Landwirte, erklärt euch

RALF REICHERT 02.02.2013

Der Strukturwandel sucht die Landwirte in Hohenlohe seit Jahrzehnten heim. Wachsen oder weichen: So lautet die Devise. Das ist ein hartes Brot. Viele Bauern sehen sich aber auch zunehmend in eine Ecke gestellt, die ihr Selbstverständnis angreift, ihre Mentalität in Frage stellt, ihr Selbstbewusstsein mindert. Sie werden bedrängt: von pingeligen Verbrauchern, von protestierenden Tierschützern, von pedantischen EU-Bürokraten. Lebensmittel sind zur Massenware geworden, die Discounter unterbieten sich im Preiskampf. Was ist der Beruf des Landwirts eigentlich noch wert? Und wie ist sein Stellenwert in der Gesellschaft? Müssen Landwirte das alles hinnehmen? Diesen spannenden Fragen widmete sich am Freitag Carl Vierboom, ein Wirtschaftspsychologe aus Hennef, beim Hohenloher Bauerntag in Kupferzell.

Die Carl-Julius-Weber-Halle ist voll. 450 Besucher sind gekommen. Sie hören aufmerksam zu, als Vierboom von den "Bildstörungen in der Landwirtschaft" spricht. Kränkungen und Nervosität, Verunsicherung und Vereinsamung: Das alles hat der Experte ausgemacht. Der Berufsstand sei ins "Schwimmen" geraten, obwohl er doch Bodenhaftung haben müsste. "Denn Sie haben ja den Boden."

Die Gründe sind vielfältig. Vierboom setzt beim Verbraucher an. Er habe sich entfremdet von der Produktion. Lebensmittel seien im Überfluss vorhanden, die Kühlschränke voll, die Mülleimer auch. Schnäppchengier lasse die Preise purzeln. Der Essens-Alltag sei schwer gestört, die Ordnung dahin, dem Verzehr von Lebensmitteln einen übergeordneten Sinn zu geben. Ihn quasi zu heiligen, etwa mit dem Tischgebet. Der Urgrund dieses Genusses, der Rohstoff des Essens, er hängt in der Luft. So kann er sehr schnell skandalisiert, emotional aufgeladen werden. "Ohne eine kulturelle Einbettung", so Vierboom, "wird Schlachten zu Mord und Totschlag." Was wiederum die "Protestbranchen" auf den Plan rufe. Und schon ist das Image ramponiert. "Die Medien", so Vierboom zu verallgemeinernd, tun ihr Übriges.

Der Psychologe rät: Besinnen Sie sich wieder auf den Kern und das Kapital der Landwirtschaft. Zeigen Sie Haltung in der Tierhaltung. Und kommunizieren Sie besser. Je mehr Globalisierung, desto höher der Bedarf an Regionalität. Je mehr Virtualität, desto mehr Faszination am Material. "Und dieses Material haben Sie." Die Bauernhöfe öffnen, mehr Regionalmarken schaffen, mehr Verwandtschaften herstellen: Das empfiehlt Vierboom.

Ganz schön viel Input. In den Reden davor ist manches einfacher. Und lauter. Klaus Mugele, Vorstandschef des Bauernverbands für Hohenlohe, Hall und Rems, wettert: Klare Absage zu den Kürzungswünschen der EU. Stilllegung von Flächen, weil es ökologisch schick ist: Nicht mit uns. Die Landwirtschaft in Hohenlohe sei grün genug. "Nur Verzicht auf Erzeugung und Überbetonung von ökologischen Anliegen: Das bringt keine Wertschöpfung. Wovon lebt denn unsere Gesellschaft, doch nicht vom Unterlassen?" Mugele ist außer sich, die Menge applaudiert.

EU-Abgeordnete Inge Gräßle verspricht: "Die Landwirtschaft wird mehr oder weniger vom großen Streichkonzert herausgenommen. Ich bin nur besorgt über die zusätzliche Bürokratie, die sich abzeichnet. Das kann so auf keinen Fall bleiben."