Familienforschung Mit dem Leben im alten Hohenloher Dorf verwurzelt

Mit 14 Jahren hat sich Gisela Färber aus Bibersfeld schon für Ahnenforschung interessiert. Heute arbeitet sie in der Haller Geschichtswerkstatt mit.
Mit 14 Jahren hat sich Gisela Färber aus Bibersfeld schon für Ahnenforschung interessiert. Heute arbeitet sie in der Haller Geschichtswerkstatt mit. © Foto: Cornelia Kaufhold
Cornelia Kaufhold 05.11.2016
Lebensläufe faszinieren sie. Gisela Färber aus Bibersfeld betreibt Ahnenforschung.

In gestochen scharfer Sütterlinschrift sind die Vorfahren bis in die dritte Generation notiert. „Dinge wie dieser Ariernachweis aus dem Dritten Reich haben mich schon immer fasziniert“, sagt Gisela Färber. Sie sitzt in der Küche im Haus ihrer Großmutter in Bibersfeld. Es wurde im Zweiten Weltkrieg von einer Bombe getroffen und 1946 wieder aufgebaut. Die Enkelin bewohnt heute das liebevoll renovierte Haus mit den blauen Fensterläden mitten in Bibersfeld. Vor ihr liegt auf dem Tisch ein DIN-A-4-Ordner. Die vergilbten Seiten mit Lochverstärker dokumentieren ihren Stammbaum. Er reicht bis 1647 zurück – bis zu Daniel Feuchter aus Bühlerzimmern. „Er hat auch hier gewohnt“, sagt Gisela Färber mit leuchtend blauen Augen.

Bereits als 14-Jährige hat sie sich für ihre Familiengeschichte interessiert. Wenn sie in den Ferien die Oma in Bibersfeld besuchte, stöberte sie in den Aufzeichnungen zur Familienforschung des Onkels. „Da war schon was vorhanden, denn wir haben Mormonen in der Verwandtschaft, und die betreiben aus religiösen Gründen Ahnenforschung“, erzählt Gisela Färber. In ihrem Elternhaus in Gaisdorf bei Untermünkheim wurde viel über einen Großonkel gesprochen, erinnert sich die 60-Jährige. Er ist als Soldat in Palästina gefallen und angeblich in Genezareth begraben. „Diese Geschichten haben mich fasziniert, und ich war auch a wengele neugierig“, erzählt sie lachend. Die Biografie über den Großonkel erschien in dem Buch „Schwäbisch Hall 1914–18“ der Geschichtswerkstatt.

Gisela Färber arbeitet zurzeit an der Erstellung eines digitalen Häuserverzeichnisses mit. Das sei relativ einfach, weil sie dabei auf Primärkataster zurückgreifen kann. Die stammen aus dem Jahr 1827, als nach dem napoleonischen Krieg die Landvermessung in Württemberg neu geordnet wurde. Wesentlich akribischer muss sie vorgehen, wenn sie Besitzerlisten erstellt. An manchen Tagen „findet man gar nichts, an anderen kommt man ein Stück weiter“. Sie forsche der Vollständigkeit halber, wenngleich ihr diese mühsame Recherche nicht so arg viel Spaß mache. Dabei greift sie auf Bücher aus dem Jahr 1682 zurück. „Zum Teil muss ich da Buchstaben vergleichen, um überhaupt etwas lesen zu können.“ „Ich habe einen Ordnungsfimmel“, gesteht sie. Der helfe ihr, bei dieser Arbeit nicht die Geduld zu verlieren. Der Vollständigkeit halber ist Gisela Färber auch in den Nahen Osten gefahren, um den Tod ihres gefallen Großonkels zu rekonstruieren. Als Mädle hatte sie die Feldpostbriefe des Soldaten Ernst Frank gelesen. „Er hat Seife aus Aleppo geschickt und geschrieben „braucht sie gut auf“. Seife war damals sehr teuer.“ In Nazareth nahm sie Kontakt zu einem Arzt auf, der sich um den Soldatenfriedhof kümmert, erzählt sie. Dort erinnert eine Marmortafel an den gefallenen Großonkel. Ernst Franks Grab wurde nie gefunden. Selbst Färbers Nachfrage beim Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge blieb ergebnislos.

Auch in den US-Bundesstaat Utah ist sie geflogen, um im Archiv der Mormonen in Salt Lake City Familienforschung zu betreiben. Eine Cousine fünften Grades lebe dort und war über den Besuch des Bäsle aus Hohenlohe „total begeistert“. Das war vor zehn Jahren „und seitdem bin ich mit der Ahnenforschung keinen Meter weitergekommen“, sagt Gisela Färber und legt die Hand auf den DIN-A-4-Ordner. Sie hat noch viele andere Betätigungsfelder, und einen Job. Beruflich hat die Familienforscherin mit Menschen zu tun.

