2010

Mit dem Bus zur Muswiese – auf diese Idee kamen die Dörrmenzer schon vor 60 Jahren, wie Erwin Renner dem HT erzählte. Die Dorfgemeinschaft charterte nach dem Zweiten Weltkrieg über viele Jahre hinweg einen bequemen Sammeltransporter für den Weg nach Musdorf. Und dort hat man dann etwas später in Wirtschaftswunderzeiten jene Autos gekauft, die das Ende der fidelen Fahrten in Gemeinschaft einläuteten.

Die meisten Menschen sind auf der Muswiese in Feierlaune, mancher will aber einfach in Ruhe essen. So ärgerte sich ein älterer Herr mit bayerischem Akzent in der Halle der Uhls derart über einen Blasmusiker, der ihm gegenüber auf die Bank kletterte, dass er sich selbst frische Luft verordnete: Nach einem lautstarken Ausdruck roher Wut ließ der Mann sich sein Essen in Alufolie einpacken, zog von dannen und brachte den leeren Teller eine halbe Stunde später zurück.

2011

Leichte Schwierigkeiten, auf die Muswiese zu gelangen, hatte ein Muswiesenbesucher aus Heilbronn. In Rot am See fragte er mehrere Passanten nach „Musberg“, jedoch keiner konnte ihm den Weg dorthin erklären. Dass er den Weg nach Musdorf trotzdem gefunden hat, ist ein Beweis für das, was die Einheimischen schon lange wissen: Alle Wege führen zur Muswiese.

Für Furore sorgte in der Reithalle das freizügige Kostüm eines Mannes. Von vorne glich er einem katholischen Priester samt Gebetbuch. Auf seiner Hinterseite aber herrschte schier völlige Nacktheit: Nur ein knappes Höschen samt Strapsen und einige Bändchen bedeckten die Blöße. Ein Gast fühlte sich gestört und beschwerte sich bei der Polizei. Die fand eine weise Lösung für das Textil-Problem: Einfach ein Mäntelchen drüber – und der Mann konnte sich wieder in seine persönliche Love-Parade stürzen.

2012

Ein Herz für junge Leute haben die Betreiber des Riesenrads bewiesen. Am Samstag, noch vor dem Startschuss zum Jahrmarkt, tauchte da ein Brautpaar in vollem Ornat auf, das seine Hochzeitsbilder nicht nur auf der Muswiese, sondern sogar auf dem Riesenrad machen lassen wollte. Kurzerhand legten die Schausteller den Hebel vorzeitig für eine Extrafahrt um und ermöglichten dem Brautpaar so einen einmaligen Start in die Ehe.

2013

Hohenloher sind halt Menschenfreunde. Diese Erfahrung machte ein Autofahrer, der mit seinem Wagen heillos im Musdorfer Morast feststeckte. Hilfe suchte er auf dem nahen Bauernhof von Gerhard Uhl. Weil der Muswiesen-Wirt aber alle Hände voll zu tun hatte, drückte er dem unbekannten Mann kurzerhand (und mit Gottvertrauen) den Schlüssel für seinen Bulldog in die Hand. Nach 45 Minuten stand der spontan ausgeliehene Traktor wieder auf dem Hof.

Alkohol verlockt immer mal wieder zu rabiaten Muskelspielen. Seine überschüssigen Muswiesen-Kräfte ließ ein 16-Jähriger auf der Landesstraße nahe Musdorf an einem vorbeifahrenden Auto aus: Er trommelte wild auf das Dach des Wagens ein. Der aggressive Jungspund hatte seine Rechnung aber ohne den kräftigen Besitzer des Pkw gemacht: Als er pampig wurde und die friedlichen Heimkehrer attackierte, setzte es für den jungen Mann eine Tracht Prügel.

2014

Die Muswiese in Musdorf (im Oktober) und der Bartholomämarkt in Beimbach (im August) besitzen dieselbe Geburtsurkunde: Beide Festivitäten werden anno 1434 erstmals in einem Dokument erwähnt. Ein stolzer Beimbacher stört sich aber schon seit geraumer Zeit daran, dass der Jahrmarkt in seinem Dorf zuweilen „kleine Muswiese“ genannt wird. Heuer nahm er zum Muswiesen-­Start sprachliche Rache: „Sou, jetzt fängt widder dr klaane ­Barthelmä ou.“

2015

Wussten Sie’s? Auf der Muswiese kann man in der Zeit zurückreisen. Wer schon immer Gribbl ist, sieht, was er als Kind gesehen hat, riecht, was er als Kind gerochen hat, schmeckt, was er als Kind geschmeckt hat. So ging’s auch dem Autor dieser Zeilen, als er sich am Sonntag noch etwas malad mit Mutter und Vater gen Musdorf aufmachte. Gut, dass Mama immer noch weiß, was gut für ihn ist: „Ein Kinderschnitzel und ein Spezi“, sagte sie zur Bedienung und zeigte auf den schwachen Buben. Wie früher.

