Sulzbach-Laufen Luft im Westen heilt den Sohn

WERNER SCHMIDT 08.11.2014
Weil ihr Sohn fast von Geburt an unter asthmatischer Bronchitis litt und die Ärzte im Osten nicht helfen konnten, reiste die Familie Schmidt in die BRD. Es war nicht einfach. Doch heute geht es ihnen gut im "Westen".

25 Jahre Überwindung der Mauer: Sandra und Jens Schmidt konnten das schon im Juli feiern. Am 4. Juli 1989 siedelte das junge Ehepaar gemeinsam mit dem zwei Jahre alten Sohn Chris um. Ganz offiziell, mit Visum "zur ständigen Ausreise nach der BRD". Davor aber wurde das Paar zwei Jahre schikaniert und ausgegrenzt, nachdem bekannt gemacht worden war, dass es die Ausreise beantragt hatte.

Dabei hatte es noch nicht einmal politische Gründe für die gewünschte Übersiedlung genannt: "Meine Mutter war als Rentnerin einige Jahre zuvor in den Westen gezogen. Wir gaben also Familienzusammenführung an", berichtet Jens Schmidt. Der eigentliche Grund aber war das Kind, das fast von Geburt an unter asthmatischer Bronchitis litt. Die Ärzte in der DDR konnten weder die Ursache diagnostizieren noch eine medikamentöse Besserung erwirken.

Aber kaum war die junge Familie im Westen, besserte sich der Gesundheitszustand des heute 27 Jahre alten Chris zusehends. Sandra Schmidt hat dafür eine ebenso einfache wie einleuchtende Erklärung: "Die Luft!" In der Nähe von Gera, wo die Schmidts herstammen, baute das Bergbauunternehmen Wismut in Ronneburg Uranerz ab. Vermutlich war es die daraus resultierende Luftverschmutzung, die die Erkrankung hervorrief.

Um gemeinsam ausreisen zu dürfen, heiratete das damals 25-jährige Paar: "Es hätte sonst passieren können, dass nur ein Partner die Ausreiseerlaubnis bekommt", erklärt Sandra Schmidt. Kaum hatten die Frischvermählten das Standesamt verlassen, überquerten sie die Straße, betraten dort die Dienststelle des DDR-Innenministeriums und beantragten die Ausreise.

Das hatte für die Krippenerzieherin Sandra Schmidt zur Folge, dass sie von ihrer ursprünglichen Arbeitsstelle versetzt wurde, wo sie trotz ihres kranken Kindes im Schichtdienst arbeiten musste. Aber, Glück im Unglück, ein Arzt bescheinigte ihr, dass Sohn Chris seines Asthmas wegen die Krippe nicht besuchen könne, was für die Mutter bedeutete, dass sie ihren Sohn zu Hause betreuen durfte.

Jens wurde auf andere Art und Weise gegängelt: "Ich musste einmal im Monat bei dem zuständigen SED-Parteisekretär antreten, um mich fragen zu lassen, ob ich es mir nicht anders überlegt hätte." Genervt kündigte er nach Monaten in dem Volkseigenen Betrieb (VEB) und fand Arbeit in einem der wenigen existierenden privaten Unternehmen.

Dazwischen wurden sie von der Stasi bespitzelt, die auch heimlich ihre Wohnung durchsuchte: "Wir haben gemerkt, das jemand in der Wohnung war. Das Schloss war nur einmal umgedreht. Wir riegelten immer zweimal ab." Einige Sachen standen anders als gewohnt und Nachbarn sagten auch, dass sich jemand heimlich in die Wohnung geschlichen habe.

Zu Beginn des Jahres 1989 stieg die Hoffnung auf eine baldige Ausreisegenehmigung: "Es bekamen immer mehr Menschen die Genehmigung zum Verlassen der DDR", erzählt Jens Schmidt. Und im Juni ging es dann ziemlich schnell. Die Familie erhielt die Ausreisegenehmigung und 14 Tage Zeit, alles zu regeln. Sie verkauften ihren zwölf Jahre alten Trabi teuer, erwarben dafür Dinge, von denen sie glaubten, sie für einen Neuanfang im Westen gebrauchen, sie aber nicht gleich kaufen zu können: Kleidung, Sachen für den Haushalt, Spielzeug für das Kind. Mit sechs Kisten, vier Koffern und einem Kind fuhren die Schmidts schließlich am 4. Juli 1989 mit der Bahn gen Westen.

Der sehr familienverbundenen Sandra fiel es schwer, ihre Eltern und vier Geschwister zurückzulassen. Keiner konnte ahnen, dass das Wiedersehen schon vier Monate später stattfinden würde: "Meine Eltern waren am 10. November die ersten Ostler, die in Gaildorf waren." Denn dorthin hatte es die Schmidts verschlagen.

Nach der Einreise in die Bundesrepublik waren sie einen Tag im Aufnahmelager in Gießen, regelten dort die notwendigen Formalitäten und reisten dann gleich weiter nach Baden-Württemberg, wo sie zunächst bei weitläufigen Verwandten in Fichtenberg unterkamen.

Haben sie denn nach dem 9. November je daran gedacht, in die alte Heimat zurückzuziehen? Ein energisches "Nein!" kommt aus dem Mund von Sandra Schmidt: "Wir hatten so Fuß gefasst, dass wir gar nicht auf die Idee gekommen sind, zurückzugehen." Das Verlassen der DDR war für sie gleichzeitig eine Chance für einen Neubeginn: "Es war für uns eine Herausforderung." Und: "Ja!" - es kommt ebenso eindeutig auf die Frage, ob sie es wieder machen würden.

In ihrer neuen Heimat fühlen sie sich wohl, von den Anwohnern wurden sie freundlich und neugierig aufgenommen. Vor elf Jahren baute sich die Familie mit eigenen Händen ein Haus in Sulzbach-Laufen, die Eltern von Sandra Schmidt sind inzwischen ebenfalls in die Nähe von Tochter, Schwiegersohn und Enkel gezogen. Ach ja: Sohn Chris lernte die DDR erst sehr spät kennen. Er studiert inzwischen in Erfurt.

Da ist aber eine Geschichte, die Sandra Schmidt noch immer nahezugehen scheint: Nach der Ausreise schickte sie ihren Eltern ein Paket. Das kam zurück. Der DDR-Zoll hatte es nicht passieren lassen. Reine Schikane, findet Sandra Schmidt.