Der Prozess an diesem Mittwoch vor dem Amtsgericht Langenburg beginnt mit einer Überraschung: Der Angeklagte fehlt. Er lässt sich im Sitzungssaal 11 durch seinen Verteidiger vertreten. Dabei handelt es sich um keinen Rechtsanwalt, das lässt die Strafprozessordnung zu, sondern um einen Rechtslehrer einer deutschen HochschuleProf. Dr. Marco Mansdörfer vom Lehrstuhl für Strafrecht einschließlich Wirtschaftsstrafrecht und Strafprozessrecht der Universität des Saarlandes. Mansdörfer arbeitete früher als Anwalt, heute sucht er sich „ausgewählte Sachen“ raus, wie er es im Gespräch mit unserer Zeitung formuliert. Ein Bekannter habe ihn auf diesen Fall aufmerksam gemacht.

Der Mann, den Mansdörfer vertritt, war damals 20 Jahre alt. Angeklagt ist er wegen fahrlässiger Brandstiftung. Die Staatsanwaltschaft Ellwangen, vor Gericht vertreten durch Oberstaatsanwalt Peter Humburger, legt diesem zur Last, am 22. August 2015 gegen 17.45 Uhr auf dem Gelände der Mühle in Lobenhausen, Papier, Pappkartons und Holzreste verbrannt zu haben. Durch Funkenflug sollen später eine Lagerhalle und vier Silos in Brand geraten sein. Den dabei entstandenen Schaden beziffert die Staatsanwaltschaft auf 2,6 Millionen Euro.

Youtube Prof. Dr. Marco Mansdörfer vertritt den Angeklagten zum Mühlenbrand in Lobenhausen vor dem Amtsgericht Langenburg.

Brandschaden deutlich geringer

Dagegen spricht der Mühlenbetreiber von einem deutlich geringeren Schaden. 1,3 oder 1,4 Millionen Euro hätte ihm die Versicherung erstattet, plus 300.000 Euro für die Entsorgung. Die Halle bestand aus einer 2,5 Meter hohen Betonwanne, darauf kam eine Stahlträgerkonstruktion und dann ein Satteldach mit Tonfalzziegeln. Die Wandflächen oberhalb der Wanne waren mit Holzbrettern verschalt. Zum Zeitpunkt des Unglücks – der Alarm bei der Kirchberger Feuerwehr ging um 21.46 Uhr ein – lagerten Hobelspäne, Holzpellets, Saatgetreide und Bigbags mit Dünger in der Halle. Zudem standen zwei Gabelstapler drin. Zugang zur Halle hatten auch Betreuer eines Zeltlagers in der Nähe, davon zeugten leere Gasflaschen. Hinter der Halle parkte ein Lkw mit Siloauflieger, den der Vater des Mühlenbetreibers gerade noch rettete.

Mühlenbrand „ist schon so lange her“

„Warum ist der Himmel so hell?“, fragte sich dessen Frau gegen 21.30 Uhr beim Blick aus der Balkontür des Wohnhauses. Dann sah sie den Lichtschein des Brandes und rief die Feuerwehr. „Das ist schon so lange her“ – diesen Satz hört man so oder so ähnlich häufiger von den Gästen der Grillfeier, die ein Bruder des Mühlenbetreibers an dem Abend auf der Terrasse veranstaltete. Niemand von denen hat etwas beo­bachtet, was weiterhilft.

Mansdörfer liest eine Erklärung des Angeklagten vor, der damals auf dem Mühlengelände wohnte: Die Feuerstelle gebe es schon mehrere Jahre, sie werde auch regelmäßig von der Familie des Mühlenbetreibers genutzt. Feuer zu machen sei „nichts Besonderes“ gewesen. Im konkreten Fall habe es damit zu tun, dass keine Papiertonne zur Verfügung stand. An dem besagten Tag sei ein Freund zu Besuch gewesen, der habe auch Kartonagen mitgebracht. Insgesamt hätten sie zwei Schubkarren voll verbrannt.

Die Mutter des Mühlenbetreibers habe den beiden noch einen Karton mitgegeben, das sagt sie als Zeugin aus, aber sie habe nicht gewusst, was der Angeklagte damit vorhatte. Überhaupt scheint von der Familie keiner etwas davon mitbekommen zu haben, dass er an diesem Tag etwas verbrannte. Familienmitglieder geben unisono zu Protokoll, wegen des heißen Wetters schon länger, wochen- beziehungsweise monatelang, kein Feuer mehr gemacht zu haben. Für den Freund des Angeklagten macht die Feuerstelle den Eindruck, „dass hier regelmäßig ein Feuer angezündet wurde“.

