Wenn man sich überlege, dass es von den schätzungsweise 2600 über 18-Jährigen aus Vellberg am Dienstagabend nur etwa 90 zum Wahlforum in die Talheimer Stadthalle geschafft haben, zeuge das leider von einem „relativ hohen Desinteresse“ an der Kommunalpolitik. „Das bedauern wir“, sagt Monika Hirschner von der Liste „Wir für Vellberg“ nach der Veranstaltung. „Gerade die Jüngeren fehlen heute“, ergänzt ihr Listenkollege Markus Hübsch. „Wir überlegen, wie wir die jungen Leute motivieren können.“

Zuvor hatte ein überwiegend reiferes Publikum eine Stunde lang gehört, was Moderator Dr. Marcus Haas, Chefredakteur des Haller Tagblatts, Hirschner, Jörg Neumann und Reinhard Otte zur Vellberger Kommunalpolitik entlocken konnte – Neumann und Otte treten erstmals an. Nach einer Vorstellungsrunde der Diskutanten fragt Haas zuerst nach der Causa Berner. Jochen Berner, der seine Teilnahme an dem Forum absagen musste, tritt mit einer eigenen Liste an, nachdem er keinen Platz bei „Wir für Vellberg“ gefunden hat. Er hat der Liste daraufhin ein „Abnickverhalten“ vorgeworfen, seine Kandidatur sei „aktiv verhindert“ worden. „Man sollte nicht alles glauben, was erzählt wird“, sagt Hirschner. Berner habe Kontakt zu einem Gemeinderatsmitglied gehabt, da sei die Liste aber schon „übervoll“ gewesen. Seine Kandidatur sei auf keinen Fall „verhindert“ worden. Darüber hinaus kenne sie Berner nicht einmal persönlich. Zum Thema „Abnicken“ sagt sie: „Dann sollte er doch erst einmal eine Gemeinderatssitzung besuchen. Uns geht es darum, den Bürgern gerecht zu werden und so agieren wir auch gegenüber der Verwaltung.“ Falls es Berner in den Rat schaffe, werde man „ganz normal“ mit ihm umgehen.

40 Plätze fehlen

Im Prinzip sei Vellberg beim Thema Kinderbetreuung gut aufgestellt, so reißt Haas das erste Thema an. Es fehlten aber rund 40 Plätze, „nicht zuletzt durch Zuzüge ins Neubaugebiet Kreuzäcker“. Der Kindergarten Markgrafenallee werde deshalb ausgebaut und bekomme zwei weitere Gruppen. Die Kosten betrügen rund 1,6 Millionen Euro, auf rund 1,9 Millionen Euro käme ein Neubau in Talheim, wo 2020 zwei zusätzliche Krippengruppen entstehen sollen. „Was machen Sie, wenn es keine Fördermittel gibt?“, will Haas von den Kandidaten wissen. Die Anträge seien gestellt, sagt Hirschner, „aber wenn die Fördermittel nicht kommen, müssen wir alles neu überdenken“. „U-3-Betreuung braucht man heute“, stellt Neumann fest. Hirschner gibt zu bedenken, dass „wir nicht an allen Standorten U-3-­Gruppen anbieten können“.

Kommunalwahl HT-Wahlforum in Vellberg

Persönlich sei sie gegen eine Gebührenfreiheit bei den Kindertagesstätten, wie sie in anderen Kommunen diskutiert werde, sagt Hirschner, „das finde ich nicht gerecht“. „Das muss sich eine Gemeinde auch leisten können. Dann kann man drüber reden“, ist Neumanns Meinung. Seine Listenkollegin stellt aber klar: „Wir können es uns aber nicht leisten.“

„Ich hoffe, dass es realisiert wird. Das brauchen wir“, antwortet Neumann auf Haas’ Frage, was er von den Plänen für ein Ärztehaus halte. Unter dem Aspekt des demografischen Wandels hält auch Otte die Idee für gut. „Wir sind mit der Verwaltung nicht öffentlich auf der Suche nach einer Entscheidung“, sagt Hirschner. „Können Sie uns nicht mehr sagen? Wir sind doch unter uns“, meint Haas. Hirschner lässt sich aber nicht erweichen.