2016


Franzosen verstehen zu feiern. Dennoch machten 35 Elsässer aus Weyersheim, Partnergemeinde von Rot am See, große Augen, als sie Musdorfer Boden betraten, wo Bürgermeister Siegfried Gröner seinen Amtskollegen Etienne ­Roeckel und die Mitglieder des neu gewählten Gemeinderats begrüßte: Die Franzosen waren hin und weg von der schieren Größe der Muswiese – und nach der ersten Schlachtplatte lautete das einhellige Urteil: „Formidable“.

In aller Herrgotts-Sonntagsfrüh herrschte rund um die Weinstube Pietz große Aufregung. Der Anführer der Putzkolonne hatte den Schlüssel für die Wirtschaft verloren, auch die Kaffeedamen und Senior-Wirtin Erika Lutz-­Pietz kamen nicht hinein. Die schlummernde Familie bekam nichts mit – und die ersten Frühstücksgäste rückten an. Letztlich halfen Bauhof-Mitarbeiter mit einer Leiter aus. Sie weckten den Pietz-Enkel im zweiten Stock per Fensterklopfen.

Es gibt sicher Orte auf der Welt, an denen Vegetarier lieber sind als in der Küche einer Muswiesenwirtschaft, wo der Duft von warmer Blut- und Leberwurst die Nase von früh bis spät umschmeichelt. Aber was will man machen, wenn man neuerdings mit dem Sohn eines Musdorfer Wirts liiert ist und jede helfende Hand gebraucht wird? In diesem Fall hat die Schwiegertochter in spe nach fünf Jahren Fleisch-Abstinenz letztlich zum Schnitzel gegriffen. Ihr Urteil: „Superlecker!“

2017

Ach, könnte man doch alles aufschreiben, was in den Wirtschaften und Ständen und Zelten der Muswiese dahergeschwätzt wird! Man hätte die ganze Weisheit der Welt versammelt. So hat etwa ein junger Mann die Umsitzenden im Stand der Brauerei Schmetzer darüber aufgeklärt, dass zu einer Käsesahne-Torte am allerbesten ein Pils passe. Geschmacklich perfekte Ergänzung. Man lernt eben nie aus. Danke, Muswiese! Und guten Appetit!

Großes Lob erhielt die Gemeinde Rot am See für eine pfiffige Idee: Mit dem „Kinder-Finder“ landeten im Getümmel verloren gegangene Mini-Muswiesengribbl ganz schnell wieder in den Armen von Mama und Papa. Eine Telefonnummer auf dem gelben Bändchen ums Ärmchen vom Sprössling machte es möglich. Zweckentfremdungen blieben nicht aus: Mannsbilder etwa trugen das Teil sicherheitshalber für den Fall alkoholischer Abstürze ...

„Blut Spatz“ – das ist nicht etwa ein Psychoschocker von Alfred Hitchcock oder das neue Lied der Rocker von „Rammstein“, sondern die unschuldige Aufschrift auf einem Bestellbon der Muswiesenwirtschaft Uhl. Ein kulinarisch unerschrockener Gribbl hatte das martialische Mahl bestellt – Spätzle mit Blutwurst, die Hohenloher Antwort auf Spaghetti Bolognese sozusagen. Schmeckt übrigens einwandfrei. Die Blutspatzen pfeifen’s von den Dächern: Das Gericht hat das Zeug zum Klassiker für Freunde des bodenständigen Genusses.

2018

Am Freitag vor der Muswiese hatte das HT ein Foto von einem Flamingo in der Brettach bei Hilgartshausen veröffentlicht. Klar, dass diese tierische Skurrilität auf dem Fest Gesprächsthema war. Wo der gefiederte Exot herkam, wusste allerdings keiner, als Jahrmarktgast tauchte er nicht auf. Nur von Weitem konnte es am Samstag zu Verwechslungen kommen: Der Brettheimer Ortsvorsteher Reiner Groß, selbst aus Hilgartshausen, trug ein flamingofarbenes Hemd.

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