sie es aus ihrem Arbeitsalltag gewohnt sind, sagt Dr. Nils Wagner. Es gehe nicht mehr darum, den einzelnen Patienten möglichst allumfassend zu behandeln, sondern – entsprechend dem aus dem Militär bekannten Vorgehen – vorrangig lebensbedrohliche Blutungen zu stillen. Die Patienten müssen sofort aus der Gefahrenzone gebracht werden, um weiteren Schaden abzuwenden und somit binnen kürzester Zeit so viele Leben wie möglich retten zu können. Die Erstversorgung der Patienten durch einen Notarzt kann in solchen Szenarien erst erfolgen, wenn polizeiliche Spezialkräfte (SEK) vor Ort sind.

„Gefordert ist eine ganz andere Medizin, ein anderes Denken, das mit der sonst gewohnten Individualmedizin nicht allzu viel gemein hat,“ fasst Wagner zusammen. Seinen Kollegen empfiehlt er, die inzwischen angebotenen Weiterbildungskurse in Taktischer Notfallmedizin zu nutzen, um im Ernstfall besser gerüstet zu sein. Auch die Teilnahme am 5. Haller Traumatag am 9. Juni 2018 in der Bausparkasse sei eine gute Option.

Laut Wagners Einschätzung ist die Region aus notfallmedizinischer Sicht bereits besser auf Notlagen wie einen Terroranschlag vorbereitet als noch vor einigen Jahren. Johanniter, Malteser, ASB und DRK, also alle im Landkreis Hall aktiven Anbieter, haben auf sämtlichen ihrer Rettungswagen Tourniquet-Abbindesysteme und spezielle blutungsstillende Verbände an Bord. Die Leitende Notarztgruppe, die aus acht Ärzten des Haller Diaks und drei Ärzten des Crailsheimer Klinikums besteht, ist in regelmäßigem Kontakt und Austausch. Sie stellt bei Notlagen den notärztlichen Stab im Landkreis. Im Falle eines Terroranschlags übernimmt dieser zum Beispiel die Verteilung der Opfer auf die umliegenden Krankenhäuser.

Zudem ist es am Haller Diak bereits heute gängige Praxis, dass sich Chirurgen und Anästhesisten nach schwierigen Einsätzen zu Gesprächen treffen, zum einen wegen des fachlichen Austauschs, zum anderen auch, um bei Bedarf Erlebtes besser verarbeiten zu können.

Zusammenarbeit wird positiv bewertet

Mit dem Führungsstab und den Kriseninterventionsteams sehe man sich aktuell bei Notlagen gut aufgestellt, schreibt das Landratsamt. Die Erfahrungen aus den Großschadensfällen an der Jagst und in Braunsbach hätten dies gezeigt. Der Führungsstab des Landratsamtes führe jährlich mindestens vier Fortbildungsveranstaltungen und eine Übung durch. Unter anderem gab es 2015 eine Übung zur Verteilung von Jodtabletten bei einem kerntechnischen Unfall. Die Kommunikation innerhalb und zwischen den unterschiedlichen Katastrophenschutz-Einheiten und der Führungsstäbe werde ständig geübt und verbessert. „Die Zusammenarbeit bei Gefahrenlagen mit den Rettungskräften im Landkreis Hall verlief aus Sicht der Polizei stets vorbildlich und professionell“, heißt es aus dem Aalener Präsidium.

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