Die polizeiliche Kriminalstatistik des Jahres 2017 (Zahlen für 2018 liegen noch nicht vor) kennt fast 139.000 Personen, die in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner misshandelt, gestalkt, bedroht oder sogar getötet wurden. 82 Prozent der Opfer sind Frauen. Häusliche Gewalt ist Alltag in Deutschland.

Ein Fall wurde in der vergangenen Woche am Amtsgericht Crailsheim verhandelt. Richterin Uta Herrmann verurteilte einen 36-Jährigen aus der Region wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit versuchter Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung. Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre. Mit dem Opfer darf er nicht mehr in Kontakt treten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der 36-Jährige und die 40-Jährige lernen sich Anfang 2016 über die Arbeit kennen und ziehen kurze Zeit später zusammen. Im März 2017 geht es in eine Dreizimmerwohnung nach Crailsheim, jeder hat ein Zimmer für sich. Aber zu diesem Zeitpunkt ist es um die Beziehung schon nicht mehr zum Besten bestellt. „Unsere Beziehung funktioniert nicht mehr“, so sagt es die Frau vor Gericht. „Ich habe immer versucht, in Ruhe mit ihm zu reden, aber er wollte nicht verstehen.“ Er denkt, dass sie einen anderen hat.

Er hält ihr ein Messer an die Kehle

Sie sucht und findet schließlich eine neue Bleibe und setzt den Vermieter ihrer gemeinsamen Wohnung davon in Kenntnis – und von dem erfährt es dann ihr Ex. Am Nachmittag des 24. September 2017 will er sie zur Rede stellen, mit „drei, vier Bier“ intus, wie er sagt. Sie sagt: „Wenn er besoffen ist, kann er sich nicht kontrollieren.“ Die später gemessenen 0,57 Milligramm Atemalkohol wirken sich im Urteil nicht strafmildernd aus.

Die beiden streiten öfter, wie Nachbarn berichten. Aber diesmal eskaliert der Streit. Das Geschehen schildert die 40-Jährige vor Gericht so: Er weckt sie auf, als er in die Wohnung kommt, und schreit: „Du lässt mich allein?“ „Es geht nicht mehr, ich gehe weg“, antwortet sie. Es kommt zum Gerangel an ihrer Zimmertür. Er drückt ihre Arme fest an den Körper. Sie beißt ihn in die Wange, um sich zu befreien. Dann holt er ein Messer aus der Küche und hält es ihr an den Hals, die Haut berührt er damit allerdings nicht. „Bevor du dir einen anderen Mann nimmst, bringe ich dich um“, sagt er. Sie sagt später, dass sie keinen anderen Mann hat.

Er droht damit, sie umzubringen

Zurück ins Zimmer. Er will ihre Papiere an sich reißen, die sie in einer Tüte aufbewahrt, Mietvertrag, Lohnabrechnung, solche Sachen. Es kommt zu einem Gerangel, beide stürzen zu Boden.

Dann nimmt er ein Bügeleisen, das zufällig in greifbarer Nähe steht und wickelt dessen Kabel zweimal um ihren Hals.

Die Spitze des Bügel­eisens zeigt in ihr Gesicht, Wasser läuft aus. „Ich habe das Kabel gehalten, dass er es nicht zuzieht“, sagt sie. Sie trampelt und schreit um Hilfe. Er droht damit, sie umzubringen, wenn sie die Polizei ruft.

Panama-Stadt

Die Situation beruhigt sich etwas, er lässt von ihr ab. Als sie weglaufen will, klemmt er sie in der Wohnungstür ein, ein Bein draußen, ein Bein drinnen. Dann verpasst er ihr mit einem Kopfstoß ein blaues Auge.

