Stimpfach Leben an der Jagst, im grünen Bereich

Stimpfach / Jens Sitarek 23.07.2018
Die Rathgebs haben die alte Stimpfacher Mühle in den vergangenen Jahren zu neuem Leben erweckt. Bei einer Führung gewähren sie einen Einblick in das Thema Wasserkraft im Wandel der Zeit.

Die Stimpfacher Mühle in der gleichnamigen Gemeinde wurde 1136 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, als Lehen der Stadt Ellwangen. Sie war eine der bedeutenden Mühlen an der oberen Jagst, wurde als Mahl-, Säge- und Gipsmühle genutzt. Wer sich die Straße im Hauptort Stimpfach entlangschlängelt, kann die Mühle in der Kurve nicht verfehlen. Bevor die Straße zur Kirchstraße und Rechenberger Straße wird, heißt sie hier, wie sollte es anders sein, Mühlstraße.

Die Stimpfacher Mühle ist eines der ältesten Anwesen in der Gemeinde, wie Matthias Rathgeb sagt. Am Samstag hält er in dem Raum, wo früher Mehl gemahlen wurde und heute Familienfeiern abgehalten werden, einen Vortrag zum Thema „Wasserkraft im Wandel der Zeit“. Der Vortrag ist Teil der Veranstaltungsreihe „Energiereise“ der Jagstregion, in der es darum geht, erneuerbare Energien im ländlichen Raum zu erleben.

Matthias Rathgeb wohnt mit seiner Frau Isabell und den gemeinsamen Kindern in der Mühle. Über eine Wasserkraftschnecke gewinnen sie regenerativen Strom aus dem Jagstwasser. „Der Standort“, sagt Matthias Rathgeb, „lebt von der Energie, die der Fluss bereitstellt.“ Ein Besucher der Veranstaltung aus Murrhardt, zufällig ebenfalls Mühlenbetreiber, lädt vor Ort und Stelle gleich sein Elektroauto für die Rückfahrt auf.

Selber viel Energie reingesteckt

Die Rathgebs führen gewissermaßen eine Familientradition fort. Konrad Schalch, einst Bürgermeister von Stimpfach, kaufte die Mühle anno 1907. Schalch ist ein Ururgroßonkel von Isabell Rathgeb. Deren Großeltern betrieben die Mühle zuletzt.

Dass die Rathgebs auch selber jede Menge Energie in die Mühle gesteckt haben, hört man zwischen ihren Sätzen immer wieder raus, und man sieht es an den Fotos, die Matthias Rathgeb zeigt. Von Dezember 2011 bis April 2012 war Baustelle. Sie wurde in dieser Zeit zweimal überflutet und stand wegen Hochwassers vier Wochen still. Im Vorfeld mussten 17 Behörden gehört werden. „Es war uns wichtig, die historische Erscheinung aufrechtzuerhalten“, sagt Matthias Rathgeb. Was man nicht sieht, wenn man es nicht weiß: „Die Mühle ist wie Venedig auf Eichenpfählen gegründet.“

Der Einbau von Wasserkraftschnecke und Fischtreppe kostete die Rathgebs 250.000 Euro. Rechnete man die Eigenleistungen hinzu, käme allerdings eine ganz andere Summe bei raus. „Der Aufwand für so eine Mini-Investition ist gigantisch“, betont Matthias Rathgeb.

Um die optimale Bauhöhe herauszufinden, sah er sich viele kleine Wasserkraftwerke an und maß über einen langen Zeitraum hinweg die Wasserstände der Jagst, um Erfahrungswerte zu sammeln. Die Formel, die dann am Ende herauskam und Eingang in die Software der Anlage fand, berechnete er selber. Matthias Rathgeb ist von Beruf Informatiker.

Ein spannender Moment

Das Öffnen des Dammes, den sie im Mühlkanal errichteten, um das Wasser von der Baustelle wegzuhalten, war dann „ein spannender Moment“, erinnert er sich. Sie waren erleichtert, dass alles funktionierte, die Schnecke sich drehte und „dass wir uns nicht verrechnet haben“.

Die 250.000 Euro refinanzieren sich über die Einspeisevergütung, die sie 20 Jahre lang bekommen, eine andere Förderung gibt es nicht. „Wir leben von der EEG-Umlage“, sagt Matthias ­Rathgeb. Und sie seien „froh, wenn wir in 14, 15 Jahren im grünen Bereich sind“. Eigentlich sind sie, was die Natur und den Strom angeht, schon jetzt in einem grünen Bereich, aber Matthias Rath­geb meint, dass es „in Richtung Hobbycharakter“ gehe, was sie da machen: „Wenn Sie das zu einem BWLer sagen, wird er sagen: Das Risiko gehe ich nicht ein.“ Natürlich gehört statt Renditedenken eher eine Portion Idealismus dazu.

Bevor die Rathgebs Schnecke und Treppe in Angriff nahmen, bauten sie 2008 die Mühle um, um darin zu wohnen. „Zwei Jahre Umbau, kurze Pause, dann Wasserkraft“, so klingt das in der Rückschau bei Isabell Rathgeb. Es muss schon ein komisches Gefühl gewesen sein, als ein riesiger Kran die viele Tonnen schwere Wasserkraftschnecke über das neu renovierte Haus lupfte.

50 Haushalte werden versorgt

Mit dem Strom, den die Rathgebs erzeugen, rund 185.000 Kilowattstunden pro Jahr, können 50 Haushalte versorgt werden. An einem Tag sind 1000 Kilowattstunden drin, wenn die Wasserkraftschnecke Volllast läuft. Dies ist meistens im Winterhalbjahr der Fall. „Wir freuen uns unheimlich, dass es regnet“, sagt Matthias Rathgeb am Samstag.

Zuerst verbraucht die Familie den Strom selber, dann wird er ins Netz eingespeist. Die 185 000 Kilowattstunden veranschaulicht Matthias Rathgeb an drei Beispielen: Mit einem Nissan Leaf könne man damit 31-mal um die Erde fahren. Und: Eine Energiesparlampe mit 14 Watt könne damit 1500 Jahre rund um die Uhr leuchten. Und: Das Atomkraftwerk Grundremmingen erzeuge diese Strommenge in sieben Minuten.

Das nächste Projekt steht schon

Der erste Strom in der Mühle wurde anno 1920 erzeugt, damals bekam sie einen Stromanschluss. Bei der Führung am Samstag gab es neben der Mühle, der Wasserkraftschnecke und der Fischtreppe auch das Sägewerk zu bestaunen. Es stammt von 1842 und ist gleich gegenüber. Dessen Renovierung wurde vor drei Jahren von der Landesdenkmalstiftung mit 17.000 Euro gefördert.

Im Sägewerk sei zum letzten Mal 1993 gesägt worden, berichtet Isabell Rathgeb. Neulich haben sie den alten 16-PS-Motor wieder zum Laufen bekommen. Was das angeht, steht dem nächsten Projekt jedenfalls nichts im Wege. Demnächst soll in der Stimpfacher Mühle wieder gesägt werden.

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