Bei den Holzresten, die an dem folgenschweren Abend verfeuert wurden, handelte es sich um zwei kaputte Paletten. Diese hatte allerdings der Vater des Mühlenbetreibers einige Zeit davor gegeneinander gestellt, um sie bei nächster Gelegenheit an Ort und Stelle zu verbrennen. Darunter soll sich weitere Kartonage befunden haben, die weder vom Angeklagten noch von dessen Kumpel stammte. Eine Frage, die noch geklärt wird: ob der Angeklagte dem Mühlenbetreiber Bescheid sagte, als er das Feuer verließ.

Dämmung des Mühlen-Gebäudes war „leicht entzündbar“

Das Entstehen der Feuerstelle begründet der Mühlenbetreiber übrigens mit dem Bau der Lagerhalle 2013/2014. Man habe Verpackungsmaterial entsorgen wollen. Die Kriminaltechniker der Polizei lokalisierten die Feuerstelle im Nachhinein anhand von Nägeln und Schrauben – sie war sieben Meter von der hinteren Wand der Lagerhalle entfernt. Aus diesem Bereich stellten die Techniker Reste der Dämmung sicher, die sich in Versuchen als „leicht entzündbar“ erwiesen. Es habe sich um styrodurartige Platten gehandelt.

Der Brandherd steht fest

„Ein ausgeprägter Brandspurtrichter“ zeigte sich an einer Tür in der Mitte der Halle, damit sind Rußniederschläge gemeint, die entstehen, wenn sich ein Brand ausbreitet. Die Tür ging nach außen auf und war von innen mit Waren zugestellt. Sie muss vor dem Brand aufgestanden oder während des Brandes aufgegangen sein. Dies zeigen Restpartikel der Tür, die sich unter Holzpelletresten befanden. Die zweite Tür und die beiden Rolltore waren dagegen geschlossen, die Gabelstapler wurden ebenso auf Defekte untersucht wie die Elektroinstallation, Witterungseinflüsse gab es nicht – somit stand der Brandherd fest.

„Hier hat jemand die Halle in Brand gesteckt“, vermutet einer der beiden Kriminaltechniker. Das sei „zunächst für uns die plausibelste Erklärung“ gewesen. Dazu passt ins Bild, dass die Stahlträger in der Mitte der Halle am stärksten durchgebogen waren und das Silo, das der Tür in der Mitte am nächsten war, am meisten abbekommen hatte. „Für mich war das ausermittelt, wenn der Hinweis nicht gekommen wäre“, sagt der Techniker noch. Es sei „nie die Rede von einem Feuer“ gewesen.

Hinweis auf Kinder mit Fackeln – Brand ausermittelt, bevor Angeklagter verdächtigt wurde

Was er damit andeutet, erklärt ein anderer Polizist.  Denn eineinhalb Wochen nach dem Brand meldete sich der Angeklagte bei der Polizei und wies auf sein Feuer hin, da war die Brandursachenforschung eigentlich schon abgeschlossen. Aber von da an habe man ihn „als Beschuldigten betrachtet“. Ob dies ein Grund war, warum eine andere Spur nicht verfolgt wurde, verrät der Polizist nicht. Fakt ist: Ein Zeuge meldete sich in etwa zu der Zeit, als der Brand entdeckt wurde, dass er in zwei Kilometern Entfernung zur Mühle zwei Kinder mit Fackeln gesehen habe.

Langenburg/Kirchberg

Dann soll noch ein Sachverständiger gehört werden. Doch Mansdörfer stellt einen Antrag wegen Besorgnis der Befangenheit. Der Sachverständige sei von der Versicherung des Mühlenbetreibers beauftragt worden – und die Klage gegen den heute 24-Jährigen vor dem Landgericht Ellwangen auf Schadensersatz. Dessen Büro sei „ausschließlich von der Seite des Geschädigten und damit als Parteigutachter beauftragt worden“.

„Kurzschluss-Spur“ entdeckt

Richterin Dr. Scania Herberger gibt dem Antrag statt. Fortan berichtet der Sachverständige lediglich als Zeuge, „seine gutachterlichen Schlussfolgerungen dürfen nicht verwendet werden“. Herberger sagt auch, dass dies eine „schwierige Gratwanderung“ sei. Und so berichtet der Mann von einem „Schwerpunkt der Brandzehrung im mittleren Hallenteil“, was sich mit den Erkenntnissen der Polizei deckt. Aber er entdeckte in der Nähe eines Schaltkastens im vorderen Teil der Halle auch „eine Kurzschluss-Spur“.

Was davon zu halten ist, könnte das neue Gutachten zur Brandursache zeigen, das ein Sachverständiger aus Thüringen am zweiten Tag vorstellt. Der Prozess in Langenburg wird am Mittwoch, 29. Januar, um 9.30 Uhr fortgesetzt. An diesem Tag soll auch das Urteil verkündet werden.