Sie tritt ihn mit dem Knie in die Hoden und rennt weg. Im Treppenhaus stellt er sie erneut, packt sie an der Jacke und nimmt sie in den Schwitzkasten – und lässt erst von ihr ab, als ein Nachbar verbal einschreitet. Dessen Aussage wird vor Gericht verlesen: „Ich hatte den Eindruck, er hätte sie erwürgt, wenn ich nicht gekommen wäre.“

„Hatten Sie Atemnot?“, will Oberamtsanwältin Andrea Koller wissen. „Ja.“ Und Todesangst? „Ja, er hat mich bedroht.“ Koller ist davon überzeugt, dass sich das Ganze so zugetragen hat. Sie sagt, dass eine „große Gefährdung für das Opfer“ bestanden habe, und fordert zwölf Monate auf Bewährung. Auch Richterin Herrmann und Rechtsanwalt Günter Hofmann als Vertreter der Nebenklägerin bezweifeln die Version nicht. Dagegen will sich der Angeklagte an das Bügeleisen und das Kabel um den Hals nicht erinnern: „Das habe ich nicht gemacht.“ Und mit dem Messer sei er nicht im Zimmer gewesen, er habe kochen wollen. „Das Wasser trieft aus dem Bügel­eisen, das erfinde ich nicht spontan“, betont Hofmann.

Herrmann ist „überzeugt, dass das Messer als Drohkulisse da war“. Der Angeklagte sei „sauer, aufgebracht, eifersüchtig“ gewesen, „viele Emotionen“ seien da zusammengekommen. In seiner Einlassung sei er „an den Stellen, an denen es interessant wurde, ausgewichen“, sagt die Richterin. Es habe ein „sehr immenser Verdrängungsprozess“ eingesetzt.

Er sagt, sie habe ihn attackiert

„Mein Mandant tut sich sehr schwer, versucht es zu verdrängen“, so sagt es seine Verteidigerin Britta Muck. Dann sei er „regelrecht explodiert“, zudem habe der Alkohol auf ihn gewirkt. Muck spricht von einem „Teilgeständnis“ und davon, dass er „dann ja von ihr abgelassen“ habe. Die 40-Jährige kommt mit leichten Verletzungen davon. Drei Tage bleibt sie im Krankenhaus.

Und was macht der 36-Jährige? Geht zur Polizei und erstattet Gegenanzeige. „Sie hat mich gebissen, geschlagen, gekratzt“, gibt er dort zu Protokoll. Der Polizist, der damals die Aussage aufnimmt, sagt jetzt vor Gericht, dass der Angeklagte alles abgestritten und gesagt habe, dass sie auf ihn losgegangen sei. Dann steht die Frage im Raum, ob ihm klar war, was er mit einer Gegenanzeige bewirke, so er sie denn wollte. Der Polizist gibt zu, dass die Verständigung zwar schwierig gewesen sei. Aber: „Wenn ich gemerkt hätte, dass keine richtige Vernehmung stattfindet, hätte ich einen Dolmetscher geholt.“

„Wir machen hier alles mit Dolmetscher“, betont Verteidigerin Muck, und: „Er wollte sie nicht anzeigen.“ „Bei der Polizei können die Leute reden, bei uns brauchen sie einen Dolmetscher“, fügt Oberamtsanwältin Koller hinzu. Dann übersetzt die Dolmetscherin vor Gericht das letzte Wort des Angeklagten: „Es tut mir leid, dass es so gekommen ist.“

Wie sich herausstellt, hat der 36-Jährige, der zuvor strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten ist, bereits 1000 Euro Schmerzensgeld gezahlt. Seine Verteidigerin wusste nichts davon. Richterin Herrmann verurteilt ihn dazu, weitere 1000 Euro an das Opfer zu zahlen und 1000 Euro an eine gemeinnützige Organisation. Zudem trägt er die Kosten des Verfahrens und der Nebenklage. Bei einem monatlichen Nettoeinkommen, das er mit 1400 Euro angibt, und 20.000 Euro Schulden wegen eines Autokaufs wird er die finanziellen Folgen seiner Tat noch jahrelang spüren.

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