Vielen aufmerksamen Zeitungslesern wird es so gehen wie der Kollegin aus der Redaktion: Beim Blick in die Polizeimeldungen bekommt man schnell den Eindruck, dass Unfälle unter Beteiligung von Fahrrädern oder E-Bikes im Landkreis zugenommen haben. Das stimmt so nicht ganz, wie das für den Landkreis Schwäbisch Hall zuständige Polizeipräsidium (PP) Aalen auf Nachfrage mitteilt.
„Die Anzahl der Unfälle unter Beteiligung von Fahrrädern ist nahezu identisch zum Vorjahr“, sagt Robert Kreidler von der Pressestelle des PP. Die Unfallzahl sei von 279 im ersten Halbjahr 2019 auf 281 im Vergleichszeitraum 2020 angestiegen. Bei den Unfällen mit Personenschaden sei die Zahl mit 252 Unfällen exakt gleich geblieben.
Die Zahl der schwer verletzten Fahrradnutzer sei gegenüber dem Vorjahr im Bereich des PP Aalen, das für die Landkreise Schwäbisch Hall, Ostalb und Rems-Murr zuständig ist, merklich angestiegen, führt Kreidler weiter aus. Im Vorjahreszeitraum waren es 57, in diesem Jahr schon 64. Das bedeute eine Steigerung um plus 12,28 Prozent. „Die Zahl der Leichtverletzten hingegen sank um 8,12 Prozent von 197 auf 181 im ersten Halbjahr 2020“, so der Polizeisprecher. „Bei der Betrachtung der Landkreise ist festzustellen, dass sowohl im Ostalbkreis als auch im Landkreis Hall ein leichter Zuwachs der Unfallzahlen zu verzeichnen ist.“ Lediglich im Rems-Murr-Kreis seien die Zahlen rückläufig.

Reutlingen-Sondelfingen

Bei den Unfällen unter Beteiligung von Pedelecs oder Elektrofahrrädern ist beim PP Aalen zudem ein deutlicher Anstieg der Unfallzahlen zu verzeichnen. „Die Unfallzahl stieg von 73 im ersten Halbjahr 2019 auf 94 bislang in diesem Jahr“, sagt Kreidler. Das entspreche einer Zunahme um plus 28,77 Prozent. „Ein vergleichbarer Anstieg ist bei den Verkehrsunfällen mit Personenschaden festzustellen.“ Die Zahl sei von 70 auf 86 um plus 22,86 Prozent deutlich angestiegen.
„Die zunehmende Beliebtheit von Fahrrädern mit elektronischer Unterstützung schlägt sich leider in steigenden Unfallzahlen nieder“, so Kreidler. Eine coronabedingte Steigerung der Unfallzahlen – Fahrradhändler berichten über ein gestiegenes Interesse an E-Bikes während der Corona-Krise – lasse sich statistisch aber nicht belegen.

Eindruck nicht geteilt

„Aus Zeitungs-Meldungen kann man tatsächlich den Eindruck gewinnen, Fahrradunfälle hätten etwas zugenommen – insbesondere Pedelec-Unfälle“, das sagt Dieter Wolfarth vom Kreisverband des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC). „Aus den Erfahrungen unserer Mitglieder haben wir aber eigentlich nicht diesen Eindruck. Vielleicht, weil wir auch schon lange und eher sicher Rad fahren“, so Wolfarth. „Wir beobachten aber eine Zunahme des Radfahrens, auch eine deutliche Zunahme des Anteils der Pedelec-Benutzer.“ Das sei eventuell eine – durchaus positive – Folge der Corona-Krise.
Wenn jetzt mehr Radverkehr stattfinde und durch mehr Pedelecs auch die Geschwindigkeit etwas höher sei, die Fläche für die Radfahrer oder die Infrastruktur aber nicht im gleichen Maße mitwachse, könne das eine mögliche Ursache sein. „Wir wollen und brauchen mehr Radverkehr, also brauchen wir auch dringend und zügig eine bessere und sichere Radinfrastruktur“, fordert der ADFC-Funktionär. Trotz großer Anstrengungen hinke der Ausbau der Fahrrad-Infrastruktur im Landkreis aber der Zunahme des Radverkehrs hinterher. „Wir brauchen dringend bessere Kenntnis der zum Teil neuen Verkehrsregeln und über sicheres Radfahren. Und wir brauchen dringend mehr gegenseitige Rücksichtnahme und Verständnis füreinander im Straßenverkehr“, so Wolfarth.

Info


Weitere Informationen für Fahrradfahrer und andere Verkehrsteilnehmer gibt es online.

Auch die Polizei ist mit dem Rad unterwegs


Auch bei den Polizeirevieren Schwäbisch Hall und Crailsheim sind Fahrräder und Pedelecs in ausreichender Zahl vorhanden. „Die Fahrräder und Pedelecs kommen lageangepasst zum Einsatz“, erklärt Robert Kreidler von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Aalen, „das heißt, sie werden sowohl für Präsenzstreifen, für die Ermittlungstätigkeit und auch für Fahrten zu Besprechungen genutzt.“ Eine Statistik über Häufigkeit und Dauer des Einsatzes der Fahrräder und Pedelecs werde aber nicht geführt. noa

Fähigkeiten auf dem Rad langsam aufbauen


Unerfahrene Radfahrer brauchen sichere Kenntnisse über Verkehrsregeln und sollten ihre radfahrerischen Fähigkeiten langsam aufbauen. Das sagt Dieter Wolfarth vom Haller ADFC: „Vor allem sollte man mit angepasster Geschwindigkeit fahren.“ Mit einem Pedelec erreiche man sofort 25 Stundenkilometer, was an vielen unübersichtlichen Stellen zu schnell sei. Wichtig sei auch das Einhalten von Sicherheitsabständen: einen Meter Entfernung zum rechten Straßenrand, 1,5 Meter Entfernung zu parkenden Kraftfahrzeugen, möglichst 1,5 Meter Entfernung beim Überholen von Fußgängern und Radfahrern. Außerdem empfiehlt Wolfarth, gut sichtbare Kleidung zu tragen, am besten eine Warnweste: „Gesehen werden ist ganz wichtig.“

Der ADFC im Landkreis hat eine Broschüre zum Thema Fahrradsicherheit herausgebracht. „Sicher Radfahren in und um SHA“ steht online zum Download bereit.   noa