Mit Vögeln hatte Nils Bayer bisher nicht viel am Hut. Doch seit der 22-Jährige im Rahmen des Bundesfreiwilligendiensts täglich auch seltene Vogelarten zu Gesicht bekommt, faszinieren ihn die gefiederten Flugkünstler. „Das ist richtig cool, wie sich am Wattenmeer die Vogelwelt im Lauf des Jahres verändert. Im Herbst sieht man Tausende Gänse. Zurzeit kommen die Sing- und Zwergschwäne von Island, um bei uns zu überwintern. Im Frühjahr kann man die Watvögel beobachten“, schwärmt der angehende Ornithologe. Fast alle Vögel, die vom Norden in den Süden ziehen, machten am Wattenmeer Rast, um sich vor dem Weiterflug nach Süden satt zu fressen. Deshalb sehe man so viele Vögel auf ­engsten Raum, schildert er. Bis zu 150 Vogelarten sind es übers Jahr.

Der Klimawandel mache sich auch im Wattenmeer bemerkbar: Früher sei der Löffler, der mit seinem langen, vorn verbreiterten Schnabel Nahrung aus dem flachen Wasser löffelt, nur selten am norddeutschen Wattenmeer gesehen worden, heute fühle er sich hier wohl. „Aber es gibt auch Verlierer: zum Beispiel die Vogelarten, die auf den Halligen, den flachen Inseln im Wattenmeer, brüten. Wenn sie durch den steigenden Meeresspiegel öfter überschwemmt werden, ist der Bestand der Bodenbrüter gefährdet“, erklärt der Vogelexperte, den es, wie seine Familie, schon immer in den Norden zieht.

Haigerloch präsentiert sich auf der CMT Unterwegs zwischen Himmel und Erde

Haigerloch

Zählung alle zwei Wochen

Alle 14 Tage zählen Nils und vier andere freiwillige Helfer der ­NABU-Station an festgelegten Strecken die Vögel. „An den Tagen, wenn die Gezeiten besonders stark ausgeprägt sind, wird das Wattenmeer so weit überschwemmt, dass nur noch ein schmaler Landstreifen für die Vögel bleibt. Dort lassen sie sich recht gut zählen. Sonst sind sie im ganzen Watt verteilt“, so der Naturfreund. Zur Zählung und Beobachtung der Vögel verwendet man ein spezielles Fernrohr, ein sogenanntes Spektiv. Und selbstverständlich muss man die Arten erkennen. „Anfangs dachte ich, das lerne ich ja nie, aber man kommt recht schnell rein“, berichtet er. Viel hat ihm sein Vorgänger beigebracht, den er zwei Wochen lang bei dessen Arbeit begleitet hat. „Außerdem gibt es ein mehrtägiges Einführungsseminar, und manches habe ich mir auch angelesen.“

Seeadler zu sehen

Sogar Seeadler leben im Katinger Watt. „Bei jeder Zählung sieht man drei oder vier. Als ich das erste Mal einen sah, war ich richtig geflasht“, erinnert sich der Vogelliebhaber.

Das Katinger Watt grenzt an die Mündung der Eider, die seit 1973 durch ein riesiges Sperrwerk gegen die Flut der Nordsee abgesperrt werden kann. Außer bei Sturm steht es offen. Dadurch dringt Salzwasser weit in den Fluss ein. „Wir fahren an der Eidermündung auf Ausflugsschiffen mit und fangen vom Schiff aus mit einem Netz Krebse, Fische und Muscheln und setzen sie zum Beobachten und Erklären in eine Wanne mit Wasser. Danach kommen die Tiere wieder ins Wasser zurück“, schildert Nils Bayer.

Schelklingen/Region

Der Geifertshofer wohnt mit einem Kollegen in einer kleinen Wohnung direkt hinter dem Deich. „Ich brauche nicht mal eine Minute zu Fuß und schon sehe ich bestimmt 500 Gänse“, erzählt er. „Die Kosten für die Wohnung werden übernommen. Aber in Großstädten wie Stuttgart müssen die Bufdis oft etwas dazuzahlen, weil der Wohnraum so teuer ist. Das ist hier kein Problem“, sagt er. Er fühlt sich absolut wohl im NABU-Naturzentrum. „Wir Freiwilligen sind wie eine große Familie. Da sind ja noch etliche in der Umgebung an anderen Stationen. Man trifft sich am Abend und am Wochenende. Das ist echt klasse“, erzählt er.

Nils Bayer ist seit Herbst 2019 als einer der sieben Bundessprecher Interessenvertreter der Bundesfreiwilligendienstleistenden (Bufdis). Unter anderem will er sich dafür einsetzen, dass die Freiwilligen kostenlos mit der Bahn fahren dürfen. Seine Amtszeit dauert bis zur nächsten Wahl im Herbst 2020, auch wenn er nur noch bis Ende August als Bufdi im Katinger Watt arbeitet.

Info


Den Bundesfreiwilligendienst kann jeder, der die Schule abgeschlossen hat, leisten, auch ältere Menschen. Stellen gibt es im ökologischen, sozialen und kulturellen Bereich. Kontaktdaten für eine Bufdi-Stelle oder ein freiwilliges ökologisches Jahr im Katinger Watt: Telefon 0 48 62 / 80 04, Sibylle.Stromberg@NABU-SH.de,