Kind im Mittelpunkt Hilfe für Alleinerziehende: Normalität ist nicht bei allen normal

Für manche Mütter ist es nicht leicht, eine Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Kimi hilft ihnen dabei.
Für manche Mütter ist es nicht leicht, eine Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Kimi hilft ihnen dabei. © Foto: Marcel Kusch/dpa
Landkreis / UTE SCHÄFER 19.11.2016
Mit dem Angebot Kimi wollen die Frühen Hilfen im Landkreis Hall Mütter erreichen, die sehr jung oder alleinerziehend sind, die wenig Geld haben oder in schwierigen Beziehungen leben.

Da ist Mareike Hagen (Namen geändert), 24 Jahre. Sie ist zwar gelernte Kinderpflegerin, „aber beim eigenen Kind ist doch alles anders“. Überdies hatte ihr Kind zu Beginn Koliken. „Die ersten drei Monate waren echt anstrengend“, sagt sie.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Jetzt ist das Töchterlein ein halbes Jahr alt, guckt wach in die Gegend und beobachtet ihre Mutter, die mit anderen Müttern Laternen für den Martinszug bastelt.

„Das ist natürlich nicht immer so“, sagt Sozialpädagogin Friedlind Verleger von der Diakonie, „denn manchmal schreien die Kinder auch.“ Und überhaupt: „Gebastelt wird hier höchstens einmal im Jahr“, sagt ihre Kollegin Ulrike Reinalter von der Caritas.

Die Aktion mit den Martinslaternen finden die beiden Sozialpädagoginnen toll. Denn die Idee kam von den Müttern, und zum Martinsumzug wollen sie sich verabreden. „Das ist genau unser Ziel“, sagen Verleger und Reinalter. „Die Frauen von zu Hause rausholen, sie mit ihren Kindern gute Erfahrungen machen lassen und einfach ein Stück weit Normalität schaffen.“

Denn bei so manchen Müttern ist die Normalität eben nicht normal. Sie leben in – so nennen es die Sozialpädagoginnen – Belastungssituationen. Sei es, weil sie extrem jung oder  alleinerziehend sind, mit wenig Geld oder schwierigen Familienverhältnissen zurechtkommen müssen, oder weil all dies zusammenkommt. Deshalb nehmen die Frauen am Projekt Kimi teil.

Die Abkürzung steht für „Kind im Mittelpunkt“ und ist, wenn man so will, das „Erstgeborene“ unter den Angeboten der Frühen Hilfen im Landkreis. „Kimi gibt es schon seit 2009“, sagt einer der Gründerväter, Awo-Geschäftsführer Werner Hepp. Es war damals das erste der Angebote, die belastete Familien und das Kindeswohl im Blick hatten.

Ins Leben gerufen wurde Kimi, um eben Frauen wie die, die gerade an der Laterne basteln, zu stärken. Es ist ein präventives Projekt, und das Besondere daran ist: Es greift sehr früh, bestenfalls schon in der Schwangerschaft, erklärt Catja Schühlein, die im Landratsamt die Frühen Hilfen koordiniert. Bekommen die Frauen dann einen Platz, können sie teilnehmen, bis das Kind zwei Jahre alt ist. Auf Kimi aufmerksam gemacht werden die Mütter durch das Netzwerk an Beratungsstellen im Landkreis, aber auch durch Jobcenter, Hebammen oder Ärzte, erklärt Diplompädagogin Sonja Schwinn. Sie leitet die Haller Kimi-Gruppe und koordiniert das Angebot für den Landkreis.

Kimi ist freiwillig, niedrigschwellig und präventiv – und wenn die Hilfe nicht ausreicht, versuchen die Sozialpädagoginnen, die Mütter an andere Stellen weiterzuvermitteln. Denn dies ist das Ziel: „Kein Kind soll durchs Netz fallen“, sagt Hepp. Die Hilfsangebote im Kreis sollen fließend ineinander übergehen.

In der Gruppe, in der gerade fleißig Laternen gebastelt werden, gibt es deshalb nicht nur Bastelvormittage. Es gibt auch Vorträge zur Verhütung, zu Ernährung oder es kommt eine Hebamme vorbei und macht Rückbildungsgymnastik.

Hilfe zur Selbsthilfe ist das Ziel, deshalb besuchen die Sozialarbeiterinnen die Frauen auch zu Hause. Biographiearbeit ist dann angesagt, Anträge ausfüllen oder einfach „normal“ mit dem Kind spielen. Denn eine Bindung aufzubauen ist für viele nicht einfach.

Deshalb freuen sich die Sozialpädagoginnen auch, dass die Mütter nun eine Whatsapp-Gruppe eröffnet haben, in der sie sich für den Martinszug verabreden oder austauschen können. „Da findet man immer Gesprächspartner“, sagt die Mutter von Mara, 6 Monate (Name geändert). „Auch deshalb ist Kimi toll. Wir sind hier eine richtige kleine Kimi-Familie. Und die Lieder, die ich hier gelernt habe, die singe ich auch daheim.“

Kompetenzen der Mütter verbessern sich durch Kimi nachweislich

Die Abkürzung Kimi steht für Kind im Mittelpunkt. Es ist ein Angebot des Landkreises und hat vier Träger: die Caritas, die Diakonie, die Arbeiterwohlfahrt (Awo) und den Landkreis. Die Landkreisstiftung und die Sparkassenstiftung haben in der Pilotphase mit einer Anschubfinanzierung geholfen. Regelmäßig spenden auch die Haller Rotarier-Damen. 2012 entschied der Landkreis, das Projekt fortzusetzen. Er erhöhte damals, mitten in der Finanzkrise, das Kontingent von 30 auf 38,5 Stunden. Diese verteilen sich auf Sonja Schwinn (Awo) für die Gruppe in Schwäbisch Hall sowie auf Friedlind Verleger (Diakonie Schwäbisch Hall und Crailsheim) und Ulrike Reinalter (Caritas Crailsheim-Öhringen) für die Gruppe in Crailsheim.

Kimi ist erfolgreich. Die Wirkung des Projekts wird regelmäßig kontrolliert. Die Kompetenzen der Mütter steigen sowohl in der Selbst- wie auch in der Fremdeinschätzung. Das Angebot hat insgesamt 24 Plätze – zwölf in Crailsheim und zwölf in Schwäbisch Hall. Für die Crailsheimer Gruppe gibt es eine Warteliste.

Weitere Informationen über Kimi und andere Angebote der Frühen Hilfen im Kreis Hall gibt es auf
www.fruehehilfen-sha.de

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