Elke Kuno betrachtet am Dienstag interessiert die Tafeln, die im Haller Rathausfoyer aufgebaut sind. Es sind 18 an der Zahl. Auf jeder von ihnen steht in großen Lettern ein Frauenname. Bilder und Texte sind darauf verteilt. Die Heidelbergerin ist drei Tage auf Kurzurlaub in der Stadt und auf die Eröffnung der Wanderausstellung „Nichts war vergeblich – Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ aufmerksam geworden. Für sie stand fest: „Da möchte ich hin.“ Sie ist eine von knapp 50 Besuchern.
Die Organisatoren von SPD und Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) reagieren umgehend, als sich abzeichnet, dass der coronabedingte Mindestabstand im Foyer nicht eingehalten werden kann. Die Eröffnung wird vor das Rathaus verlegt. „Ich bin begeistert, dass so viele da sind“, begrüßt Silvia Wagner vom DGB die Besucher. Der Haller Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim ergreift das Wort: „Heute ist ein symbolischer Tag.“ Der Angriff der Deutschen Wehrmacht auf Polen löste am 1. September 1939, vor genau 81 Jahren, den Zweiten Weltkrieg aus. „Vielleicht ist es schon längst überfällig, dass an diesem Ort eine Ausstellung stattfindet“, betont der OB. Zur versuchten Stürmung des Reichstages in Berlin durch Rechtsextreme bezieht Pelgrim klar Stellung: „Die Herabwürdigung der Demokratie in Deutschland ist etwas, das wir uns nicht bieten lassen dürfen.“ Am 12. September sei beim Antikriegstag um 11 Uhr am Haller Milchmarkt die Gelegenheit, an einer Kundgebung und Demonstration teilzunehmen.

Weniger Studien zu Frauen

„Über Männer weiß man fast alles, über Frauen erschreckend wenig“, sagt Gastrednerin Anne Rieger vom Bundesausschuss Friedensschlag Kassel. Zu Frauen gebe es weniger Studien, weniger Wissen, weniger Daten. Das sei der sogenannte Gender Data Gap. Genau so sei es auch mit dem Wissen über Frauen im Widerstand gegen den Faschismus. „Im öffentlichen Bewusstsein haben fast nur Männer eine Rolle gespielt“, betont Rieger. „Als einzige Frau fand Sophie Scholl von der Weißen Rose Erwähnung – meist jedoch nur als Schwester von Hans Scholl.“ Aber: Der Mut der Frauen habe dem der Männer in nichts nachgestanden.
„Stürmt die Burg“ auf der Wilhelmsburg Bilanz eines ungewöhnlichen Kultursommers

Ulm

Der Studienkreis Deutscher Widerstand sei dem Leben von Frauen nachgegangen, die sich nicht mit Gleichschaltung und Terror abfinden wollten. 18 Beispiele widerständiger Frauen seien zusammengetragen worden. Rieger nennt einige Namen. „Die Beispiele zeigen, wie vielfältig sich die Frauen engagiert haben“, so die ehemalige Bevollmächtigte der IG Metall. In Schwäbisch Hall habe die Näherin Wilhelmine Albrecht zu den erbitterten Kriegsgegnerinnen gezählt. Von ihrem bescheidenen Einkommen habe sie den Ankauf eines Motorrades unterstützt. Mit diesem sollte die kommunistische Aufklärung in den Landgemeinden intensiviert werden.
„Was lehrt uns die Ausstellung?“, fragt die Rednerin und antwortet selbst: „Wir müssen die Erinnerung an die Millionen Opfer des deutschen Eroberungskrieges wach halten.“ 75 Jahre nach der Befreiung von Faschismus und Krieg könne der Politik, die Aufrüstung und Militarisierung vorantreibe, Kriegseinsätze der Bundeswehr im Ausland befehle und im Gegenzug Sozialabbau und Privatisierung der Daseinsvorsorge vorantreibe, nicht tatenlos zugesehen werden. Aufklärung, Protest und Widerstand seien notwendig. Der Gewinn von Rheinmetall, dem größten deutschen Kriegsgerätehersteller, habe sich im ersten Quartal verdreifacht.

Widerstand gegen die Regierung

Geschichte wiederhole sich nicht eins zu eins. „Aber eines können wir sagen: Die Menschen damals haben nicht gewusst, wie eine Regierung agiert, die in tiefer Wirtschaftskrise alle Macht bekommt. Heute aber haben wir das geschichtliche Wissen“, sagt Rieger.
„Wir müssen aufstehen und fordern, dass sowohl dem rechten terroristischen Treiben sofort ein Ende bereitet, die Aufrüstung gestoppt wird und gleichzeitig die Lebensverhältnisse der Mehrheit der Menschen verbessert werden“, schließt Anne Rieger.

Info


Die Ausstellung ist bis 19. September geöffnet: Montag bis Donnerstag von 8.30 bis 16 Uhr und freitags von 8.30 bis 13 Uhr.