Umwelt Patient Jagst

Die Jagst schäumt.
Die Jagst schäumt. © Foto: Renate Ziegler
Bächlingen / JENS SITAREK 02.11.2016
Dass der Fluss schäumt, ist nicht neu. Aber nach dem Mühlenbrand und dem Fischsterben im vergangenen Jahr ist das Bewusstsein ein anderes. Woher kommt das weiße Zeug?

Wer durch Bächlingen kommt, muss über die Jagst, daran führt schlichtweg kein Weg vorbei. Dass die Menschen in dem idyllisch gelegenen Ort eine besondere Beziehung zu ihrem Fluss haben, kann man sich gut vorstellen. Renate Ziegler kam vor 37 Jahren nach Bächlingen, der Liebe und Heirat wegen. Ihre Kinder haben in dem Fluss schwimmen gelernt, und im vergangenen Jahr auch ein Enkelkind.

Renate Ziegler, heute 59, wohnt in einer alten Mühle. Der Blick aus dem Wohnzimmerfenster geht, wie sollte es anders sein, auf die Jagst. Im Hintergrund klappern die Mühlenräder, durch eine Scheibe sieht man die sogar, was dem unnachahmlichen Sound noch einen Extra-Kick gibt. Der Blick geht aber auch auf den großen langen Holztisch im Wohnzimmer, der liegt voll mit Zetteln und Fotos. Der Stapel mit den schönen Fotos ist viel höher als der mit den negativen. Besonders gerne fotografiert Ziegler Tiere. „Ich liebe den Eisvogel“, sagt sie.

Was ist in dem Schaum auf der Jagst drin?

Auf den weniger schönen Fotos sind Schaumgebilde am und im Fluss zu sehen, mal größer, mal kleiner, mal weißlich, mal bräunlich. „Das kommt regelmäßig vor“, sagt Ziegler, und: „Seit dem Fisch­sterben bringt mich das zum Nachdenken. Was ist in dem Schaum drin?“ Das Fischsterben, von dem sie spricht, war eine Folge des Mühlenbrandes in Lobenhausen im August vergangenen Jahres, bei dem kontaminiertes Löschwasser in die Jagst gelangte.

„Ein Jahr später zeigt sich, dass sich der Zustand des Patienten Jagst zwar stabilisiert hat, er aber leider noch lange nicht über dem Berg ist“, damit ließ sich Umweltminister Franz Untersteller zitieren. Noch habe sich der Fluss von dem Unglück nicht erholt, so Untersteller weiter, aber: „Die auf den Weg gebrachten Maßnahmen geben Anlass zur Hoffnung, dass sie sich zu einem ökologischen Vorzeigegewässer entwickeln kann.“

Vorzeigegewässer? Renate Ziegler ist sich da nicht so sicher. Die im Zuge der Jagstkatastrophe veröffentlichten Gutachten des Landratsamtes Schwäbisch Hall vermittelten zwar das Bild eines sauberen Flusses. Aber: „Wie sauber ist die Jagst wirklich?“, fragt sich Ziegler. Um das herauszufinden, hat sie im August eine Wasserprobe genommen und diese eingeschickt. Das Ergebnis lässt ihre Verunsicherung eher noch größer werden, vor allen Dingen, wenn sie sich die mikrobiologischen Parameter anschaut. Coliforme Keime 24.100 KBE. Und Enterokokken 14.000 KBE steht da. KBE steht für koloniebildende Einheit. In beiden Fällen liegt der Grenzwert bei 0, wenn es sich um Trinkwasser handeln würde. Bei Badegewässer wären es 500 (coliforme Keime) und 50 (Enterokokken). Die Bewertung des Labors, das die Wasserprobe untersucht hat, liest sich so: Eignung als Trinkwasser: nein. Eignung als Tränkewasser: nein. Eignung als Gießwasser: nein. Eignung als Badewasser: nein. Eignung für Fische: nein.

„Da muss ja irgendwo Scheiße reinkommen“, sagt einer, der sich von Berufs wegen mit Wasserproben und Gewässerqualität beschäftigt. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass es sich bei der Probe von Renate Ziegler lediglich um eine Stichprobe handelt. Aber das Ergebnis ist eindeutig.