Seit 32 Jahren arbeitet sie beim Sonnenhof und leitet die  Freizeit- und Erwachsenenbildungsangebote im Mobilé im Haller Sudetenweg. Als Freizeitpäda­gogin organisiert und begleitet sie Urlaube der „Sunnys“, die 150 Menschen der Einrichtung, es sind Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Der Pflegeaufwand sei beträchtlich, sagt Gisela Färber. Sie sorgt für musische, kreative und Bewegungsangebote im Mobilé. „Im Garten kriege ich den Kopf frei“, sagt sie lächelnd. Und davon hat sie eine ganze Menge, mit schönen alten Bäumen. Nebenan picken die Hühner des Nachbarn im Gras, ein paar Meter weiter weiden Schafe. Ausgegrast hat sie eben und freut sich auf die Kaffeepause, in der sie über Ahnenforschung, ihre Arbeit in der Arbeitsgemeinschaft (AG) Dorfgeschichte und in der Haller Geschichtswerkstatt erzählt.

Die AG Dorfgeschichte – heute gehört sie unter das Dach der Dorfgemeinschaft – hat Gisela Färber mitgegründet und zum 750-Jahr-Jubiläum 2002 das Heimatbuch Bibersfeld mitveröffentlicht. Es war ihr erstes Buch. Gisela Färber recherchierte für den Band „Auf Leben und Tod“ der Geschichtswerkstatt über eine Hallerin, die im 16. Jahrhundert lebte. Aktuell beschäftigt sie das Schicksal des Bibersfelders Georg Schneider, einer von drei Brüdern ihrer Nachbarin. Es heißt, er ist bei Sopot, dem Ostseebad in der polnischen Woiwodschaft Pommern, gefallen. 1957 ist er für tot erklärt worden. „Meine alte Nachbarin treibt’s um, dass die Familie bis heute nicht weiß, wo er abgeblieben ist,“ stellt Gisela Färber betroffen fest. Sie hat anhand der Feldpostnummern des Soldaten im Bundeswehr-Archiv nachgeforscht, bislang ohne Ergebnis.

Ihr Lieblingsort ist das Vermessungsamt. „Waren Sie schon mal dort?“, fragt sie. „Die haben da ganz tolle Sachen.“ Im Vermessungsamt studiert sie Pläne, die bis ins Jahr 1827 zurückreichen. Nach dem 30-jährigen Krieg wurden 1682 Bestandsaufnahmen gemacht, die lediglich die Standorte der Gebäude beschrieben. Die verbleibenden Puzzleteile zusammenzufügen, macht ihr Spaß. „Wir nehmen dann die Geschichte des Dorfes anders wahr, und wir können sie bewusst machen“, findet Gisela Färber. Sie spricht dialektfrei, ihre Muttersprache aber ist Hohenlohisch. „Wenn ich das spreche, verstehen Sie vermutlich nicht mehr viel.“ Vor wenigen Jahren hat sie einen Kurs „Hohenlohisch für Anfänger“ im Goethe-Institut gegeben. „Das hat echt Spaß gemacht, am besten war der Spanier, der ziemlich schnell ganz gut Hohenlohisch sprechen konnte.“ Der Dialekt habe Regeln und sei deshalb erlernbar, meint sie. Ob sie woanders leben möchte? Gisela Färber schüttelt den Kopf. Sie ist mit Hohenlohe verwurzelt. „Ich habe zwei Jahre in Frankreich gearbeitet, und ich bin gerne wieder hierher zurückgekommen. Aber ich verreise auch gerne.“ Dann  spricht ihr Anrufbeantworter in fast akzentfreiem Hochdeutsch „Ich zähle gerade meine Schnecken ...“

Mit Verzeichnis aller Häuser ein Dorf baugeschichtlich erkunden

Das älteste Haus in Bibersfeld ist wahrscheinlich das der Familie Schneider. Es wurde 1591 gebaut. Das Alter der Gebäude wird durch die dendro-genealogische Untersuchung ermittelt. Die Dorfgemeinschaft Bibersfeld hat als eingetragener Verein 3700 Euro für diese Untersuchungen bekommen. Das Geld reichte für zwei Bohrungen in altem Gebälk, um das Alter des Hauses festzustellen. In manchen Häusern waren keine Bohrungen mehr möglich, „weil sie bis auf den letzten Balken ausgebaut waren“, sagt Gisela Färber. ka