Praktikum Vergessen, aber nicht vergebens

Auch in Wüstenrot bereichern Jugendliche den Alltag von Senioren. Jule Max singt zusammen mit einer Bewohnerin des Martha-Maria-Seniorenzentrums.
Auch in Wüstenrot bereichern Jugendliche den Alltag von Senioren. Jule Max singt zusammen mit einer Bewohnerin des Martha-Maria-Seniorenzentrums. © Foto: isi
Iris Simon 15.11.2017
Schüler des Evangelischen Schulzentrums Michelbach arbeiten im Rahmen ihres Unterrichtsfachs „Diakonie“ in sozialen Einrichtungen – auch in Alten- und Pflegeheimen.

Es ist ein verregneter und stürmischer Freitagvormittag. In den alten Schlossgemäuern des Michelbacher Schulzentrums herrscht reger Schulbetrieb. Während man sich auf dem Schulhof beeilt, möglichst schnell ins Warme zu kommen, wuseln Schüler drinnen, dick in ihre Regenjacken und Schals eingepackt, wie die Ameisen durch das Gebäude. Auf den Fluren knallen Türen und Stühle werden laut quietschend in Position gerückt. Die Türe des Besprechungszimmers, in dem die 16-jährige Jule Max Platz genommen hat, wird geschlossen. Das Treiben auf den Gängen rückt in weite Ferne.

Die Elftklässlerin ist eine der Schülerinnen, die zu Beginn des Jahres im Rahmen des Profilfachs „Diakonie“ ein mehrwöchiges Praktikum beim ambulanten Dienst „Diakonie daheim“ in Schwäbisch Hall absolvierten. Einmal in der Woche besuchte sie eine an Demenz erkrankte Seniorin. Sie verbrachte zusammen mit einem Klassenkameraden Zeit mit ihr.

„Man muss geduldig und verständnisvoll sein – auch wenn man beim gemeinsamen Spielen die Regeln zum zehnten Mal erklären muss“, berichtet Jule Max. „Demenzkranke können sich nur sehr schwer, wenn überhaupt an kurzfristige Ereignisse erinnern, so zum Beispiel, welche Farbe ihre Spielfiguren bei Mensch-ärgere-dich-nicht haben.“ Die wöchentlichen Besuche bei der älteren Dame hätten ihre ganz eigenen Besonderheiten, aber auch Schwierigkeiten mit sich gebracht, erzählt sie weiter. Die ständige Vergesslichkeit wäre am Anfang anstrengend gewesen. Wenn man das häufige Erklären und Wiederholen nicht gewohnt sei, dann werde man eben schnell ungeduldig, so die 16-Jährige. Die Nachsicht und Gelassenheit müsse man unter diesen Umständen erst einmal erlernen. Auch wenn es darum gehe, ob sie sich bei jedem Besuch der Seniorin neu vorstellen muss oder ob die Schülerin wiedererkannt wurde.

Zudem kam ein mulmiges Gefühl zu Beginn des Praktikums auf. „Ich hatte Bedenken, ob ich das packen würde oder mir nicht alles zu viel werden würde“, gibt Jule Max offen zu. Sie habe selbst ja auch Großeltern, daher sei es nichts völlig Unbekanntes gewesen. Aber die seien keine 85 Jahre alt und auch nicht pflegebedürftig.

Doch ihre anfänglichen Zweifel haben sich nicht bestätigt, ganz im Gegenteil. Es gab sogar Momente, die der 16-Jährigen noch lange in Erinnerung bleiben werden. „Bei all den Schwierigkeiten, die die ältere Dame mit dem Hier und Jetzt hatte, hat sie sich sehr gut an ihr vergangenes Leben und ihre Kindheit erinnert. Sie hat immer von ihrem Steingarten erzählt und davon, wie sie sich darum gekümmert hat“, erzählt Jule Max.

Kommunikation und Austausch

Worte wie diese hört Andreas Quattlender, Abteilungsleiter des Fachbereichs Diakonie, gerne. Jedes Jahr begleitet er die Schüler des Evangelischen Schulzentrums Michelbach (ESZM) bei ihren Praktika und zu Gesprächen wie an diesem Freitagvormittag im zweiten Stock des Schlossgebäudes. „Unser Ziel ist es, Jugendliche und Senioren zusammenzubringen und einen generationsübergreifenden Austausch zu ermöglichen“, erklärt Quattlender. Das Zusammenspiel aus der theoretischen Vorbereitung im Vorfeld und den anschließenden Praktika solle die Schüler nicht nur intellektuell, sondern auch emotional bilden und fordern.

Damit bezieht sich der Fachleiter des ESZM auch auf die sozialkritischen Aspekte der Praktika. „Sollte einer meiner Schüler später Vorstandsvorsitzender sein, dann wünsche ich mir, dass dieser durch sein Praktikum nicht vergessen hat, wie wichtig ein soziales Miteinander ist. Die Wertschätzung der Pflege und Betreuung von Senioren oder generell von bedürftigen oder eingeschränkten Personen sollte ein jeder innehaben.“

 Eine ähnliche Meinung vertritt auch Jule Max. Sie möchte später Psychologie studieren und den Menschen in ihrer Umgebung so in ihrem Leben weiterhelfen. Dafür wird sie demnächst sogar noch ein weiteres Praktikum machen. Dieses Mal bei der Krankenhaus-Seelsorge im Diak.

Und während die Elftklässlerin so von ihren Erfahrungen und Plänen erzählt und der Regen unaufhörlich gegen die Fensterscheibe trommelt, fangen ihre Augen fast unmerklich an zu leuchten. Die anfänglich höfliche Zurückhaltung ist einer herzlichen Offenheit gewichen und es wird deutlich, dass Jule Max viel aus der gemeinsamen Zeit mit der Seniorin mitgenommen hat. Das ist ihr auch selbst bewusst. „Sowohl mit der älteren Dame, als auch mit den anderen Senioren, die wir in den Pflegeeinrichtungen besucht haben, Zeit zu verbringen, gibt einem allgemein unheimlich viel zurück. Man lernt sich selber besser kennen und erfährt gleichzeitig viel über das Leben selbst.“ Und das sei nicht nur bei ihr der Fall, sondern auch bei fast allen ihrer Klassenkameraden.