Schwäbisch Hall Liebesszenen mit dem Türpfosten

Schwäbisch Hall / dia 24.07.2018
Als Schauspieler musst du Masochist sein. Das findet Christine Dorner, mit 70 Jahren die Älteste im Ensemble der Freilichtspiele Schwäbisch Hall.

Manchmal, da überkommt es Christine Dorner einfach und sie gibt eine spontane Soloeinlage auf der Bühne. So geschehen in „Maria, ihm schmeckt’s nicht“, in dem sie als Nonna der italienischen Großfamilie vorsteht, bei den Domfestspielen in Bad Gandersheim. Mit Inbrunst bekennt sich ein junger Schauspieler singend als „Latin Lover“ und bekommt tosenden Beifall. Aber irgendwie wird an ihm vorbei applaudiert. Was ist geschehen? Christine Dorner hat im Hintergrund einen laut Dramaturg Florian Götz „unglaublichen Tanz mit einer Traverse“ hingelegt. Die Zuschauer tobten.

„Heiße Liebesszenen mit dem Türpfosten“ hat Christine Dorner schon als junges Mädchen in Graz hingebungsvoll geprobt.  Anregungen holt sie sich aus dem Grazer Opernhaus. Weil die Großmutter dort als Garderobiere arbeitet, hat sie freien Zugang, so oft sie will. In Nullkommanichts kann die Schülerin die Opernarien auswendig. Eine Freundin der Mutter meint damals, die solle doch Schauspielerin werden. So einfach, wie sie Texte lerne.

Heute ist Christine Dorner 70 Jahre alt und die Älteste im Haller Ensemble („des kannst glaub’n“). Sie hat in ihrer Laufbahn unter anderem die Madame Pernelle in „Tartuffe“, den Kaiser Franz Josef in „Im Weißen Rössl“ und eine „Nutte“ in Brechts „Im Dickicht der Städte“ gespielt, aber nie ein junges Mädchen. „Mit 29 war ich auf der Bühne schon Großmutter“, lacht sie.

Das Auswendiglernen fällt ihr inzwischen nicht mehr ganz so leicht. „Manchmal ist es eine Tortur“, sagt sie. Vor allem die stilisierte Sprache bei Schiller sei vertrackt. „Schließlich muss der Vers am Ende aufgehen.“ Aber als erfahrene Schauspielerin hat die Darstellerin des Attinghausen natürlich Tricks und Kniffe drauf. „Ich gehe beim Sprechen auf und ab, rede laut, gestikuliere und baue mir optische Brücken“, erläutert sie. Das kann ein Eselsohr oder eine andere augenfällige Markierung auf der Seite sein.

„Eigentlich wäre ich gern Tänzerin geworden“, überlegt Christine Dorner, die sich mit Yoga und Spazierengehen fit hält. Auch Sängerin, Stewardess oder Hotelsekretärin stehen bei ihr als junges Mädchen hoch im Kurs. „In Graz bleiben wollte ich jedenfalls nie“, erzählt die Österreicherin, die ihren Dialekt beibehalten hat. Und eines weiß sie heute zu schätzen, viel mehr, als ihr das früher bewusst war: „Ich hatte auf meinem Berufsweg unglaubliches Glück und traf zur richtigen Zeit die richtigen Menschen.“

Die junge Christine Dorner besucht in Graz die Fürsorgerinnenschule und heimlich die Akademie für Musik und Darstellende Kunst. Ein Schulfreund hat die 19-Jährige fit gemacht für die Aufnahmeprüfung. „Als das rauskam, gab es natürlich großes Geknatsche daheim“, erinnert sie sich. Für die Eltern war Schauspielerei gleichbedeutend mit „unter die Räder kommen“. Dann haben sie ihre Tochter aber doch zum Vorsprechen nach Deutschland begleitet und die junge Österreicherin beginnt ihre Karriere 1971 mit dem Stück „Undine“ in Dinkelsbühl. „Kulisse und Kostüme, Haare und Make-up – alles mussten wir Schauspieler damals selbst machen.“ Auch, dass ihr blondes langes Haar, eine Perücke, bei einer Aufführung im Gebüsch hängen blieb, hat sich ihr eingeprägt.

Nächste Station war das Theater Bremen, unter Intendant Kurt Hübner „damals das Walhalla unter den deutschen Bühnen“. Sie lernt Theaterregisseur Roberto Ciulli kennen, der viele Jahre ihr Wegbegleiter sein wird. In „Der Diener zweier Herren“ ist sie erst als Kammerzofe Smeraldina und später – nach der Hochzeit mit dem Regieassistenten Bernhard Schmidt in Freiburg und der Geburt der beiden Söhne – als knallharter Anwalt Dottore Lombardi zu sehen. Zwei Dingen dienen kann Christine Dorner auch privat nicht. Sie entscheidet sich für die Karriere, ihr Mann kümmert sich um Haus und Kinder.

