Tradition Muswiese: Hans Scholz ist ein Urgestein des Festes

„Da machst du mit“, hieß es. Also machte Hans Schulz mit – und blieb dabei. Das Büttel-Kostüm ist ihm zur zweiten Haut geworden.
„Da machst du mit“, hieß es. Also machte Hans Schulz mit – und blieb dabei. Das Büttel-Kostüm ist ihm zur zweiten Haut geworden. © Foto: Sebastian Unbehauen
Rot am See / Sebastian Unbehauen 09.10.2018
Seit vielen Jahrzehnten gibt er den Büttel am Metzgertanz. Er ist mit Haut und Haar der Gemeinde verbunden.

Die Verse haben sich ganz tief eingebrannt. Wahrscheinlich könnte man Hans Schulz um 3 Uhr nachts wecken, er würde sie fehlerfrei rezitieren. Man kann auch am frühen Nachmittag in seiner Wohnung in Rot am See neben ihm sitzen und den berühmten Worten lauschen: „Nach altem Brauch und alter Sitte, tret‘ ich in dieses Kreises Mitte. Der hohe Rat mit viel Verstand hat mich zu euch hierher gesandt. Er spendet euch die Kanne Wein, sie soll den Tänzern eigen sein …“. Wäre jetzt bereits Metzgerstanz, würde der Musikverein Rot am See einstimmen. Hier auf dem Sofa bleibt es für einen Moment still. Dann lacht Schulz – und erzählt seine Geschichte als Büttel beim beliebten Traditionstanz am Muswiesen-Mittwoch.

Schulz, heute 80 Jahre alt, stammt aus Engelhardshausen. Er erlernte in Crailsheim den Beruf des Sattlers, arbeitete ein paar Jahre als Gleisbauer und heuerte schließlich Anfang der 1960er-Jahre bei der Gemeinde Rot am See an. Schulz war fortan 40 Jahre lang Hausmeister an der Schule – und darüber hinaus nicht selten „Mädchen für alles“. Noch heute im Ruhestand kümmert er sich um die Blumen auf dem Rathausplatz. Kurzum: Er gehört einfach dazu in Rot am See.

Und als er gerade angefangen hatte, dazuzugehören, brauchte man einen Büttel. „Du bist bei der Gemeinde, da machst du mit“, hieß es. „Ha, Gott, mach‘ ich halt mit“, sagte Schulz. Seither ist er dabei. Jahr für Jahr. Er war dabei, als noch der Langenburger Spielmannszug statt des Roter Musikvereins musizierte, er war dabei, als die Gruppe der Tänzer kleiner wurde, weil Traditionspflege vorübergehend ein miefiges Image hatte, und er ist auch jetzt dabei, wo die Jungen sich wieder darum reißen, mitzumachen, wenn ums Feuer gehüpft wird.

Schulz holt eine Mappe aus dem Schrank. Viele Zeitungsausschnitte hat er gesammelt. Immer sieht man ihn in seinem Kostüm, in unterschiedlichen Phasen seines Lebens, mal in Schwarz-Weiß, mal in Farbe, mal, wie er einem Metzgerstänzer den Weinkrug zum Mund führt. Auch die Urkunden, die er alle paar Jahre bekommen hat, sind als Zeugnisse seines Engagements abgeheftet. Übrigens ist Schulz nicht nur den Metzgerstänzern treu geblieben, sondern er war auch jahrzehntelang im Liederkranz und in der Feuerwehr aktiv. Er ist einer vom alten Schlag, der den Dienst an seiner Gemeinde nicht auf die Arbeitszeit beschränkt hat.

Der 80-Jährige erinnert sich noch genau, wie er zum ersten Mal den „Metzgern“ voran vom Amtshaus zum Reitplatz schritt, durchs Spalier und in den Kreis der Tausend Besucher. „Da war ich aufgeregt“, sagt er. Und heute? „Schon auch noch ein bissle. Es ist immer wieder schön und auch aufregend. Vor allem weiß man im Alter ja nie, ob man nicht doch mal den Text vergisst.“ Aber die Routine setzt in aller Regel schnell ein – und: „Gestockt habe ich eigentlich noch nie. Es ist immer gut gegangen.“

Tanzen auf dem Tisch

Man ahnt, wenn man ihn so sieht und hört: Es wird auch in diesem Jahr gut gehen. Und ein Ende ist vorerst nicht in Sicht. „Solange ich laufen kann, mache ich weiter“, sagt Schulz. Nur beim Blick in den Bierstiefel hält sich der Büttel mittlerweile zurück. Das heißt freilich nicht, dass er sich der Feier nach dem Tanz in der Reithalle entzieht. Auf dem Tisch tanzen? Geht noch. Schulz war schließlich immer sportlich, ist regelmäßig die Marathondistanz gewandert. Einmal ging er in der Schweiz 100 Kilometer am Stück, eine Nacht und einen Tag lang: „Da ist mir das Blut zu den Schuhen rausgelaufen.“ Das bisschen Metzgerstanz kann da wirklich nicht schrecken.

Heuer übrigens ist die Vorfreude besonders groß, schließlich hat er das Treiben im vergangenen Jahr verpasst. Da besuchte er nämlich seine Schwester, die im amerikanischen New Orleans lebt. Schulz‘ Tochter hielt ihn zwar per E-Mail auf dem Laufenden, aber dabei zu sein ist natürlich etwas ganz anderes.

Hans Schulz steht jetzt vom Sofa auf und schlüpft in sein Kostüm. Band für Band, das er verknotet, wird er zum anderen Menschen. Am Ende legt er die roten Adidas-Schuhe ab und streift braune Lederstiefel über. Zwar ist es nur fürs Zeitungsfoto, aber man meint schon das Feuer knistern zu hören. Und dann: „Nach altem Brauch und alter Sitte, tret‘ ich in dieses Kreises Mitte …“. Morgen ist es wieder so weit.

Info Der Metzgerstanz startet morgen, Mittwoch, um 19.45 Uhr.

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