Spätzle Prä-Berliner im Spätzleskrieg

Titelblatt des Berliner Kuriers: Schade um die guten Spätzle. Foto: Karsten Dyba
Titelblatt des Berliner Kuriers: Schade um die guten Spätzle. Foto: Karsten Dyba
KARSTEN DYBA 09.02.2013
Fieser Spätzle-Anschlag" titelte der Berliner Kurier kürzlich. Seither scheint die Stimmung im Berliner Ost-Kiez Prenzlauer Berg im Eimer.

Der Alt-Berliner kämpfe gegen das diffuse Gefühl, von wohlhabenden schwäbischen Familien aus den sanierten Jugendstil-Wohnungen verdrängt zu werden, erklärt Peter Unfried. Der Chefreporter der Tageszeitung "taz", im schwäbischen Stimpfach aufgewachsen, lebt seit 1995 in Kreuzberg, dem schwäbischsten Stadtteil Berlins. "Wir sind die zweitgrößte Minderheit nach den Türken", sagt Unfried.

Seit ihr Parteigenosse Wolfgang Thierse die Kehrwochenmentalität der Zugezogenen geißelte, bemüht sich die Schwäbisch Haller Bundestabgeordnete Annette Sawade (SPD) um Schadensbegrenzung. Die gebürtige Thüringerin lebte zu DDR-Zeiten zehn Jahre am Prenzlauer Berg. Später verschlug es sie nach Stuttgart. Dem Genossen Thierse las sie die Leviten: "Ich bin als Berlinerin nach Schwaben gekommen und wurde dort freundlich aufgenommen."

Alles also eine Frage des Integrationswillens? Mit ihrem Spätzle-Anschlag hat eine Spaßguerilla ein "freies Schwabylonien", also ein Schwaben-Reservat durchsetzen wollen, heißt es in einem Bekennerschreiben. Dass es Schwaben waren, die ein Käthe-Kollwitz-Denkmal mit Spätzle bewarfen, bezweifelt Bernulf Schlauch. Der Hohenloher Holundersekt-Kelterer, der fast jedes Jahr die Landwirtschaftsmesse "Grüne Woche" in Berlin besucht, kennt seine baden-württembergischen Landsleute: Besser eine Laus im Kraut als gar kein Fleisch. "Der Schwabe ist so geizig, der wirft keine Spätzle weg."

"Wo diese Spätzle herkommen, gibt es noch mehr!", drohen die schwabylonischen Spätzleskrieger. "Stimmt", weiß Wolfgang Stepper. Der Hohenloher aus Neuenstein lebt sei 35 Jahren in Berlin. Seit neun Jahren betreibt er in Schöneberg das schwäbische Spezialitätengeschäft "ebbes" - und verkauft auch Spätzle. Die Schwäbische Kehrwoche hat er dort längst eingeführt. Am 2. Januar, da habe er sogar den Silvester-Dreck der Nachbarn vor seinem Laden weggeräumt "Ich hab hier Ordnung", sagt er stolz.

Das sei den Ur-Berlinern eigentlich gar nicht fremd. Denn die Vorfahren der Schwaben, schreibt er auf seiner Internetseite, seien einst in der Mark Brandenburg ansässig gewesen. Erst während der Zeit der Völkerwanderung zogen die Sueben an den Neckar. Sogar der Name "Berlin" sei nachweislich suebischer Herkunft. Der Berliner, meint Stepper, stehe dem Schwaben näher als er denkt: "Der Prä-Berliner sprach schwäbisch."