HANS KÖNIG  Uhr

Jahrzehntelang hatte er dafür gesorgt, dass deutsche Kaffee- und Teegenießer mit ausreichend Nachschub versorgt wurden. Heute ist nur noch wenigen der Name Friedrich Kraushaar, dessen Brombeerblättertee einst berühmt und geschätzt war, ein Begriff.

Nachdem in Stuttgart seine Fabrikationsanlagen für Tee zu klein geworden waren, richtete Kraushaar in Haslach im Schwarzwald und in Gaildorf eine Betriebsstätte ein, um jeweils im Mittelpunkt der Sammelgebiete für Brombeerblätter vertreten zu sein. 1938 kaufte der Fabrikant das Gebäude der früheren Württembergischen Majolikawerke in der Gaildorfer Kochstraße, wo er fortan produzierte. Der Stuttgarter Hauptbetrieb wurde 1943 zerbombt, die Wohnung 1944.

Friedrich Kraushaar, 1877 in Stuttgart als Sohn eines Hafenhändlers geboren, verbrachte seine Lehrjahre in einer Kolonialwarenhandlung, um sich danach auf Kaffee und Tee zu spezialisieren, insbesondere während seiner Auslandstätigkeiten in England und Frankreich. 1907 gründete er in Hamburg eine Kaffee- und Tee-Import-Handlung.

Im Ersten Weltkrieg röstete Kraushaar 50 000 Sack Rohkaffee für das Heer. Als die Versorgungslage immer schlechter wurde, sorgte er für Ersatz und brachte "Kraushaar's schwarzen Brombeerblättertee" in den Handel. Dieser Tee füllte in beiden Weltkriegen große Versorgungslücken.

Im Zweiten Weltkrieg oblag Kraushaar im Auftrag der "Reichsstelle für Tabak und Kaffee" die Versorgung der Wehrmacht und der Zivilbevölkerung in Nordwürttemberg und in Teilen von Baden. Die monatlichen Zuteilungen an Röstkaffee betrugen damals 20 000 Kilo.

"Kraushaar's schwarzer Brombeerblättertee wird aus frischen grünen Blättern auf maschinellem Weg wie echter Tee nach einem besonderen Verfahren hergestellt und ist ein vorzüglicher deutscher Haustee mit ausgesprochenem Tee-Aroma, frei von Teein und wird daher mit Vorliebe getrunken", stand auf den Teeverpackungen zu lesen. Und er schmecke "vorzüglich kalt mit Zitrone".

Auch in der Nachkriegszeit hatten Brombeerblätter für die Teegewinnung eine wichtige Bedeutung. 1946 und 1947 forderte das Innenministerium in Stuttgart beim Kultministerium nachdrücklich, dass die Schulen verstärkt zur Sammlung von Brombeerblättern anzuhalten seien. Die Begründung: "Die Brombeerblätter liefern, solange es am sogenannten echten oder chinesischen Tee fehlt, den zurzeit besten, vollwertigsten und billigsten Ersatz für diesen Tee, so daß der Brombeerblättertee, insbesondere in der von der Firma Kraushaar hergestellten fermentierten, aromatischen und wohlschmeckenden Form als Volksgetränk im wahrsten Sinne des Wortes bezeichnet werden kann."

Die Schulen finanzierten mit dem Sammelerlös Ausflüge, Jugendherbergsaufenthalte oder die Anschaffung von Büchern. Auch die Forstdirektionen unterstützten - "im Interesse der Volksernährung" - die Sammelaktionen. 1947 wurden von der Firma 20 Pfennig je Kilogramm vergütet, der Sammelleiter erhielt zusätzlich vier Pfennig je Kilo frischer, also nicht getrockneter Ranken. Für ein Kilo getrockneter Blätter wurden 50 bis 70 Pfennig bezahlt. Die Arbeitsämter forderten damals Arbeitslose zum Sammeln auf. Aber nicht nur in Württemberg und in Baden kaufte Kraushaar Brombeerblätter, aus Hessen erwartete er jährlich 200 bis 300 Tonnen frische Blätter.

Prof. Dr. Carl Römer, früherer Direktor der Inneren Abteilung des Katharinenhospitals in Stuttgart, zählte zu den begeisterten Genießern des Getränks aus Gaildorfer Produktion: "Der Tee hat einen außerordentlich guten, dem echten Tee sehr ähnlichen, äußerst angenehmen Geschmack, ohne dessen erregende Wirkung auf das Nervensystem zu besitzen." Er wirke leicht harntreibend, vermeide jede Säuerung des Magens "und ist infolge seiner guten Eigenschaften Gesunden und Kranken angelegentlich zu empfehlen".

Friedrich Kraushaar, obwohl Inhaber eines wichtigen Wehrmachtsbetriebes, war nie Mitglied der NSDAP. Er gehörte 1902 der Deutschen Demokratischen Partei an und war bis zu deren Verbot 1933 Mitglied einer Freimaurerloge. Sein einziger Sohn fiel 1944 in Italien. Seinen Betrieb in Gaildorf führte er bis ins hohe Alter mit seinen Töchtern Hedwig, Gertrud und Charlotte weiter. Friedrich Kraushaar starb 1958. Die Teefabrik wurde 1968 aufgelöst, das Fabrikgebäude 1989 zu Wohnungen umgebaut.

Patente und Warenzeichen

Geschützt Am 15. April 1938 wurde Friedrich Kraushaar für sein Verfahren zur Herstellung von Tee-Ersatz vom Reichspatentamt in Wien ein Patent (Nummer 154 570) erteilt, am 20. März 1944 vom Patentamt des Generalgouvernements in Warschau (Nummer 10 393). Für das Gebiet der Bundesrepublik erteilte das Deutsche Patentamt in München am 13. Juni 1950 unter der Nummer 814 994 das Patent. Am 14. Dezember 1950 erfolgte die Eintragung des Warenzeichens "Kraushaar's Schwarzer Brombeerblättertee". Im Dezember 1960, zwei Jahre nach dem Tod des Chefs, verzichtete die Firma auf das erteilte Patent.

HK