Viele Rollen folgen. Sie spielt den von Ciulli inszenierten „Zyklop“ und tanzt sich durch das Musical „Chess“. „In Musical-­Produktionen herrscht nie schlechte Laune. Die Darsteller können sich das gar nicht erlauben“, weiß die Mimin. „Schauspieler dagegen sind oft hoch kompliziert.“ Auch für Operetten wie „Die Fledermaus“ begeistert sie sich, nimmt Gesangsunterricht, aber meint rückblickend, sie hätte fleißiger sein sollen. „Den Frosch habe ich sehr geliebt.“ Frosch ist der Name des Sliwowitz trinkenden Zellenschließers in der „Fledermaus“, den die Darstellerin torkelnd und österreichisch sprechend über die Bühne stolpern lässt.

Auch Auftrittsapplaus hat Christine Dorner schon bekommen, nachdem sie nach einigen Tagen Krankheit auf die Bühne zurückgekehrt ist. Etwas, das selten vorkommt, und im Gedächtnis bleibt. „Natürlich sind Schauspieler eitel.“ Da nimmt sich die 70-Jährige nicht aus. „Man giert regelrecht nach Zuwendung – und der Beruf bietet das.“

Aber die darstellende Kunst sei eine vergängliche, wird sie philosophisch. Anders als ein Maler, der hinterher etwas in der Hand halte, beginne man als Schauspieler jeden Tag wieder von vorn. „Nichts bleibt.“ Dabei spüre man oft auch seine eigene Bedeutungslosigkeit als Mensch und kämpfe obendrein ständig mit Versagens­ängsten, gibt die Künstlerin einen Einblick in ihr Inneres. Respekt hat sie vor der  „gnadenlosen“ Großen Treppe in Hall. Schiller, noch dazu auf der steinernen Bühne, sei „brutal schwer“ für sie. „Man steht dort, hat nur sich selbst und das Wort, und nichts, woran man sich festhalten kann“, erklärt sie, warum sie manchmal die Panik packt.

Christine Dorner hat sich im Laufe ihrer Karriere zwischen erfahrenen, älteren Schauspielern und dem Nachwuchs bewegt. Als Jungschauspielerin mit festen Engagements kann sie sich freispielen. Etwas, was es heute kaum noch gebe und was es sehr schwierig mache für die jungen Leute, sagt sie. Und sie schwärmt von alten Schauspieltalenten wie Gisela Uhlen, „die auf die Bühne tritt, die Ärmel hochkrempelt, loslegt und durch Handwerk und Ausstrahlung das Publikum bis in die hinterste Reihe erreicht“.

2011 spricht die 63-Jährige, die privat gern Musik von Piazzolla und Kurt Weill hört, bei Christian Doll vor. Damals noch bei den Domfestspielen in Bad Gandersheim. Ihm folgt sie auch nach Schwäbisch Hall. „Ich mag ihn einfach und bin ihm sehr treu“, sagt Christine Dorner über den Intendanten. „Auch wenn ich ihn, und er mich, manchmal gegen die Wand klatschen möchte.“ Von den jüngeren Ensemblemitgliedern wird die 70-Jährige hofiert, obwohl, oder gerade weil sie kein Blatt vor den Mund nimmt.  „Wenn ich mir die Kollegen so der Reihe nach anschaue, haben die meisten einen ,Hammer’“, sagt sie. „Aber ich mag sie alle.“

Früher habe sie Kindertheater nicht gemocht, heute liebt sie die Lebendigkeit. So kommt es auch, dass sie zum Beispiel gern den Pumuckl spielen würde. Oder mehrere Rollen in einem Stück. „Der Kirschgarten“ von Tschechow hat Christine Dorner übrigens auch zu einer Improvisation inspiriert. Im letzten Akt verlassen die Besitzer den russischen Gutshof, nur der 87-jährige Diener Firs wird eingeschlossen und bleibt regungslos liegen. Christine Dorner allerdings lässt den Mann nochmals aufstehen und genüsslich ein Glas Kirschkonfitüre leeren. „Die Zuschauer mögen so etwas“, weiß sie. „Und irgendwie ist man am Ende halt doch eine Rampensau.“

Zur Person

Christine Dorner wurde 1948 in Graz geboren und besuchte dort die Akademie für Musik und Darstellende Kunst. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.

Ihre Schauspielkarriere begann Christine Dorner 1971 am Fränkisch-Schwäbischen Städtetheater in Dinkelsbühl. Nächste Station war das Theater Bremen, unter Intendant Kurt Hübner eine der innovativsten Bühnen in Deutschland. Ihm folgt sie auch nach Berlin ans Theater der Freien Volksbühne. Später spielt sie Rollen in Schauspiel, Musical und Operette unter anderem in Köln, Düsseldorf und Bremerhaven. Einer ihrer regelmäßigen Wegbegleiter ist dabei der bekannte Regisseur Roberto Ciulli.

Unter der Regie von Christian Doll ist sie unter anderem der „Firs“ in „Der Kirschgarten“ bei den Gandersheimer Domfestspielen. Bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall tritt sie erstmals im vergangenen Jahr als Nonna, Familienvorsteherin der italienischen Großfamilie in „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ auf. In diesem Sommer ist die Vollblutschauspielerin erneut als Signora Christina in „Don Camillo und Peppone“ sowie als Attinghausen in „Wilhelm Tell“ auf der Großen Treppe in Schwäbisch Hall zu erleben.

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