Die jiddische Sprache habe zwei Eltern, wusste Valeriya Shishkova am Samstagabend in der ehemaligen Synagoge von Michelbach an der Lücke zu erzählen: „Die Mutter ist hebräisch, der Vater deutsch.“ Nur habe das Deutsche damals eben anders geklungen als heute.

Da hatte die Sängerin zusammen mit dem Klarinettisten Gennadiy Nepomnjaschiy und dem Pianisten Sergey Trembitskiy ihr Publikum schon mit einem leicht wiegenden „Wu is dos Gessele“ auf den Abend eingestimmt – und zeichnete danach ein wunderbar idyllisches Bild mit Alexander Olshanetskys „Unter beymer“. Unterstrichen wurde es durch Nepomnjaschiys Klarinettenzwischenspiel.

Ehefrau lässt Mann alleine

Anschließend ging es mitten in das Leben im „Schtetl“ (Kleinstadt). Da hörten die Festivalbesucher mit „Di mame hot mich geshickt“ von einer Tochter, in die sich der Verkäufer im Laden genauso sofort verliebt wie der Sohn des Metzgers und schließlich auch der Rabbiner, der doch eigentlich Rat geben sollte. Oder es ging zu „Fun montik bis fraytik“ um den versehentlich im Ofen verbrannten Kuchen für den Sabbat und dessen Folgen: ein wirscher Ehemann und eine Ehefrau, die ihn zum Sabbat allein lässt.

Hinreißend und einfühlsam

Poetisch klang es zwischendurch ebenfalls. Dov Seltzers „Flitss Feygeleh“ brachte die Geschichte vom hoffnungslos in die Königin verliebten Schneider. Dessen Abschiedsbrief sollte ein Vogel überbringen, und ihm zurück vielleicht eine Träne der Königin, auf dass er sie mit seinen Tränen vermischen könne – hinreißend und einfühlsam von den drei Musikern wiedergegeben.

Frauenchor Tübingen in Hechinger Synagoge Konzert als lebendiges Bild jüdischer Musikszene

Hechingen

Mit „Tumba“, einem Lied über ein glücklich verliebtes Mädchen, lud das Trio seine Zuhörer zum Mitsingen ein, was dankbar aufgenommen wurde. Klarinettenjuchzer folgten im ebenso tänzerisch klingenden „Skotschnja“, ehe Valeriya Shishkova mit dem nach Musical klingenden „Nit keyn trojm“ von Yuri Sherling mit ihrer Stimme große Innigkeit verbreitete.

Zur eindringlichen Aufforderung geriet später Mordechaj Gebirtigs zur Pogromzeit entstandenes „S‘brent“: Das „Schtetl“ solle weiterleben, aber dafür müsse man etwas tun. Schiller habe in seiner Ode „An die Freude“ davon geschrieben, „alle Menschen werden Brüder“. Im jiddischen Lied sei man da mit „Mir sajnen Brider“ schon weiter gewesen. Auch hier wurde das „Oj, oj, oj“ des Refrains begeistert vom Publikum mitgesungen.

Louis Primas „Sing, Sing, Sing“ vermischten die Musiker dann mit „Yome, Yome“, den armen, von Nepomnjaschiy auch darstellerisch gegebenen Klezmorim, dessen „Mädele“ viele Wünsche vom Kleid bis zum Ring hat.

Sanft getönt stand dem das von Leibu Levin in Töne gesetzte „Wiglid far Dir“ von der im KZ getöteten Selma Meerbaum-Eisinger gegenüber, ehe das Konzert mit tänzerischer Ausgelassenheit zu „Di Mesinke“ – zur Hochzeit der jüngsten Tochter – endete.

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