Nicht auf Biegen und Brechen

Haas wirft auch einen Blick auf die wirtschaftliche Situation Vellbergs. Die derzeitige Pro-Kopf-­Verschuldung liege bei 470 Euro, bei rund 4500 Einwohnern seien dies etwa 2,1 Millionen Euro. „Wird Ihnen nicht bange, wenn Sie an all die anstehenden Investitionen – Kinderbetreuung, Straßen und Kanäle – denken?“, fragt er. Der Schuldenstand werde bis 2021 voraussichtlich auf rund 5,2 Millionen Euro steigen. „Mir wird nicht bange“, so Hirschner. „Wir dürfen nicht nur an Wachstum durch Bauplatzverkäufe denken, auch die Infrastruktur muss gepflegt werden.“ Die Kindergartenplanung sei „ein Muss“, ergänzt Neumann und Otte stellt klar: „Wir müssen in die Zukunft investieren.“ Es gebe auch „Gebührenschrauben“, an denen man drehen könne, um zu sparen, sagt Hirschner. Dabei denke sie beispielsweise ans Freibad: „Der Eintritt ist meiner Meinung nach zu günstig.“ Im Scherz schlägt Otte eine Maut vor, die drei sind sich aber einig, dass man kein Wachstum auf Biegen und Brechen wolle. „Wir müssen uns Jahr für Jahr die Investitionen angucken“, so Neumann. Irgendwann sei auch ein „natürlicher Wachstumsstopp“ erreicht, ergänzt Otte.

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion hat das Publikum Gelegenheit, die Kandidaten zu befragen. Günter Schmitt von der gleichnamigen Spedition fragt, wie man weiteres Gewerbe ansiedeln wolle. Leider seien Gewerbetreibende abgewandert. „Warum machen Sie nicht mehr
Werbung?“, fragt er. Es gebe unterschiedliche Gründe für Abwanderung, antwortet Hirschner, beispielsweise die Entfernung zur Autobahn, persönliche Beweggründe, aber auch fehlende Flächen. Deswegen habe man auch neue ausgewiesen. Zur Werbung sagt sie: „Das ist gut, das nehmen wir mit.“

13 von 14 Kandidaten sind dabei

Einig sind sich alle Kandidaten der Liste „Wir für Vellberg“ bei einer Sache: „Die Stadt voranbringen und noch attraktiver machen“, so drückt es Erstkandidatin Christina Reichert aus. Haas hatte auch den weiteren Kandidaten der Liste Gelegenheit gegeben, sich kurz vorzustellen. 13 der 14 Kandidaten sind der Einladung zum Forum gefolgt. Vellbergs Bürgermeisterin Ute Zoll hat sich ihren voraussichtlich neuen Gemeinderat nicht anschauen können. „Sie ist in Urlaub“, sagt ihr Stellvertreter Walter Neumann, der nach 35 Jahren im Gemeinderat nicht mehr antritt. Den Stab übernimmt sein Sohn Jörg. „Aber erst einmal muss ich gewählt werden“, sagt dieser.

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Schwäbisch Hall

Faktencheck zum Ausbau der Kreisstraße 2668


Zu Unstimmigkeiten ist es beim Wahlforum bei einer Frage zum Thema Ausbau der K 2668 von Großaltdorf Richtung Ilshofen gekommen. Gemeinderat Walter Neumann meinte, dass sich dabei in den kommenden zehn Jahren nichts tun würde, Großaltdorfs Ortsvorsteherin Andrea Binder widersprach. Auf Nachfrage dieser Zeitung teilt das Amt für Straßenbau und Nahverkehr des Landratsamts mit, dass der Kreis für die freie Strecke zwischen Großaltdorf und der L 2218 einen Förderantrag beim Land gestellt habe. Mit einem positiven Förderbescheid werde 2020 gerechnet. „Die planerischen Vorarbeiten laufen“, sagt Ute Bürkert von der Kommunalaufsicht des Landratsamts. „Für die anvisierten Umfahrungen von Großaltdorf und Oberaspach gibt es erste planerische Überlegungen, die derzeit weiter vertieft und erörtert werden.“

Beim Abschnitt von Vellberg bis Großaltdorf handele es sich hingegen um eine Landesstraße. „Eine großräumige Umfahrung von Vellberg müsste vom Land im Generalverkehrsplan verankert werden“, so Bürkert. Im aktuellen von 2010 sei dies aber nicht der Fall. Er gelte bis 2025. noa