Langenburgs Bürgermeister Wolfgang Class, der beim Runden Tisch Jagst des Öfteren mit kritischen Nachfragen auffiel, kann sich gut vorstellen, Wasserproben aus der Jagst zu nehmen, obwohl die Kosten an der Stadt hängenbleiben. Die Jagst ist, muss man dazu wissen, Landesgewässer. Was Class sich wünscht: „dass alle Seiten mehr Sensibilität an den Tag legen“. Stichwort Schutzstreifen. Renate Ziegler sieht nicht die Landwirtschaft in der Pflicht, sondern die Politik.

Man könnte meinen, dass es im „Aktionsprogramm Jagst zur Wiederbelebung, Verbesserung und ökologischen Stabilisierung der Jagst für die Zukunft“ des Regierungspräsidiums Stuttgart auch darum geht, Verunreinigungsquellen ausfindig zu machen. Beispielsweise sind „in Pilotgebieten im Jagsteinzugsgebiet“ Untersuchungen zur Wirkung von Gewässerrandstreifen sowie „ein Monitoring zur Quantifizierung der stofflichen Einträge aus gedränten landwirtschaftlich genutzten Flächen vorgesehen“.

Noch gibt es keine feste Messstelle der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) im Landkreis Schwäbisch Hall. Und selbst, wenn es so wäre, würde nicht alles untersucht, sondern lediglich „chemisch-physikalisch“, so das Landratsamt Schwäbisch Hall. Darunter fielen auch Medikamentenrückstände. Mikrobiologische Parameter würden nicht getestet, heißt es weiter, aber „Auffälligkeiten werden in der Regel sofort von der LUBW an uns gemeldet“.

Und so gehen die Menschen weiter schwimmen. Flussbaden im Jagsttal hat eine lange Tradition. Daran wird sich auch nichts ändern, solange Gemeinden wie Dörzbach wie folgt werben: „Die Jagst ist einer der letzten ökologisch intakten Flusslebensräume in Baden-Württemberg. Im Gegensatz zu vielen anderen Flüssen wurde sie von Ausbaumaßnahmen und Gewässerverschmutzung wenig beeinträchtigt.“

Nachfrage beim Regierungspräsidium Stuttgart. „Bei der Jagst handelt es sich um kein Badegewässer nach der Badegewässerverordnung“, betont Pressesprecherin Katja Lumpp. „Es wurden keine Grenzwerte überschritten, weil es für Bakterien in Fließgewässern keine Grenzwerte gibt. Deswegen wird auch nicht standardmäßig auf Bakterien untersucht.“ Ein Fluss diene nicht per se als Badegewässer, so Lumpp weiter. „Zivilisationsspuren sind insbesondere in einem so dicht besiedelten Land wie Baden-Württemberg unumgänglich.“ Fließgewässer würden einer Reihe an sogenannten anthropogenen Einflüssen unterliegen, sagt Lumpp noch, beispielsweise „durch landwirtschaftliche Nutzung oder Einleitungen aus Kläranlagen“.

Teil des Abwassers wird in den Fluss geleitet

 Was viele vielleicht nicht wissen: Auch Abwässer der Kläranlagen gehen in die Flüsse. Die Rede ist teilweise von bis zu 30 Prozent der ankommenden Bakterienfracht. Bei Niedrigwasser im Sommer ist das Mischungsverhältnis noch ungünstiger. Das könnte auch ein Grund sein, warum das Baden in der Kocherbadebucht Künzelsau, übrigens die einzige offizielle Flussbadestelle in Baden-Württemberg, 2016 verboten war. Genau, Enterokokken und Co.

„Natürlich nehmen wir das ernst“, sagt Katja Lumpp vom Regierungspräsidium, „vor allem an der Jagst nach den Vorfällen im letzten Jahr.“ Das Gespräch kommt noch mal auf die Wasserprobe von Renate Ziegler aus Bächlingen. „Wir prüfen Hinweise sorgfältig und leiten gegebenenfalls die erforderlichen Maßnahmen ein“, betont Lumpp. Das Landratsamt Schwäbisch Hall fände es „interessant zu wissen“, woher die Proben stammen, und „anlassbezogen“ würde es „die Polizei benachrichtigen“.

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